Der poetische Blick

Schwimmer unter Wasser, Esztergom, 1917 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt in den 1980er Jahren, Bibliothèque nationale de France

»Technisch sind die Fotos makellos, und in der Komposition erkenne ich Dich nicht wieder.« Der Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt in der weltweit ersten Retrospektive das Gesamtwerk des in Ungarn geborenen Fotografen André Kertész.

Siebzehnjährig gab Andor Kertész seinem fotografischen Werk intuitiv sein lebenslanges Leitbild vor, als er im Januar 1912 in sein Tagebuch notierte: »Ich versuche, in allem das Poetische zu entdecken«. Im selben Jahr nahm der ungarische Fotograf mit einer unhandlichen Holzkamera eines seiner berühmtesten Bilder auf. Schlafender Junge ist bis heute eine Ikone der Fotografie. Als eine der ersten Aufnahmen, die überhaupt von Kertész bekannt ist, zeigt sich hier schon sein Gespür für die Komposition eines Bildes. Wie Linienverläufe und Formen einander beeinflussen und welche Wirkungen sie auf den Betrachter haben – Kertész sah dies wie kaum ein anderer. Schon in dieser frühen Fotografie wird das deutlich.

Schlafender Junge steht am Anfang einer biografischen Reise, auf die man sich momentan im Berliner Martin-Gropius-Bau begeben kann. Es ist eine Reise durch Zeit und Raum mit dem einzigartigen, in Ungarn geborenen Fotografen André (Andor) Kertész (1894 – 1985). Dessen Werk wird nun, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, erstmalig in einer Gesamtschau gezeigt.

André Kertész kam aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater verdiente sich als fliegender Buchhändler, die Mutter betrieb ein Café, um den Unterhalt der fünfköpfigen Familie (Kertész hatte zwei Brüder, Imre und Jenö) aufzubessern. Oft war Kertész gemeinsam mit dem Vater unterwegs und machte dabei Aufnahmen in den Straßen Budapests und auf dem Land. Fern von Perfektion spürt man in diesen Aufnahmen noch das wilde Suchen ihres Schöpfers, aber zugleich strahlen sie eine geradezu magische Anziehungskraft aus, als wäre man selbst Zeuge des fotografischen Akts. 1915 konnte Kertész erstmals Aufnahmen in der Budapester Illustrierten Interessante Zeitung unterbringen, wurde jedoch kurz darauf von der Armee eingezogen. Er musste an die Front. Völlig überfordert von der Situation im Krieg wurde die Kamera zu seinem Schutzschild und besten Freund. Er fotografierte wie vom Wahnsinn gepackt, aber stets heimlich – schließlich war er zum Schießen und nicht zum Fotografieren einberufen worden. Seine Fotografien zeigen Abschied nehmende Familien, Briefe schreibende Soldaten oder eine Marschkolonne, die sich bis zum Horizont zieht (Langer Marsch). Inmitten des Elends erlebte Kertész Momente von einmaliger Schönheit. In seinem Tagebuch findet sich folgende Notiz: »Wir waren im Morgengrauen losmarschiert. Plötzlich sah ich ein herrliches Bild: ein kampierendes Bataillon bei Tagesanbruch. Eine Landschaft im Nebel mit schlafenden Soldaten, die friedlich träumen.«

Aufgrund einer Kriegsverletzung musste er sich 1917 in Esztergom einer Physiotherapie unterziehen. Zahlreiche Aufnahmen entstanden in der ländlichen Idylle. In Erinnerung geblieben ist jedoch eine Aufnahme, welche er am Schwimmbecken der Heilanstalt machte. Die Fotografie Unterwasserschwimmer lebt vom Licht- und Schattenspiel der Sonne auf der unruhigen Wasseroberfläche, welches dafür sorgt, dass der Kopf des Tauchenden im Bild verschwindet. Doch nicht nur aufgrund dieses Effekts, sondern wegen der gesamten Bildkomposition ist diese Fotografie von einzigartiger Qualität. Kertész muss in der Situation das Gespür für die richtige Perspektive und den richtigen Moment erkannt haben, denn die Elemente auf der Fotografie wirken wie angeordnet. Der Schwimmer bildet die das Bild akkurat durchtrennende Diagonale, seine Füße sind noch eben vollständig über den linken Bildrand gerutscht, vor den Händen ist noch etwas Platz, die Tauchrichtung andeutend – die gesamte Haltung des Schwimmers erinnert an einen abgeschossenen Pfeil.

André Kertész, Concorde-Platz, Paris, 1928

André Kertész, Concorde-Platz, Paris, 1928

1919 kehrte Kertész aus dem Krieg zurück. Es war eine Rückkehr in die Arme der geliebten Familie, deren Mitglieder nun häufig auf seinen Fotografien zu finden sind. 1921 entstand Der blinde Musikant, ein weiterer Beleg für Kertész Gespür, wann er auf den Auslöser zu drücken hatte. Ein halbes Jahrhundert nach der Aufnahme erinnerte sich Kertész an die Situation mit folgenden Worten: »Ich habe das Foto an einem Sonntag gemacht; die Musik hatte mich geweckt. Dieser blinde Geiger spielte so schön, dass ich den Klang noch genau im Ohr habe. Vielleicht wäre er ein großer Geiger geworden, wenn er in Budapest oder Wien, und dann in einer anderen Familie, zur Welt gekommen wäre.« Wenngleich man auch seine Zweifel haben darf, ob Kertész tatsächlich von der Musik geweckt worden ist und in Windeseile seine unhandlichen Fotografenutensilien in Position gebracht hat und obgleich die Melodie, an die er sich zu erinnern scheint, möglicherweise eine Imagination ist, so wird hier doch deutlich, wie ausschlaggebend das Gefühl und die Stimmung für Kertész war, wenn er seine Fotografien machte.

Die Nachkriegszeit in Ungarn war für einen jüdischen Künstler, selbst wenn er wie Kertész immer wieder seine Religionslosigkeit betonte, eine Unzeit. Die ohnehin schon rare Auftragslage verschlechterte sich für Kertész durch den aufkeimenden europäischen Antisemitismus, der auch in Budapests Kunstszene zu spüren war. Kertész sah sich gezwungen, Ungarn zu verlassen. Ausgerechnet er, der außer dem Ungarischen keine andere Sprache beherrschte und auch künftig nicht beherrschen sollte, musste Ungarn verlassen.

Einzig mögliches Ziel schien ihm Paris, in den Zwanzigern neben Berlin die pulsierende Metropole Europas. Außerdem hatte sich im Quartier Latin, wo sich André Kertész nach seiner Einwanderung 1925 in eine Pension einmietet, bereits eine beachtliche ungarische Künstlergemeinschaft gebildet, der er sich anschließen konnte. Nahezu täglich traf er nun ungarische Künstlerfreunde wie Fernand Léger, László Moholy-Nagy, Lajos Tihanyi, Sandor Marai, Magda Förstner, Helén & Géza Blattner, Brassaï und viele mehr, die das Neue Sehen ihrer Zeit geprägt haben. Zahlreiche Fotografien aus der Zeit belegen das rege gesellschaftliche Leben der ungarischen Exilanten in Paris. Einigen dieser Freunde begegnet der Ausstellungsbesucher im Laufe der Ausstellung wieder, etwa die Tänzerin Magda Förstner in der Aufnahme Satiric Dancer oder den taubstummen Filmemacher Lajos Tihanyi, der auf dem Porträt von Kertész eine Rauchfahne ausstößt – das bildliche Symbol für seine Unfähigkeit, zu sprechen.

Satirische Tänzerin, 1926 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt in den 1950er Jahren, Bibliothèque nationale de France

Satirische Tänzerin, 1926 | Silbergelatine-Abzug, Gedruckt in den 1950er Jahren, Bibliothèque nationale de France

Zwar konnte André Kertész in diesem Kreis sicher sein, dass man ihn verstand, aber im Alltag stieß er mit seinem rudimentären Französisch an Grenzen. Er wand sich schließlich der einzigen Sprache zu, die er intuitiv beherrschte – der Sprache der Fotografie. Zugleich führte ihn diese verbale Sprachlosigkeit zunächst in die innere Isolation – Kertész zog sich zurück, lebte in äußerst knappen Verhältnissen.

Die neuen Perspektiven in Paris aber forderten ihn heraus. Die endlosen Blicke über die von Schornsteinen gesäumten Dächer, die weiten Boulevards, die zahlreichen Vogelperspektiven, die sich ihm boten, die Vielfalt neuer Formen und Linienverläufe in der Pariser Architektur, das pulsierende Leben, die ständige Bewegung – all das führte dazu, dass er seinen Stil in den ersten Pariser Jahren perfektionierte. Sein Bruder Jenö schrieb ihm schon 1926, nachdem er einige der neuen Fotos begutachten konnte: »Als wir Abschied nahmen, warst Du unsicher; es mangelte dir an Selbstvertrauen und Individualität; vieles war Imitation. Nun macht nicht mehr allein die Kamera die Bilder, sondern das Objektiv fängt ein, was Du aufnehmen willst … ich weiß nicht einmal, wie Du es gemacht hast. Technisch sind die Fotos makellos, und in der Komposition erkenne ich Dich nicht wieder … Offenbar hast Du ein Jahr der quälenden Sorge ums tägliche Brot gebraucht, um innerlich unabhängig und gefestigt zu werden.«