Schreiben für die Wiederherstellung der Menschenwürde

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu bei einer Veranstaltung im Literaturhaus Köln | wikimedia

Der 1958 geborene Yiwu ist weltbekannt, weil er die chinesische Gesellschaft von unten genauer beleuchtet und uns mehr Klarheit in das kaum zu durchschauende Informations-Wirrwarr innerhalb der chinesischen Gesellschaft bringt. In den Medien werden teils sich widersprechende Meldungen gebracht, die entweder dramatische politische Ereignisse widerspiegeln oder aus denen man von gigantischen (Bau-)Vorhaben im Land der aufgehenden Sonne erfährt. Yiwu ordnet uns dieses Chaos und zeigt, was sich hinter den glänzenden Fassaden der chinesischen Prachtbauten verbirgt.

So zeigt er auch, wie die einfachen Menschen in China ihre Wirklichkeit erleben. Wir Leser können der Frage nachgehen, ob humanistische Gedanken im Reich der Mitte keine Chance haben oder politische Verwerfungen von den westlichen Medien nur massenwirksam aufgebauscht werden?

In seinen Büchern wird eher die erste These bestätigt. Das in China ebenfalls verbotene Buch Fräulein Hallo und der Bauernkaiser etwa bietet einen interessanten Einblick in den Provinzalltag. Dazu reiste der Autor landauf und landab und sprach mit einfachen Menschen aus ganz unterschiedlichen Milieus.

Liao Yiwu interviewte vor allem jene Menschen, die zu den Verlierern der chinesischen Gesellschaft zählen. Da ist zum einen der alte Dorfschullehrer, der sich eigenmächtig von seiner staatlichen Anstellung entfernte und zu den ersten Wanderarbeitern des Landes gehörte. Oder der Konterrevolutionär, der aus einer roten Familie stammt und nur durch einen Zufall Augenzeuge der »konterrevolutionären« Unruhen in Peking im Jahre 1989 wurde.

Bereits im Oktober 2010 durfte Liau Yiwu schon einmal auf Einladung des Internationalen Literaturfestivals nach Hamburg und Berlin reisen. Hier stellte er sein verbotenes Buch dem interessierten Publikum vor. Nicht zufällig moderierte Wolf Biermann in Berlin den Leseabend. Beide verbindet eine kritische Sicht auf unhaltbare politische Zustände. Das besondere an jenem Abend war, dass Liao Yiwu am nächsten Tag nach China zurückfliegen musste und nicht ahnte, was ihn dort erwarten würde. Trotz der eindringlichen Bitten Biermanns, nicht zurückzukehren, reiste er einen Tag später ab. Im Mai 2011 wurde Liao durch die Behörden verboten, seine Werke im Ausland vorzutragen oder zu veröffentlichen.

Nun ist er dennoch hier. Gemeinsam mit seinen Werken ist Yiwu, der der »Stolz der chinesischen Intellektuellen« ist, wie Yiwus britischer Freund Michael Day einmal feststellte, den Klauen des chinesischen Regimes entkommen. Physisch. Psychisch lassen ihn seiner Erfahrungen im chinesischen Knast nicht los. Oder wie er es in seinem Zeugenbericht schreibt: »Seelisch bin ich bis heute nicht aus dem Gefängnis herausgekommen.«

Für ein Lied und hundert LiederLiao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen

Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann

S. Fischer Verlag 2011

585 Seiten. 24,95 Euro (TB: 12,99 Euro)

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Fräulein Hallo und der BauernkaiserLiao Yiwu: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten

Aus dem Chinesischen von Karin Betz, Hans Peter Hoffmann & Brigitte Höhenriede

S. Fischer Verlag 2011

539 Seiten. 10,95 Euro

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Ein Gedanke zu “Schreiben für die Wiederherstellung der Menschenwürde

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