Das Leiden der Davongekommenen

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Wie soll man leben, wenn alles zusammenbricht? Wie kann man weitermachen, wenn jeder Halt verloren geht? Wie bleibt man Mensch, wenn Unmenschlichkeit die Macht ergreift? Orlando Figes beweist in seiner eindrucksvollen und faktenreichen Studie über das »Leben in Stalins Russland« die Ambivalenz des Menschlichen im Angesicht der individuellen Bedrohung.

Vaterland, kein Feind soll dich gefährden,
teures Land, das unsre Liebe trägt,
denn es gibt kein andres Land auf Erden,
wo das Herz so frei dem Menschen schlägt.

Verse aus dem »Lied vom Vaterland«, welches der Erfinder der sowjetischen Propagandahymne Wassili Lebedew-Kumatsch zu Ehren des stalinistischen Russlands einst schrieb. Nach der Lektüre von Orlando Figes ergreifender Geschichts- und Biografiestudie Die Flüsterer kann man über derartige Zeilen nur den Kopf schütteln. Vielmehr müsste es »… denn es gibt kein andres Land auf Erden, wo das Herz so frei den Menschen schlägt.« heißen, denn das »Leben in Stalins Russland«, so der Untertitel des mehr als 1.000 Seiten zählenden Werkes, war ein Leben der Verluste und Schmerzen, der Opfer und Entbehrungen, der Mühen und Qualen. Ein Leben in Stalins Russland war nicht nur der Kampf ums Überleben, sondern auch die Qual des Überlebens. Das Leben in Stalins Russland war ein Verbrechen, »das größte Verbrechen des Jahrhunderts«, wie der russische Schriftsteller Warlam Schalamow schrieb.

Der britische Historiker Orlando Figes holt in seiner neuesten Arbeit mit Hilfe zahlreicher Familiengeschichten den stalinistischen Terror aus dem Abstrakten ins Konkrete und macht auch für den letzten Zweifler deutlich, welch zerstörerische Macht »Väterchen Stalin« auf die russische Gesellschaft, aber auch auf die einzelnen Menschen ausübte. Die individuelle Zerstörung des Menschen macht das Beispiel von Jelisaweta Delibsch anschaulich, die 1928 im sibirischen Verbannungsort Minussinsk geboren wurde. Schon als kleines Kind wurde sie mit ihrer Mutter von einem Arbeitslager ins nächste geschickt, im Alter von acht Jahren ereilte sie die Trennung von ihren Eltern. Im Mai 1937 wurde ihr Vater hingerichtet, im November desselben Jahres ihre Mutter erschossen. Währenddessen wurde Jelisaweta von einem väterlichen Verwandten zum nächsten gereicht, die ebenso nacheinander verhaftet wurden; zuerst ihr Onkel Grigori (April 1937), dann ihre Tanten Margo (Juli 1937) und Raja (August 1937). Über Tiflis kam sie dann zu ihren mütterlichen Verwandten, die sie wiederum zu ihren Großeltern brachten. Jelisaweta überlebte Stalins Russland, es blieb aber immer das Gefühl, verlassen und nicht gewünscht zu sein. Jelisawetas Schicksal ist nur ein Exemplarisches für Millionen russischer Geschichten.

Die Erzählungen und Urkunden von Familien wie den Simonows und Laskins – denen weite Teile des Buches gewidmet sind – , den Golowins und Slawins, den Konstantinows und Delibaschs bilden die Grundlage für Figes Werk. Anhand der Erinnerungen der Überlebenden des stalinistischen Terrors, den Kenntnissen und Erinnerungen derer Kinder sowie den auffindbaren Familiendokumenten und -fotografien ist es gelungen, diese Familien wieder ins Leben zurückzurufen. In akribischer Arbeit hat sich Figes durch die Gesellschaftsgeschichte des Landes von 1917 bis weit in die sechziger Jahre gewühlt und dabei die ergreifenden Berichte zutage gefördert, die das schreckliche Leiden der Menschen einerseits, aber auch ihren unbändigen Willen zum Überleben andererseits aufzeigen.

Die Flüsterer ist deutlich mehr als die sorgfältig recherchierte Historie eines Volkes. Das Buch ist vielmehr eine psycho-soziologische Forschungsarbeit, die nicht in den historischen Fakten verharrt, sondern nach dem Innenleben der Menschen, den Motiven und Antrieben ihrer Handlungen fragt. Dem Autor ist es gelungen, die Resultate der unzähligen Arbeitsstunden in Archiven und Bibliotheken und an den Küchentischen seiner Interviewpartner in einem kompakten Werk zu bündeln. Obwohl Figes aus unzähligen Dokumenten und Briefen zitiert, verfällt er nicht in das typische Bibliothekssprech des weisen Historikers. Ungeschönt, prägnant, wenn auch zuweilen etwas zu detailverliebt präsentiert er die Ergebnisse seiner jahrelangen Recherche, deren Resultat zur richtigen Zeit erscheint, da – ähnlich wie die letzte Generation der Holocaustüberlebenden – auch die letzten Zeitzeugen der Stalin-Herrschaft sterben. Allein bis zur Veröffentlichung seines Buches waren mehr als 25 seiner Interviewpartner verstorben.

Figes Werk erzählt vom individuellen Rückzug hinter die Diktion, zunächst einer Partei und schließlich hinter die einer Person wider die Vernunft. Ganz egal, wie verheerend die Linie der Kommunisten nach 1917 für Russland und die russische Bevölkerung war, sie wurde nicht laut – und schon gar nicht öffentlich – infrage gestellt. Die Vernichtung der russischen Bauernschaft im Krieg gegen die Kulaken war gleichbedeutend mit dem wirtschaftlichen Niedergang des Landes, da die erfahrungsreichsten und fleißigsten Bauern diesem Feldzug zum Opfer fielen. Ein katastrophaler Fehler, dienten die Entkulakisierungskampagnen doch einzig und allein dem Durchsetzen der dörflichen Kollektivierungsstrategie der Partei. Nicht dass dies niemand wusste. Doch dies sagen und damit die Partei in Frage stellen, wagte sich niemand. Direkte Folge dieses kollektiven Schweigens war die folgenschwere Hungerkatastrophe von 1931 bis 1933, die die gesamte Bevölkerung zu spüren bekam und der Millionen zum Opfer fielen.

Auf der individuellen Ebene stellte das rigide Vorgehen gegen die Bauern den Beginn der Zerschlagung der russischen Gesellschaft dar. Vor den Augen der schweigenden Freunde und Nachbarn mussten die zur Verbannung und Vertreibung verurteilten Kulaken ihr Hab und Gut verlassen und sahen es oft niemals wieder. Die Familienverbände lösten sich in den russischen Weiten auf. Oft lagen tausende Kilometer zwischen den Lagern der Familienmitglieder. Frauen wurden von ihren Männern, Kinder von ihren Eltern, Geschwister voneinander getrennt. Großeltern sorgten oftmals für ihre Enkelkinder, während die eigenen Kinder in Arbeitslagern inhaftiert oder längst erschossen waren. Die Großmutter ist daher noch heute eine der Heldenfiguren in der russischen Gesellschaft, denn die wenigen Fäden einer Familie, die auch in Stalins Russland existierten, liefen in den meisten Fällen bei den Großmüttern zusammen.

Den Aufbruch in eine vermeintlich bessere Gesellschaft erlebten nur die Bewohner der sowjetischen Großstädte, in die in den dreißiger Jahren viel Bewegung kam. So wurde bspw. in Moskau enorm viel gebaut und ungeahnte Karrieremöglichkeiten taten sich auf, wenn, ja wenn man eine saubere Weste hatte. Die parteipolitische Akkuratesse wurde durch die heraufziehende allgegenwärtige Überwachung und Verfolgung gesichert. Das so genannte kommunalka-System, d.h. das Leben in Gemeinschaftswohnungen, dehnte die staatliche Überwachung bis weit in den privaten Bereich aus. »Die Gemeinschaftswohnung war das häusliche Zentrum der sowjetischen Neidkultur, die sich angesichts ständiger Versorgungsengpässe wie von allein entwickelte«, erläutert Figes. Misstrauen, Hass und Niedertracht, so der Historiker weiter, führten dazu, dass schon nebensächliche Streitigkeiten und Eifersüchteleien in Anzeigen mündeten. Die Angst, selbst Opfer der Parteilinie zu werden einerseits und die Möglichkeit des persönlichen Nutzens andererseits führte also dazu, dass der Einzelne unter diesen Bedingungen bereitwillig zum Teil des Systems wurde.

Ein »echter Sowjet« konnte allerdings nur werden, wer sich dem Regime absolut anpasste und unterwarf. Dies erforderte nicht selten den vollkommenen Bruch mit der eigenen Biografie, um jeden Anschein eines Stigmas auszulöschen. Für die Generation der nach 1917 geborenen Russen war dieses Ideal des echten Sowjetbürgers in durchaus greifbarer Nähe; es erforderte allerdings oftmals die vollkommene Distanzierung von den durch die Eltern vermittelten Werten und Maßstäben. Figes zitiert hier aus zahlreichen aufwühlenden und bewegenden Briefen verbannter Eltern an ihre Kinder, in denen sie ihnen in einer verzweifelten Geste die Abkehr von den elterlichen Werten und Normen nahe legen. »Vergiss uns nicht komplett, aber vergiss uns so viel, wie es zum Leben notwendig erscheint«, spricht aus vielen der aufgeführten Briefe. Ein solch kollektiver Prozess der Loslösung von den einstigen Werten vollzieht sich geradezu im Alleingang, wenn ein Volk sich neu zu erfinden glaubt, wie dies das russische der zwanziger und dreißiger Jahre für sich beanspruchte. Da der Kommunismus und Stalinismus einen religiösen Status erhielten, bestand die einzige Sorge der jungen Generation gerade darin, von diesem gottgleichen Vertrauen aus persönlicher Schwäche abfallen zu können: »Die größte Angst hatten wir davor, den Kopf zu verlieren, von Zweifeln oder Ketzerei übermannt zu werden und unseren grenzenlosen Glauben einzubüßen.« Eine fast trotzige Abkehr von den durch ihre Biografien beschädigten Eltern war die weit verbreitete Konsequenz.

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