Der tägliche Kampf gegen Scham und Schmutz

Sarah Diehl (Publizistin und Dokumentarfilmerin, Berlin) | Foto: Stephan Röhr für die Heinrich-Böll-Stiftung (CC BY-SA 2.0)

Sarah Diehl kämpft seit Jahren für Frauenrechte und gehört zu den wenigen Aktivistinnen, die dabei auch international aktiv sind. Nun hat sie ihren ersten Roman geschrieben. Wir sprachen mit ihr über »Eskimo Limon 9« und die Fiktionalisierung des Feminismus.

Nach Dokumentarfilmen, Sachbüchern und Kurzgeschichten hast Du nun Deinen ersten Roman geschrieben. Warum?

Es geht in meinem Roman um die gegenseitige Erwartungshaltung, die Deutsche an Juden und Juden an Deutsche haben. Weil es bei diesem Thema viel um menschliche Perspektiven geht, fand ich es interessanter, diese Geschichten als Literatur einzufangen und diese Vielstimmigkeit darzustellen. Ich habe mich das aber auch selbst gefragt. Dabei hatte ich den Eindruck, das Themen einem das Medium vorgeben, in das sie reinwollen. Und bei dem Thema war es schnell klar, dass ich mich weniger mit formalistischen Fragen befassen, sondern sehr viel freier damit umgehen wollte.

Der Buchtitel »Eskimo Limon 9« spielt ja auf die Eis-am-Stiel-Filme an, die aus Israel kommen und eines der wenigen israelischen »Kulturgüter« sind, die in die deutsche Popkultur eingezogen sind.

Diese Filme gehören tatsächlich zu den wenigen Dingen, die man hier popkulturell aus Israel zur Verfügung hat – was die meisten übrigens gar nicht wissen. Dieses Missverständnis ist aber nur der Aufhänger des Romans. Ich habe mir die Filme auch nicht noch einmal angeschaut, denn außer dem ersten Teil, der sehr ehrlich mit Teenagerproblemen umgeht, waren das nur saudumme Softpornos. Was aber schon eine Rolle spielt, ist die Beschäftigung mit popkulturellen Äußerungen zur Geschichte. Mit der Frage danach was Menschen aus der Geschichte machen, wie sie versuchen sich diese mit ihrem eigenem imaginärem Werkzeug anzueignen.

Wie viel Biografisches und Persönliches steckt von Dir in dem Roman?

In den letzten Jahren habe ich viele persönliche Verbindungen zu Israelis und amerikanischen Juden gehabt. Diese Begegnungen haben mich nachhaltig beeindruckt. Ich habe im Grunde das durchgemacht, was meine Romanfiguren durchmachen. Das war für mich der Versuch, ehrlich damit umzugehen, dass man sich vieles nicht zu fragen traut, andererseits auf sein Gegenüber seine eigenen Vorstellungen projiziert. Man will grenzüberschreitend sein, um den anderen zu verstehen, gleichzeitig versucht man das mit ethischen und moralischen Bedenken zu kaschieren. Das ist ein schmaler Grat, um die eigene Neugier zu stillen, ohne gleichzeitig unsensibel zu erscheinen.

Ist der Roman also ein Appell, gerade bei kulturellen Begegnungen hemmungslos Fragen zu stellen?

Nicht hemmungslos aber direkt und mit dem Eingeständnis der eigenen Unsicherheit und Unkenntnis. Vielleicht ist das auch eine der Hauptaussagen des Buches. Man muss seine Berührungsängste und Unwissenheit ansprechen – sonst kann man sie ja nicht lösen.

Seit Jahren engagierst Du Dich für Frauenrechte. Nimmst Du persönlich einen Rollback des Religiösen und damit auch konservativer Forderungen wahr?

Ich glaube, dass Konservative ihre Strategien weiterentwickelt haben, die Selbstbestimmung der Frauen als gefährlich für unsere Gesellschaft darzustellen. Besonders schlimm wirkt sich hier z.B. aus, dass die katholische Kirche als Staat bei den UN mitreden darf und wichtige Programme zur Frauengesundheit und -emanzipation sabotiert. Die katholische Kirche ist eine Institution, die international immer noch viel politische Macht hat. Das Thema Kirche wird aber gerne zu einem persönlichen Problem heruntergespielt, weil man ja austreten kann, wenn man will. Aber es geht ja viel weiter. Ich fand es schon beeindruckend, wie viel Kritisches im vergangenen Jahr während des Papstbesuches auch zu hören war. Aber gerade was auf UN-Ebene passiert, das bekommen die meisten Leute gar nicht mit. Insofern bekümmert es mich schon sehr, wenn man sieht, wie viel Rückhalt und Kredit die katholische Kirche in unserer Gesellschaft immer noch hat.

Liegt das daran, dass sich unsere Gesellschaft zu wenig mit den Rechten von Frauen, Kindern oder Homosexuellen auseinandersetzt?

Die Rechte von Homosexuellen sind schon ziemlich weit nach oben auf der Agenda der gesellschaftlichen Debatten gerutscht. Deshalb ist es auch so wichtig, das Thema Sexuelle Selbstbestimmung jetzt weiter zu öffnen, weil dieser Kommunikationskanal einmal offen ist. Aber Themen wie der Zugang zu Abtreibungen sind extrem vernachlässigt, werden oft nur in Problemzusammenhängen thematisiert. Das verhindert die ehrliche und offene Auseinandersetzung damit. Das grundsätzliche Problem bei diesem Thema weltweit ist, dass es durch Scham und Schuld besetzt wird und sich so einer Lösung entzieht, weil man nicht darüber reden kann. Diese Schuldgefühle, die gerade so eine Institution wie die Kirche erzeugen will, sind das Hauptwerkzeug, um Frauen im Kampf um ihre Rechte zum Schweigen zu bringen.

Woran liegt es, dass hierzulande nur wenig über die selbst ernannten Lebensschützer bekannt ist, sie aber enormen politischen Einfluss ausüben?

Die sind gut in Lobbyarbeit! Sie können auf die Ignoranz und Uninformiertheit von konservativen Kräften bauen, da das Thema Abtreibung tabuisiert und dämonisiert ist. Das grundsätzliche Problem bei diesem Thema weltweit ist, dass es gerade so eine Institution wie die Kirche mit Scham und Schuld besetzt hat, um Frauen im Kampf um ihre Rechte zum Schweigen zu bringen. Daher muss man glaube ich ein ganz anderes Reden über dieses Thema etablieren.

Mir wird zum Beispiel immer mal wieder vorgeworfen, dass ich mich in meinem Dokumentarfilm über Abtreibungen nicht mit den ethischen Problemen der Abtreibung auseinandersetze. Ich sage dann immer, dass ich genau das nicht wollte. Ich wollte eben nicht noch einen Film machen, der Abtreibungen als Problem behandelt. Denn nicht Abtreibungen, sondern die Tatsache, dass viele Frauen keinen Zugang dazu haben, ist das Problem. Mit den moralischen Einwänden versucht man nur, eine politische Diskussion über die Lebensrealität und die Bedürfnisse von Frauen zu verhindern.

Bei Eskimo Limon 9 habe ich mir auch viele Gedanken darüber gemacht, inwiefern ich Religionen problematisieren will, denn ich habe ein ambivalentes Verhältnis dazu. Ich sehe religiöse Institutionen als hochproblematisch an, will aber das individuelle Bedürfnis nach Spiritualität, wenngleich ich es nicht unbedingt gutheiße, durchaus anerkennen. Und gerade wenn man von der politischen Arbeit zur Arbeit an einem Roman übergeht, dann geht es ja auch darum, die Imagination von Menschen anzuerkennen. Damit muss man ja auch irgendwie umgehen und es liegt darin ja auch etwas überaus Schönes. Imagination hat etwas von Kreativität, wie Menschen mit Leben umgehen. Mal abgesehen davon, dass Imagination für mich als Autorin so interessante narrative Qualitäten hat.

Ohne zu viel zu verraten, aber wie hast Du das Thema Frauenrechte in den Roman einfließen lassen?

Die tragende Figur des Romans ist die Ehefrau des nach Deutschland ziehenden israelischen Paars. Dass sie Ehefrau ist, welche Rolle sie dabei hat, wie sie in diese Rolle reingerutscht ist und warum sie aus dieser nicht herauskommt, das alles sind große Themen in dem Roman. Ich konnte über diese Figur einen ganz selbstverständlich feministischen Blick in den Roman einbringen, ohne dass das zum alles erdrückenden Überthema wird.

Muss es sich die feministische Bewegung ankreiden lassen, dass sie in dem Bereich so sehr ins Hintertreffen geraten ist?

Als Bewegung müssen wir uns eingestehen, dass da was versäumt worden ist. Wenn man bedenkt, dass wir mit einem Stern-Cover gestartet sind, wo über 200 Frauen sagen, »Ich habe abgetrieben!«, dann ist es sehr schade, dass die Bewegung und ihre Themen so in die Defensive geraten sind. Vielleicht ist das aber auch ein notwendiger Prozess gewesen, um andere Bewegungen wie die Queer-Theory mit einzubinden. Frauen mussten sich womöglich erst vom Körperlichen befreien, um den Körper erst einmal von der Gebärfähigkeit zu trennen. Das führte eine Zeit lang dazu, dass auf einmal alle »cool« waren, nur die schwangere Frau nicht.

Inzwischen kann man wieder die Dinge, die die Menschen scheinbar als Frau markieren, nämlich ihre Gebärfähigkeit und ihr Mutter-Sein, wieder positiv mit einbinden. Man muss sich als Feministin davon nicht abtrennen oder distanzieren und Debatten wie die um das Betreuungsgeld bieten hier ja viele Anlässe. In den Debatten zu kurz kommen dabei aber immer noch die Themen Armut und alleinerziehende Mütter. Dabei ist das eines der größten Probleme, die Frauen in Deutschland haben. Das haben viele Feministinnen aus dem Blick verloren, vielleicht auch weil, es sie aufgrund selbst gewählter Kinderlosigkeit nicht betrifft. Auch ich will mich in Zukunft mit diesem Thema mehr beschäftigen.

Was machst Du als nächstes?

Die Wochen bevor der Roman herauskommt werde ich in Uganda verbringen und mich mit Frauen treffen, die Frauen helfen, illegale, aber sichere Abtreibungen vornehmen zu lassen. Da gibt es beeindruckende Bewegungen, wie Women on Waves oder Women on Web, die online oder telefonisch Informationen über Möglichkeiten des medikamentösen Schwangerschaftsabbruchs verteilen und Beratung anbieten. In meinem nächsten Film will ich solche Organisationen porträtieren, die klandestine Abtreibungen anbieten oder Frauen dabei helfen, das zu organisieren. Und dann kommt irgendwann mein zweiter Roman, in dem es um das imaginäre Verhältnis von Europa und Afrika gehen wird. Dokumentarfilm und Romanschreiben, das ist das, was ich weiter machen will.

Vielen Dank für das Gespräch.

Eskimo Limon 9Sarah Diehl: Eskimo Limon 9

Atrium Verlag 2012

320 Seiten. 19,95 Euro

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