Reportage aus Katholistan

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Der Theologe David Berger galt in der erzkonservativen katholischen Szene als Wunderknabe. In seinem Enthüllungsbuch »Der heilige Schein« spricht er über seine Erfahrungen und Beobachtungen als schwuler Theologe in der katholischen Kirche und behauptet, dass die verdrängte Sexualität Ursache der enormen Schwulenfeindlichkeit unter gläubigen Katholiken sei.

Im Alter von 34 Jahren wurde David Berger zum korrespondierenden Professor der Päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin ernannt, nur ein Jahr später Herausgeber der führenden ultrakatholischen Monatsschrift »Theologisches«. Schon Jahre zuvor ging er bei rechtskatholischen Verbindungen wie der Piusbruderschaft, Opus Die oder den Legionären Christi ein und aus.

Inzwischen ist David Berger zur Hassfigur in dieser Szene geworden. In den einschlägigen, rechtskatholischen Internetforen wie kreuz.net wird er als »Sodomist« und »Höllen-Homo« beschimpft. Äußerungen wie diese sind vergleichsweise harmlos zu dem, was sich in den Kommentierungen findet. Gewaltaufrufe à la »Baseball-Schläger besorgen und dann bei nächster Gelegenheit in die schwule Fresse klopfen, bis wir die Homo-Kotze auf dem Sondermüll entsorgen können« sind dort keine Seltenheit.

Was ist passiert, dass David Berger bei den katholischen Ultras vom Wunderknaben zum »Höllenhund« wurde? Der Theologe, der sich inzwischen zu seiner Homosexualität offen bekennt, hat die Loyalität der eingeschworenen Gemeinschaft der katholischen Kirche verlassen und einige unangenehme Wahrheiten zu ihrem Zustand ans Tageslicht befördert. In seinem Enthüllungsbuch Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche behauptet er, dass die verdrängte Sexualität Ursache der enormen Schwulenfeindlichkeit unter gläubigen Katholiken sei.

Die untersagte tridentische Messe war Bergers »Einstiegsdroge« in das »rechtsklerikale« katholische Milieu. Mit dem Zugang zu diesen exklusiven Geheimveranstaltungen begann seine Faszination am konservativen Katholizismus, in dem er auf eine einzigartige Karriere zurückblicken kann. Dass dessen tragende Säulen nicht nur Brokatgewänder und lateinische Liturgien, sondern vor allem Schwulenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Antisemitismus und die Bekämpfung von Wissenschaft und Aufklärung sind, merkte auch Berger relativ schnell, spielte aber das Spiel des gehorsamen Laien zunächst mit. Noch vor Kurzem war er selbst einer jener Stimmen aus dem erzkatholischen Spektrum, die die Rufe nach einer Liberalisierung von Kirche und der Gesellschaft kritisch begleiten. Davon überzeugen kann man sich in Rosa von Praunheims Film Rosas Höllenfahrt.

Wie es hinter den Kulissen der katholischen Scheinwelt aussieht, schildert Berger eindrücklich. Insbesondere beim Thema »Homosexualität in der katholischen Kirche« reißt er die Fassade der Scheinheiligkeit ein. Ein Großteil der Kleriker sei homosexuell veranlagt, Experten gehen von 40 % und mehr aus. Die Tabuisierung des Themas treibe viele in einen grenzenlosen Hass auf sich selbst und andere Homosexuelle. Bei anderen befördere die verklemmte katholische Sexualmoral ein flüchtiges Sexualleben mit allen gesundheitlichen Risiken. Vielleicht eine Erklärung, warum männliche Prostituierte seit Kurzem mit kirchlichem Segen Kondome benutzen dürfen?

Berger deckt außerdem auf, wie sich die radikalen Seilschaften unter dem Schutzmantel der Kirche zusammentun, um gemeinsam gegen die »Diktatur des Relativismus« vorzugehen. Den liberalen Forderungen nach Ökumene, der Öffnung des Priesteramts für Frauen, dem Ende des Zölibats oder einer aufgeklärteren Sexualmoral sagen sie mit prominenter Unterstützung den Kampf an. Berger legt all das in seinem Bericht aus den oberen und unteren Etagen der Kirche offen und macht so deutlich, dass der Rechtskatholizismus auf dem Vormarsch ist. Seine Verbündeten findet er im radikalen Islam, seinen geistigen Führer auf dem Papststuhl in Rom.

Das Spannende an Bergers Ausführungen ist sein umfassendes Insiderwissen aus den dunklen Ecken der Kirche. Sein enthüllender Bericht liest sich wie embedded journalism. Brachte der Missbrauchsskandal das Kartenhaus Katholische Kirche ins Wanken, wird dieses Buch die Fassade der Scheinheiligkeit zertrümmern.

9783548610986_coverDavid Berger: Der heilige Schein

Ullstein 2010

304 Seiten.18,- Euro

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