Echos aus dem Jenseits

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Ein stiller Ort in der Einsamkeit der mexikanischen Steppe. Der Wind treibt den Sand durch die in der Mittagshitze glühenden Straßen. An diesem Ort wohnt das Grauen: »Pedro Páramo«. In dem lateinamerikanischen Klassiker verschwimmen die Grenzen zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Erzählung und Subtext. Grandios und unheimlich. 

Als Pedro Páramo starb, geschah dies viel zu friedlich für einen Tyrann, der sich stets nur selbst der Nächste war und sein Umfeld gequält hat. »Er schlug hart auf die Erde auf und brach auseinander, wie ein Haufen Steine«, so beschreibt der Mexikaner Juan Rulfo in seinem Roman Pedro Páramo den Tod seines Protagonisten. Dieser Tod kommt geradezu wie ein Geschenk daher, für einen Mann, der in schrecklicher Manier über die Menschen gerichtet hat, die ihn umgaben. Warum er dies tat? Aus Machtbesessenheit und Gier, zwei Eigenschaften, die uns bei so manchem Potentaten auch heute noch begegnen. Insofern ist Paramos lateinamerikanischer Klassiker aus den fünfziger Jahren aktueller den je – insbesondere in Lateinamerika.

Pedro Páramo ist der Gutsherr von Media Luna, einem Landsitz in der mexikanischen Einöde, Teil des Städtchens Calamo. Wer in diese Stadt kommt, muss sich dem Diktat Don Pedros unterordnen, sich fügen, gehorchen. Calamo ist Pedro Páramo und umgekehrt. An diesen Ort reist Juan Preciado, ein unehelicher Sohn Don Pedros, um den letzten Wunsch seiner verstorbenen Mutter, den Vater aufzusuchen, zu erfüllen. Auf dem Weg in die Stadt begegnet er einem Halbbruder, der ihm sagt, dass der gemeinsame Vater längst tot sei. Der Verwandte schickt Juan Preciado aber zu einer alten Frau, wo er zunächst unterkommen könne. Diese wiederum erzählt ihm, dass der Halbbruder, dem er eben noch begegnet ist, ebenfalls seit Jahren tot ist. Und auch die Alte, wen wundert’s, ist nicht mehr von dieser Welt. Juan Preciado lauscht so einem Chor längst verblasster Stimmen, die seine scheinbare Anwesenheit noch einmal nutzen, um sich zu erheben und ihr Leid zu klagen. Pedro Páramo ist das Dokument einer Heimsuchung im Unfrieden erloschener Seelen. »Was sie tagsüber tun, weiß ich nicht, aber nachts hocken sie in ihren Häusern. Das sind hier Stunden voller Grauen. Sie sollten einmal sehen, was dann auf der Straße los ist, da laufen haufenweise unerlöste Seelen herum. Sobald es dunkel wird, kommen sie heraus.«

Selbst der scheinbar junge Erzähler Juan Preciado scheint nicht mehr unter den Lebenden zu weilen. Wo die Grenze ist zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Erzählung und Subtext, bleibt unklar? »Niemand weiß, wie lange die Jahre des Sterbens in Wirklichkeit dauern«, schreibt der kolumbianische Erfolgsautor Gabriel Garcia Marquez in seinem Nachwort zur Neuauflage von Rulfos Roman und spielt damit auf die grenzenlose Ausdehnung der Todeszone in diesem Roman an. »Pedro Páramo« gehört inzwischen zu den Klassikern der lateinamerikanischen Literatur, angefangen bei Miguel de Cervantes Don Quijote (der ebenfalls in einer grandiosen Neuübersetzung vorliegt) bis hin zu den Gedichten des mexikanischen Surrealisten Octavio Paz.

Juan Rulfo ist 1917 im mexikanischen Städtchen Sayula in eine Kindheit geboren, die von Verlusten und Entbehrungen gezeichnet war. Als er sieben Jahre alt war, wurde sein Vater ermordet, drei Jahre später kam seine Mutter ums Leben. Die kommenden Jahre überlebte er in einem Waisenhaus in Guadalajara – wahrlich nur ein Überleben in den 1920er Jahren, mitten im mexikanischen Bürgerkrieg. Nach einer kurzen Tätigkeit als Beamter in Mexiko City kehrte er nach Guadalajara zurück und schloss dort Kontakte mit der aufstrebenden Intellektuellen- und Literaturszene. Rulfo begann selbst Kurzgeschichten zu verfassen und geriet immer Tiefer in den Strudel des geistigen Aufbruchs nach der mexikanischen Revolution. Deshalb kehrte er auch schließlich in die mexikanische Hauptstadt zurück, wo inzwischen die Bars und Kaffees, Salons und Clubs der Künstler und Literaten, Akademiker und vergeistigten Linksintellektuellen aus dem Boden schossen. Rulfo lernte die Schriftsteller wie Octavio Paz, Antonio Alatorre und Juan José Arreola kennen und begann, mit ihnen gemeinsam zu arbeiten. Dank zweier Stipendien des mexikanischen Schriftstellerverbands konnte er 1953 den Erzählband »Llano in Flammen« veröffentlichen. Anschließend arbeitete er geradezu manisch an seinem ersten und einzigen Roman, den er ein Jahr später beendete. »Es war, als ob mir der Roman diktiert wurde«, so beschreibt er selbst die Obsession, mit der er die Páramo-Erzählung niederschrieb. Zunächst war das Werk nichts anderes als ein Ladenhüter und erst ab den 1960er Jahren erhielt der Roman nationalen und internationalen Ruhm und Rulfo einen Preis nach dem anderen. 1983 erhielt er schließlich den renommiertesten Literaturpreis der in der spanischsprachigen Welt – den Premio Príncipe de Asturias.

Pedro Páramo ist ein Puzzle aus Erzählungen, Anekdoten, Erinnerungen, Gerüchten und Erfahrungsberichten der zahlreichen Bewohner Calamos. Die Bewohner und Zeitgenossen des grausamen Patriarchen Don Pedro – wohl der zweitberühmteste Don nach Miguel de Cervantes Mühlen bekämpfenden Titelhelden Don Quijote de La Mancha – liefern die einzelnen Fragmente, aus denen sich der Leser dessen Leben zusammensetzen muss. Dabei springt die Erzählung zwischen Orten und Momenten, so dass der Leser in einen Schwindel erregenden Sog aus Raum und Zeit gerät. Rulfos Sprache ist dabei nicht beschreibend oder dokumentierend, sondern fesselnd und engagiert. Seine Prosa zieht den Leser hinein in die Welt des Romans und lässt ihn eintauchen in die grausam-bittere Gegenwart des Pedro Páramo, in der geschändet und gemeuchelt, gemordet und massakriert wird.

Calamo ist ein verdammter Ort, »geradewegs am Eingang zur Hölle«. Calamo steht auf verbrannten Boden, an dem die Zeit still zu stehen scheint. An dem alles Leben auf der Schwelle zum Tod verharrt, sich noch einmal umdreht und einen Dialog aus dem Jenseits anstimmt, der, in Fetzen zerrissen, zu den scheinbar Lebenden dringt. An diesem Ort sprechen die Wände und Steine, trägt der Wind ferne Stimmen ans Ohr und wieder davon.  »Dieses Dorf ist voller Echos«, die aus der Finsternis drängen, Rufe aus dem Nichts in ein Nichts hinein, wie ein Windstoß in der Wüste, ohne Ziel und ohne Sinn. Klagend tragen diese Stimmen ihre Geschichten und dunklen Erinnerungen vor, als hofften sie derart auf Erlösung, auf Befreiung, auf Absolution. Sie seien ohne Vergebung gestorben, wie es Rulfo schreibt. Und sie werden sie nicht mehr erlangen, denn ein Leben an der Seite von Pedro Páramo ist zu sehr mit Sünden belastet, als dass Gnade eine zu große Geste wäre. Das Calamo des Don Pedro ist der Ort der Verdammnis, die Verweltlichung des ewigen Schmerzes. Es ist eine tote Welt an einem toten Ort, der Juan Rulfo auf unheimliche Art ein Leben einhaucht. Ihr Sinn und Ziel besteht einzig und allein im gleichmäßigen, klanglosen Rauschen der Grausamkeit der Macht und der Verdammung im Tod.

Pedro PáramoJuan Rulfo: Pedro Páramo

Neu übersetzt von Dagmar Ploetz. Mit einer Nachbemerkung des Autors und einem Nachwort von Gabriel Garcia Marquez

Hanser-Verlag 2008

174 Seiten. 17,90 Euro.

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