Verehrung der Weiblichkeit

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Als Auftragsarbeit lichtete die renommierte französische Fotografin Bettina Rheims das russische Modell Olga Rodionow ab. Das Ergebnis ist »The Book of Olga«, der exklusivste und sinnlichste Fotoband des Jahres.

Ein ständiges Spiel aus Begehren und Anbetung, Lust und Leidenschaft, Verlockung und Versuchung – das ist The Book of Olga, eine einzigartig aufregende, betörende und aufreizende und an Giovanni Boccaccios Il Decamerone angelehnte Erzählung in Fotografien, geschaffen von der Französin Bettina Rheims. Die Sammlung enthält die fotografischen Inszenierungen, in deren Mittelpunkt die Russin Olga Rodionow steht. Diese schillern in prächtigen Farben, sind von einer bestechenden Schärfe und atemberaubender Sinnlichkeit.

Olgas Ehemann, der russische Medienmogul Sergej Rodionow, trat an die bedeutendsten Fotografen weltweit heran, um sie für ein außergewöhnliches Fotoprojekt zu gewinnen. Er bat sie, die Schönheit seiner Gattin – das über Moskaus Grenzen hinweg bekannte Modell Olga Rodionow – für ihn und die Welt festzuhalten, sie in erotischer Manier abzulichten. Bettina Rheims ging darauf ein und seit dem ersten Aufeinandertreffen bildet die Russin eine Art musisches Zentrum in ihrem Oeuvre, das kürzlich in Berlin zu sehen war. Es ist die Anpassungsfähigkeit der Russin, wegen der die Fotografin immer wieder zu ihr als Modell zurückkehrt. Keine Garderobe, keine Pose, keine Szenerie, in der sie nicht absolut natürlich wirkt. Eigentlich verwunderlich, sagt Olga doch von sich selbst, dass auf den Bildern nicht sie, sondern nur die Ablichtung einer Kunstfigur zu sehen sei. Für Olga handelt es sich nur um ein Spiel mit den eigenen Fantasien und der eigenen Lust. Es sei letztlich nur die Illusion des Betrachters, in ihr die verführerische Geliebte oder den männermordenden Vamp zu erkennen.

Dieses Spiel ist wenngleich naheliegend höchst abwechslungsreich. Olga ist auf den Bildern Pop-Ikone und barocke Mätresse, Domina und gefesselte Masochistin, Gespielin und intime Freundin, reife Dame und verspielte Göre, Rockerbraut und Engelchen. Sie vereint das Wilde und das Sanftmütige, das Verrückte und das Bodenständige, das Laszive und das Biedere. Die Kunstfigur Olga verkörpert das Göttliche und Diabolische zugleich. Kurz: Rheims lässt sie die realisierte Fantasie der – nicht nur männlichen – Erotik und Erotomanie sein.

»Die Erotik beginnt mit einem Dritten.« Dieser Satz ist von Salvador Dali überliefert. Er erhält auch in The Book of Olga Relevanz. Immer wieder waren Modell und Fotografin nicht nur für sich, sondern Rheims setzte Olga mit verschiedenen Jünglingen in Szene. Ihr ist es dabei gelungen, die bildhafte Illusion an die Grenze der Erotik zu führen, in der die Lust zum Verlangen wird. Es bleiben stets die entscheidenden Millimeter zwischen den Lippen und Körpern der Modelle, die der Betrachter selbst überwinden muss, um die Statik der Fotografie beiseite zu schieben. Es ist der Voyeur, der die Olga-Bildserien selbst im Kopf weiterlebt und mit seinem Blick über den Buchrand in die Welt der Fantasie gleitet. Die Fotografien halten keine Augenblicke fest, sondern sind Vorspiel der Gedanken des Betrachters und streben daher zu den Möglichkeit des Seins.

default_ce_rheims_olga_box_open_01_0809011740_id_168907Die Möglichkeiten des Seins, die testete auch die Autorin des Beiwortes, die Chefredakteurin des französischen Kunstmagazins art press Catherine Millet aus. In ihrer zum Skandal der gehobenen Pariser Kreise hochgejazzten Beichte Das sexuelle Leben der Catherine M. offenbarte sie 2001 ihr nach allen Seiten hin offenes Intimleben in der Ehe mit dem französischen Fotografen und Schriftsteller Jacques Henric. Dort konnte alle Welt nachlesen, wie sie sich auf Gruppensexparties und in Swingerclubs mit bekannten und unbekannten Männern einließ oder wie sie sich in den heimischen Laken oder im Pariser Bois de Boulogne verlustierte. Inzwischen hat sie sich von dem geäußerten Vergnügen in ihrer autobiografischen Erzählung Jour de souffrance (Flammarion) distanziert und ist zurückgekehrt zu ihrer Expertise für die Kunst. Sie hat The Book of Olga ein glänzendes Kurzessay vorangestellt, in dem sie Rheims Herangehensweise, der traditionellen Kunst Anregungen zu entnehmen und die Klassik neu aufzugreifen, hervorhebt.

Doch Bettina Rheims spielt in ihren Bildern nicht nur mit den Klassikern der Kunstgeschichte, sondern auch mit den modernen Mythen unserer Zeit. So lässt sie Olga eine kubanische Zigarre auf ihrem rasierten Venushügel rollen – eine erotomanische Übersteigerung der modernen Mär, das echte kubanische Zigarren auf den nackten Oberschenkeln junger Kubanerinnen gerollt würden, um dort ihr besonderes Aroma aufzusaugen. Das letzte Bild des Bandes ist hingegen eine Hommage an Gustave Courbets Der Ursprung der Welt. Rheims Fotografie zeigt die – hier allerdings konträr zum Original rasierte – Scham der Russin im Bildzentrum und den nackten Torso, eine Brust und der Kopf sind von einem Tuch bedeckt – eine moderne Variante der Unbekannten, die Courbet 1866 malte. Das Bild zeigt alles und doch nichts – das Intimste wird gezeigt und bleibt zugleich verborgen, denn letztlich ist nur Körper zu sehen, der durch Olgas Intimschmuck wie in sich verschlossen wirkt. Der Blick in die Augen, in die Seele dieser geheimnisvollen Frau ist unmöglich. Das Bild scheint zu sagen: Was Du da siehst, ist nicht Olga und auch niemand anders. Du siehst einzig Deine Fantasie.

Der herausgebende Taschen-Verlag hat diesen einzigartigen Band auf 1.000 Exemplare limitiert, die nummeriert und von der Fotografin signiert sind. Dies erklärt den wahrlich fürstlichen Preis des Bandes, den wohl nur Sammler berappen werden. Schade für alle anderen, denn The Book of Olga ist ohne Zweifel der sinnlichste Fotoband des Jahres.

WEB_ce_rheims_olgaBettina Rheims: The Book of Olga.

Englisch, Deutsch, Französisch

Taschen-Verlag

154 Seiten. 350 Euro

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