»Feminismus, fuck yeah!«

Anne-Wizorek

Eine Raute, ein Wort und fertig war der Hashtag, der Anne Wizorek über Nacht berühmt machte. #aufschrei motivierte innerhalb von wenigen Stunden tausende Frauen, in Tweets von ihre Erlebnisse mit dem alltäglichen Sexismus zu berichten. Sie haben eine längst überfällige Debatte losgetreten.

Die Erfinderin von #aufschrei, die 31-jährige Bloggerin Anne Wizorek alias @marthadear, hat die re:publica 13 gerockt. Ihr Vortrag war die Krönungsveranstaltung der bislang ungekrönten Königin des Gegenwartsfeminismus. Nicht einmal die britische Bloggerin und Feministin Laurie Penny, die am Montag einen Vortrag über Cybersexismus hielt, kann derzeit mit der Popularität von Anne Wizorek mithalten. Zollten die Zuhörenden Laurie Penny am Montag einen ordentlichen Applaus, erhielt Anne Wizorek für ihren Auftritt den längsten Applaus auf der Webkonferenz.

Die Feministin nahm alle Zuhörenden noch einmal mit auf eine kleine Zeitreise und erzählte, wie sie am Morgen des 25. Januar 2013, einem Donnerstag, einen Beitrag über sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit auf dem Blog www.kleinerdrei.org entdeckt, in dem auf eine Twitterkampagne des britischen the everyday sexism project hinweist. Am gleichen Tag erscheint auch der Stern mit dem Brüderle-Porträt der Reporterin Laura Himmelreich, in dem sie von den erfahrenen Anzüglichkeiten des FDP-Spitzenkandidaten berichtet. Im Netz entsteht eine Debatte und die ersten Frauen berichten von dem Alltagssexismus, dem sie ausgesetzt sind.

#aufschrei: Sexismus = Vorurteil + Macht

Es ist kurz nach Mitternacht, Anne Wizorek will eigentlich schlafen gehen, als sie einen Tweet von Nicole von Horst alias @vonhorst liest. »Der Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag«. Dieser Tweet habe sie wie ein Schlag getroffen. Sie kontaktiert @vonhorst, tauscht sich kurz mit ihr über ein sinnvolles Schlagwort (im Fachjargon Mem) aus und schlägt in Anlehnung an das #shoutingbag des everyday sexism projects den Hashtag #aufschrei vor, unter dem diese und ähnliche Berichte gesammelt werden sollten. Ihr habe das Lautsein als Gegensatz zu dem langen Schweigen gut gefallen, dass in diesem Wort stecke.

Der Hashtag verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Bis spät in die Nacht habe sie gebannt die ersten mit dem Schlagwort verbundenen Tweets gelesen. »der prof, der wissen wollte, ob ich meinen referatspartner date. Jede sprechstunde bei ihm wurde zu purer anspannung«, »Typ, der Freundin und mir hinter Grundschulgebäude seinen Penis zeigte. Polizei, die daraufhin meinten, wir hätten das erfunden«, »Der ältere Herr, der 20 Min. auf mich einredete, damit ich zu ihm nach Hause und/oder mit ihm in ein abgelegenes Waldstück gehe«, »Der Typ, der mich (damals 12) fragte wie viel ich kosten würde«, »Frühmorgens, Großstadt, an der Ampel, auf einmal eine wildfremde Hand an meiner Anzughose. ‚Süßer Hintern‘«. All diese Tweets liefen mit dem Hashtag #aufschrei in ihrer Timeline auf, kaum das ihn Anne Wizorek in die Welt gesetzt hatte.

Aufgewühlt aber müde ging die Berlinerin ins Bett. Als sie gegen 10 Uhr aufwachte und ihr Twitterprofil aufrief, waren über 20.000 Tweets mit dem Schlagwort #aufschrei bei ihr aufgelaufen. Frauen berichteten darin von dummen Anmachsprüchen über dreistes Angrapschen bis hin zu erlittenen Vergewaltigungen. Vorfälle in Abhängigkeitsverhältnissen, zwischen Professor und Studentin, Chef und Angestellter oder innerhalb von Familien- und Freundeskreisen kamen auffallend oft vor.

Anne Wizorek berichtet, wie überwältigt sie von dem Mut und der Offenheit war, die hinter diesen Geständnissen standen. Es sei ein seltsames Gefühl gewesen, zu sehen, dass so viele Frauen derart intime Erfahrungen und Gefühle ins Netz schrieben, um ihren Schmerz und ihre Scham zu teilen. »Wir haben uns gegenseitig Halt gegeben«, erklärt Wizorek. Diese Lawine an Tweets habe ihr deutlich gemacht, welch großen Redebedarf es beim Thema Alltagssexismus offenbar gibt. Sie vermutet, dass betroffene nicht eher darüber geredet haben, weil es ein Benennungsproblem gab. Fast 60 Prozent aller Frauen in Deutschland haben in einer repräsentativen Studie angegeben, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Man hätte es also wissen können, aber irgendwie hat erst #aufschrei dafür gesorgt, dass dieses vermeintliche Wissen zu einer Gewissheit in den Köpfen aller wurde. »Wir haben mit #aufschrei einen Nerv getroffen, der einfach schon lange blank lag und dem Problem des Alltagssexismus einen Namen gegeben«, sagte die Bloggerin.

Allein mit dem Lösen dieses Problems ändert sich aber noch keine Gesellschaft. »Leider ist der kulturelle Wandel immer eine sehr träge Angelegenheit«, macht Wizorek deutlich und führt dann aus, welche Kultur hier eines Wandels bedarf. Es ist die der männerdominierten und männernormierten Gesellschaft, die auch hierzulande weiterhin vorherrscht. Sie präsentiert die frauenlosen Vorstände der DAX-Unternehmen ThyssenKrupp, Deutsche Bank, Volkswagen und der Bayer AG (der gescheiterte Anlauf, eine verbindliche Frauenquote einzuführen ist den Zuhörern noch präsent), entlarvt die ach so viel besseren Medien als Schaumschläger (wobei die Frauenquoten von FAZ und Süddeutscher Zeitung mit jeweils unter neun Prozent besonders niedrig ausfallen) und erinnert an die branchenübergreifende Erfahrung von Frauen, weniger zu verdienen als ihre männlichen Kollegen. Frauen werden abgewertet, im Beruf, in der Werbung, im Alltag. »Da muss man sich schon langsam fragen: Was haben wir denn jetzt erreicht seit der Frauenbewegung?«

Feminismus ist noch nicht fertig

Was ist nun aber seit dem 25. Januar aus dem Aufschrei geworden? Wizorek berichtet, dass er vielen Frauen die Angst genommen habe, über ihre Erlebnisse zu reden, weil sie sich jetzt nicht mehr allein fühlen. Auch Männern habe die Debatte die Last einer Männlichkeitsnorm genommen, die vermittelt, dass Männer Frauen schlecht behandeln müssten. Viele hätten außerdem das Schlagwort als Ausgangspunkt einer Diskussion verwendet, um in der Familie, mit Freunden und Bekannten über Sexismus zu sprechen. Und manche würden die Debatte als Messinstrument für die Emanzipation ihrer Gesprächspartner heranziehen.

Der Hashtag ist zum Label geworden, um eine Erfahrung zu markieren, für die es lange Zeit keine Sprache gab. #aufschrei führt dazu, dass sensibler hingehört und nachgedacht wird. Und mit dem Erfolg dieses Labels haben sich andere Schlagwörter wie #queeraufschrei und #cissexismus entwickelt, die im Windschatten segeln. Parallel dazu hat #aufschrei Geschwister bekommen: im englischsprachigen Raum #outcry, in Frankreich #assez und in Italien #gridala.

Anne Wizorek hat aber in den letzten Monaten nicht nur Zustimmung erhalten. Sie gibt dem Auditorium über die riesigen Bildschirme der re:publica einen Einblick in die wüsten Beleidigungen und Beschimpfungen, die in ihrer Niveaulosigkeit und Aggressivität ein erschreckendes Bild unserer Gesellschaft zeichnen (Wer sich für die genauen Inhalte dieser Hetzmails interessiert, der konsultiere die Aufzeichnung des Vortrags). Die unterirdischen Hassschreiben haben zum Ziel, mit Anne Wizorek diejenige zum Schweigen zu bringen, die vom Status Quo »profitieren«. In der Debatte werde sehr schnell deutlich, wer den sexistischen Ist-Zustand unserer Gesellschaft aufrechterhalten und wer eine bessere Gesellschaft wolle, meint Wizorek.

Es ist die Doppelmoral der Gesellschaft, die hier deutlich wird. Eine Doppelmoral, die zwei Wochen vor Laura Himmelreich und Anne Wizorek Spiegel-Journalistin Annett Meiritz am Beispiel der selbst erlebten Frauenfeindlichkeit in der Piratenpartei entlarvte. In ihrem Beitrag schrieb sie:

Grübeln männliche Journalisten darüber nach, wie oft sie lächeln, wenn sie – sagen wir – mit Ursula von der Leyen reden? Oder machen sie sich darüber Gedanken, ob sie zum Sexobjekt werden, wenn sie auf dem Parteitag ein besonders elegantes Sakko tragen? Nein? Prima! Genau das möchte ich auch.

Solange für Männer und Frauen nicht dieselben Regeln gelten, sei der Feminismus noch lange nicht am Ende, sondern dringender denn je: »Feminismus, fuck yeah!«. An ihrem Hashtag #aufschrei hängt Wizorek dabei nicht. Der könne Label bleiben, eine Bewegung müsse daraus nicht entstehen. Was aber entstehen müsse, seien Aktivitäten, die der Debatte gerecht werden. Die Menschen müssten endlich verstehen, dass nicht »das wehren können, sondern das wehren müssen« das Problem sei. Den Worten müssen nun die Taten folgen. »Wir müssen weg von einer Kultur des Du willst es doch auch! zu einer Kultur des Willst Du auch?«, schließt die Berlinerin ihren Vortrag. Das Männliche dürfe nicht mehr maßgeblich für die Norm sein, ergänzt sie noch. Was dann bleibt sind standing ovations und Jubelrufe.