Wie viel Sein braucht das Denken?

Titelbild-Scobel

Autor und Fernsehjournalist Gert Scobel zeigt in »Warum wir philosophieren müssen«, dass man mit Denken besser durchs Leben kommt, glücklicher wird und die Welt klarer sieht. Indem er in die Grundprinzipien des Denkens blicken lässt, macht er deutlich, was das Besondere des Philosophierens ausmacht.

»Wissen Sie, was in Ihnen vor sich geht, wenn Sie denken? Wo sind Sie, wenn Sie denken – und wohin kommen Sie dann wieder zurück?« Fragen wie diese stehen am Anfang von Gert Scobels Warum wir philosophieren müssen. Scobels unterhaltsame Reise durch die erogenen Zonen des denkens als Handlung und als Erfahrung (»weil es ‚das’ Denken nicht gibt«, schreibt er es meistens klein – dieser Text folgt diesem sympathischen Ansatz) ist ein flammendes Plädoyer für das Philosophieren, mit dem Ansinnen, das Begreifen des Menschen, der Welt und des Menschen in der Welt überhaupt erst möglich zu machen.

Wie komplex die Erfahrung des Sinnierens ist, zeigt allein dessen komplexe sprachliche Verwendung: Wir denken nach, mit und um. Wir denken durch und über, seltsamerweise aber nicht unter. Wir bedenken und gedenken. Wir können uns in etwas oder jemanden hineindenken, in uns selbst aber nicht. Ebenso sind wir in der Lage, Dinge neu zu denken, aber nicht alt. Denken ist ein weites Feld. Der bekannte Fernsehjournalist und Wissenschaftsautor Scobel hat sich in dieses Feld begeben.

Denken geht immer von uns aus, selbst dann, wenn wir meinen, für eine zweite Person (mit)denken zu müssen. Man kann daher voraussetzen, dass es immer aus der die Erste-Personen-Perspektive erfolgt. Es ist aber auch an Gefühle und Emotionen gekoppelt, setzt also ein komplexes Ich voraus. Ein Blick in die Forschung mit künstlicher Intelligenz macht dies deutlich. Auf diesem Gebiet geht man längst davon aus, dass nur denkfähig ist, wer fühlen kann (weshalb PCs keine Denker, sondern Rechner sind).

Wo aber findet dieser Prozess statt? Ist das lokalisierbar? Kann man es beobachten? Ein Blick in den Schädel reicht nicht, wussten schon Gottfried Wilhelm Leibniz und später Ludwig Wittgenstein. »Denk nicht, dass das denken im Kopf vor sich gehen muss (wie die Verdauung im Magen)«, notierte Wittgenstein im August 1930. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass das Klickern und Rattern, nur weil wir es nicht sehen können, nicht dennoch auch dort stattfindet, weist Scobel hin.

Über die Fragen, wie wir (miteinander) denken lernen – schließlich leben wir auch in Gemeinschaft – hangelt sich Scobel mit den Mitteln der Neuro-, Sprach-, Kognitions- und Verhaltenswissenschaften hin zur Philosophie. Bei der Erforschung des »Nachdenkens über das denken« beschränkt er sich nicht auf die westliche Philosophie, sondern lässt fernöstliche und indische Weisheitslehren ebenso einfließen wie die arabische oder indianische Philosophie. Ist der reflektierende Mensch ein rationales Wesen? Was hat denken mit Wissen und Raum, was Logos mit Logik zu tun? Wo beginnt sinnieren und wo hört es auf? Mit Fragen wie diesen umrundet Scobel sein Sujet, um es möglichst komplett zu erfassen!

Dass dabei Weltanschauungen eine Rolle spielen, macht er an René Descartes deutlich. Dessen bahnbrechende Erkenntnis Ego cogito, ergo sum hatte nach Ansicht vieler Geisteswissenschaftler eine neue Seite im Buch der Weltgeschichte aufgeschlagen. War die antike griechische Philosophie noch von der Annahme geprägt, dass göttlich sein müsse, wer denken kann, waren der Aufklärung mit Descartes‘ Ich-Bezug und der Loslösung des Individuums von einer höheren Autorität die Wege bereitet. Aber die Erkenntnis des Franzosen war gottgebunden, wie Scobel zeigt. »Da nun Gott kein Betrüger und Schwindler ist, folgt, dass ich mich in all diesen Dingen nicht täusche«, zitiert er aus Descartes‘ Aufzeichnungen. Wenn Gott aber im Sinne Friedrich Nietzsches tot ist, bleiben Descartes Zweifel an der Existenz einer unverrückbaren Konstante bestehen, so Scobel. Was ist aber das denken, wenn das Sein in Zweifel steht? Und was bleibt vom Sein, wenn das denken widerlegt ist? Es sind Übungen wie diese, mit denen Scobel den Leser zur Beschäftigung mit Fragen nach dem Verhältnis von Sein und denken animiert.

Dabei erleichtert er immer wieder den Zugang, indem er den Leser auffordert, der körperlichen Wahrnehmung des Denkprozesses nachzuspüren. »Ich schlage vor, dass Sie jetzt erst einmal nicht weiterlesen«, liest man und wird zur bewussten Wahrnehmung beim Atmen, zum intensiven Beobachten der Umgebung oder zum genauen Schmecken von Schokolade ermuntert. Es geht dabei um ein bewusstes Hinführen zu dem, was Scobel als Denken als Erfahrung bezeichnet. Dass die Sinneswahrnehmungen von verbalen Prozessen abgelöst worden seien, sei absurd.

Folglich ist Scobels Plädoyer für das Denken als Handlung und Erfahrung auch eine Hymne auf das sinnliche Wahrnehmen und das bewusste Nichtdenken. »Denn es gibt einen bestimmten Typ von Fragen – Lebensfragen –, bei deren Beantwortung das denken wenig hilft, ja sogar kontraproduktiv ist. Dann hilft es, sich auf Die Erfahrung des Denkens zu besinnen, die zum Nicht-denken führt – und umgekehrt.« Wo die Philosophie beginnt, wird Scobel spirituell. Passend in einer Zeit, in der jeder zweite abends seine Yoga-Matte ausrollt. Es ist Zeit, wieder mehr zu philosophieren.

aufbau_128x209mm.inddGert Scobel: Warum wir philosophieren müssen. Die Erfahrung des Denkens

S. Fischer Verlag 2012

592 Seiten. 24,99 Euro

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