Die verfehlte Intimität des Sprechens

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Trotz grandioser Besetzung und schauspielerischer Höchstleistungen scheitert die von Starregisseur David Cronenberg verfilmte historische Aufarbeitung des Konflikts zwischen Carl Gustav Jung und Siegmund Freud.

Es drehe sich alles ums Sprechen, sagte David Cronenberg in einem Interview mit der taz über seinen neuen Film Eine dunkle Begierde, welcher das Beziehungsgefüge von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sabina Spielrein in der Zeit von 1904 bis 1913 portraitiert. Zwar sprechen die Protagonisten – trefflich dargestellt von Viggo Mortensen, Michael Fassbender und Keira Knightley – freizügig und beinahe schamlos über quälende Phantasien, erregende Träume und die perversen Anteile der eigenen Sexualität. Doch der Film scheitert daran, die besondere Art des Sprechens oder auch Nicht-Sprechens und seiner Bedeutung in der und für die Psychoanalyse darzustellen.

Vielleicht liegt es aber auch in der Sache selbst, dass es beim Sprechen um das Zuhören, nicht das Zuschauen geht – wie die wiederkehrende Einflechtung diverser vorgelesener und geschriebener Briefe der drei Figuren aneinander im Film als anscheinend notwendiges Moment implizit zeigt.

Eine dunkle Begierde ist ähnlich einem Kammerspiel inszeniert, welches die äußere Welt als im Film sichtbar gehaltene Kulisse draußen lässt, beispielsweise in Form der erkennbar nicht-natürlichen Berglandschaft vor der Burghölzli-Klinik, in der Jung die an hysterischen Symptomen leidende Spielrein behandelt. Vielleicht soll damit das schützende Setting – ähnlich jenem in der Analyse – hergestellt werden, damit das Unsagbare und das schmerzhafte Unbewusste eine gehörte Sprache findet? So ringt Spielrein in der Anfangssequenz eindrücklich mit ihren hysterischen Konvulsionen und Kieferausrenkungen – bewundernswert geschauspielert von Keira Knightley –, um ihre moralisch verwerfliche und daher verdrängte sexuelle Erregbarkeit durch Demütigungen und Geschlagenwerden in Worte bringen zu können und so den Symptomen zum Verschwinden zu helfen.

DM023_63Doch der Film geht zu schnell, zu konkretistisch mit dem Material um, und bekommt zeitweilig etwas Starres. Für Bewegung sorgt vor allem der von Vincent Cassel gespielte Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross, welcher mit seinen ausgelebten sexuellen Gelüsten und seinem Konsum von Rausch- und Genussmitteln Jung an seiner abstinenten und moralisch integren Haltung zweifeln lässt. Insgesamt kommt es im Film zur für das psychoanalytische Verstehen essentiellen und zu reflektierenden Gefühlsverwicklung des Anderen, des Analytikers und des Zuschauenden, aber selten. Intimität bleibt ein fremdes Wort. Deutlich zeigen dies die Liebesszenen von Jung und Spielrein, welche alle in der Vollbildaufnahme verharren und das Publikum als von außen schauende Dritte auf Distanz halten. Zudem werden für die Psychoanalyse wesentlich Erkenntnisse – wie jene von Spielrein, dass der Selbsterhaltungstrieb beim Sex durch das Verschmelzen von zwei Einzelnen kurzzeitig zerstört wird und es zu einem »petit mort« kommt – zwar ausgesprochen. Doch den Raum, dass die den Intellekt erschaudernde Bedeutung des Todes für die Sexualität auf den Zuschauer wirken kann, vermag der Film nicht zu liefern. Möglicherweise ist das auch der Unentschiedenheit anzulasten, dass Eine dunkle Begierde Liebes-, kritisch-historischer und Intellektuellenfilm gleichzeitig sein will, doch keines davon überzeugend geworden ist.

Zum eher schalen Nachgeschmack des Films gesellt sich dann im Abspann noch eine ordentliche Portion Ärger über das unreflektierte Nicht-Sprechen über Jungs Vergangenheit als Leiter der von den Juden „bereinigten“ Psychoanalytikergilde unter den Nazis. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass Jung nicht nur seine Frau und seine zweite Geliebte überlebt hätte, sondern eben auch Freud – der 1938 vor den Nazis nach London floh – und die von der Wehrmacht 1942 in Russland erschossene Sabina Spielrein.

Autorin: Juliane Hummitzsch