Auf der Suche nach Bedeutung

Daniel Kehlmann während eines Auftritts beim Internationalen Literaturfestival Berlin 2013 | © Thomas Hummitzsch

Daniel Kehlmanns neuer Roman »F« ist das Literaturereignis des Herbstes. Auf dem Buchumschlag ist nicht mehr zu sehen als ein konturloses, flimmerndes F auf schwarzem Grund. Ein Versuch, das Ungreifbare am Schopf zu packen.

Es gibt Romane, die sträuben sich gegen Zusammenfassungen. Die Parallelgeschichten von Peter Nadas oder Roberto Bolaños Die wilden Detektive gehören ebenso dazu wie David Foster Wallace’ Unendlicher Spaß, Dietmar Daths Die Abschaffung der Arten oder Wolfgang Herrndorfs Sand. All diese Romane entwickeln in ihrer Erzählweise ein magnetisches Feld, das durch jede Verkürzung aus dem Gleichgewicht zu geraten droht. Seit wenigen Tagen ist diese unabgeschlossene Liste genialer Romane dank Daniel Kehlmanns »F« um einen Titel länger. Der Versuch, sich diesem Werk über seinen Inhalt zu nähern, soll erst gar nicht in Angriff genommen werden. Stattdessen erfolgt hier das Experiment, sich den neuerlichen Geniestreich des österreichischen Wunderkindes über sein Geheimnis, die Bedeutung von F, zu erschließen. Eine Versuchsreihe in dreizehn Etappen.

Friedland – Arthur Friedland ist das heimliche Zentrum dieses Romans, aber nicht die Hauptperson. Derer gibt es drei, die Zwillinge Eric und Iwan und ihr Halbbruder Martin. Sie besuchen zu Beginn des Romans als Kinder mit ihrem Vater die Hypnosevorstellung des Magiers Lindemann, der verspricht, seine Besucher zu lehren, »ihre Träume zu fürchten«. Mit der Beschreibung dessen, was sich bei dieser Vorstellung ereignet, ist Daniel Kehlmann eine der grandiosesten Eröffnungspassagen der deutschen Literatur gelungen. Dabei lässt er seine Leser an der faszinierenden Darbietung des »großen Lindemann« teilhaben und wird darüber selbst zum Hypnotiseur: »Sie glauben, sie möchten nicht? Aber sie möchten, glauben sie mir!«

Fragezeichen – Kehlmann benebelt während dieser Eröffnung die Sinne seiner Leser, so dass einige Dinge auch beim mehrmaligen Lesen im Ungefähren verborgen bleiben. So bleibt ein Rätsel, was genau mit Arthur Friedland während der Vorstellung des Hypnotiseurs geschieht. Nach außen hin bleibt er unbeeindruckt: »Sie können mich nicht hypnotisieren, Ich weiß, wie das funktioniert.« Aber nur wenige Stunden später wird Friedland seine Familie für Jahre verlassen. »Im Telegramm standen nur zwei Sätze: Erstens, es gehe ihm gut, man solle sich keine Sorgen machen. Zweitens, man brauche nicht auf ihn zu warten, er werde sehr lange nicht zurückkommen. Und tatsächlich sollte keiner seiner Söhne ihn wiedersehen, bevor sie erwachsen waren. In den folgenden Jahren aber erschienen die Bücher, deretwegen die Welt Arthur Friedlands Namen kennt.«

Fanal – Arthur Friedlands Flucht (wir kommen später dazu) vor der Gleichgültigkeit und Bedeutungslosigkeit seines Daseins löst die eigentliche Romanhandlung um seine drei Söhne aus. Allerdings hält sich der Roman in keiner Weise noch mit dem Heranwachsen und der möglichen Traumatisierung von Martin, Eric und Iwan auf. Er setzt direkt am 8. August 2008 ein, der Tag, an dem sich der Großteil des Romans abspielt und der das Leben der drei Brüder einschneidend verändern wird. Die Schicksale (auch dazu an anderer Stelle mehr) der ungleichen Geschwister – einer ein ungläubiger Priester, der zweite ein hintertriebener Finanzjongleur und der dritte ein eigenwilliger Kunstverwalter – führt Kehlmann über den Aufbau seines Romans kunstvoll zusammen. Die Synchronizität der Ereignisse – ein versehentlicher Anruf der Sekretärin beim falschen Bruder, drei übermütige Teenager, die alle den Namen Ron tragen, und eine zufällige Begegnung mit diesen – führen hin zu einem dramatischen Finale, bei dem so mancher Autor sein Werk beschließen würde. Kehlmann – soviel sei verraten – nicht!

Flucht – Ironischerweise ist der »Flüchtling« Arthur Friedland die einzige Person in diesem Roman, die glaubhaft so etwas wie Glück gefunden hat. Im Gegensatz zu ihm wagen seine Söhne nicht den Schritt aus ihrer Mittelmäßigkeit heraus. Sie bleiben lieber unzulänglicher Priester, untreuer Finanzberater und Künstler ohne eigenes Werk, als dass sie ihr Dasein ändern. Ob dies daran liegt, dass sie eben das zu verhindern suchen, was der Vater – womöglich zu ihrem Leidwesen, wir wissen es ja nicht – vorgelebt hat, bleibt Kehlmanns Geheimnis.

Fälscher – Das Motiv des Fälschens muss für die Betrachtung dieses Romans mit dem des Betrügens ergänzt werden, um die semantische Bandbreite des Begriffs deutlich zu machen. Was Kehlmann in den Porträts der drei Brüder offenlegt, ist die Tatsache, dass Betrug nicht mal eben so nebenbei geschieht, sondern das Fälschen ein Bewusstsein für »das Richtige« und »das Falsche« bedingt. Allein für diese Feststellung muss man Kehlmann angesichts der milliardenschweren Verluste der Börsianer schon dankbar sein. Das Gezocke auf Teufel komm raus ist keine self-fulfilling prophecy, sondern Ergebnis einer bewusst hingenommenen Gleichgültigkeit gegenüber den Konsequenzen, die es nach sich zieht. Aber zurück zum Roman: Martin, Eric und Iwan sind in erster Linie keine Selbstbetrüger. Sie sind sich ihrer jeweiligen Unzulänglichkeit überaus bewusst, betreiben sie aktiv. Was plausibel erscheinen lässt, dass dies aus ihnen Betrüger an anderen macht. Dies ist aber überaus fragwürdig, wie gleich deutlich werden wird.

Fromm – Martin hat viele Jahre lang versucht, an Gott zu glauben, aber es ist ihm nicht gelungen. An Gottes Existenz kann »man nicht glauben, man müsste geistesgestört sein«, geht ihm selbst durch den Kopf, während er das Vater Unser – »Sätze, verschliffen von tausend Jahren Wiederholung« – intoniert. Kommen Zweifelnde zu ihm und suchen seinen Rat, dann verweist er auf das Mysterium. »Was wäre ich ohne dieses Wort?« Martin begeht zweifellos Betrug an der Lehre der Kirche, ist ein Häretiker ersten Ranges. Aber mal ehrlich, ist einer, der nicht glauben kann, es aber aufrichtig versucht hat, ein Betrüger? Wen betrügt er denn? Diejenigen, die glauben, wohl kaum, schließlich nimmt er ihnen nicht ihren Glauben. Er bestärkt sie sogar darin, nur kann er ihn nicht erfüllen.

Fies – Bei Eric verhält es sich anders. Er ist ein Betrüger im klassischen Sinn; kaltschnäuzig, skrupellos, hintertrieben. Als Anlageberater spielt er seinen Kunden Gewinne vor, die es nicht gibt. Die Millionen, die sie ihm anvertraut haben, sind längst verjubelt. Eric ist Teil der Finanzwelt, die in der Realität wenig später in sich zusammenbrechen wird – weshalb diese Geschichte auch als Parabel auf die Gegenwart zu lesen ist. Wenn Eric nicht den Zusammenbruch des Ganzen spürt, dann doch zumindest den seines Mikrokosmos. Das Wissen darum betäubt er mit Medikamenten, die ihn vergessen lassen, was um ihn herum und mit ihm geschieht. Mit seiner Umwelt hat der Berater von Anfang an abgeschlossen. Er geistert wie ein Zombie durch seine Welt, der er nicht entkommen kann. Es gibt niemanden, dem Eric nichts vormacht. Er ist der Triple-A-Untote, der sich mit jeder seiner eitlen Handlung tiefer ins Reich der Verdammnis befördert.

Fiktion – Auf Iwan trifft der Begriff Fälscher, der stets den Kunstbetrieb wachruft, am ehesten zu. Als mittelmäßiger Künstler entwickelt er mit seinem in die Jahre gekommenen, aristokratischen Partner die absurde Idee, den überaus talentierten Maler Heinrich Eulenböck zu schaffen. Durch geschickt platzierte Kritiken in den Feuilletons der Welt fördert er nicht nur das Renommee des fiktiven Künstlers, sondern schafft später auch dessen Werke, die nichtssagende Titel wie »Urlaubsfoto Nr. 9«, »Ein französischer Film wird gedreht« oder »Der alte Tod in Flandern« tragen. All das ist so absurd, dass es normalerweise in jeder Minute auffliegen müsste. Tut es aber nicht. Iwan Friedlands Selbstinszenierung besteht darin, nicht sich selbst sondern sein künstlerisches Alter Ego in den Vordergrund zu stellen. Ist das Betrug oder nicht am Ende selbst schon Kunst? Die Übergänge sind fließend.

Familie – Wenngleich das Bruder-Setting den Familienbegriff nahelegt, handelt dieser Roman weniger vom Familiären als vielmehr vom Zusammenbruch desselben. Die persönlichen Verbindungen in hier sind auf ein Minimum reduziert. Die Familie Friedland ist eine Farce. Floh Arthur Friedland aus der familiären Konstellation bewusst, tun dies seine Söhne unbewusst – Martin mit dem priesterlicher Zölibat, Eric mit einer zum Scheitern verurteilten Ehe und Iwan mit seiner künstlerischen Zweckgemeinschaft.

Freiheit – Ob irgendein Protagonist in diesem Roman innere Freiheit empfindet, muss dringend angezweifelt werden. Mit dem Akzeptieren der eigenen Mittelmäßigkeit begeben sich die drei Brüder in die Gefangenschaft der Beliebigkeit. Denn wer erst einmal akzeptiert hat, dass er sein Leben nicht im besten Sinne lebt, dem ist es letztlich auch egal, wie er es lebt. Sicherlich meinen Kehlmanns Figuren, sich Freiheiten zu nehmen, die sich niemand anders gestattet, aber ihre »Freiheit« ist zuallererst Ausdruck der eigenen Unfreiheit, sein Dasein zu ändern. Mit ihrem äußeren Leben laufen sie unablässig vor ihrem Inneren davon. »Es geht auch ohne Kompromisse. Man kann leben, ohne ein Leben zu haben. Ohne Verstrickungen. Das macht vielleicht nicht glücklich, aber es macht leicht.« Besteht die Freiheit des Menschen vielleicht darin, zu wählen, ob er ein verstricktes Leben mit glücklichen Momenten oder ein leichtes Leben ohne Verstrickungen, aber auch ohne Glück, führen möchte? Wenn es so wäre, es wäre fatal.

Fatum – Ist die Existenz des Menschen vom Schicksal bestimmt, ist die Selbstbestimmung eine Chimäre? Das wohl nicht. Es braucht schließlich auch den Entschluss, das Schicksal – was auch immer das sein soll – am Schopf zu packen. »Aber der Zufall ist mächtig, und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal. So etwas passiert schnell.«

Furios / Famos / Frech – Kehlmanns geniales Arrangement ist am besten mit dem Adjektiv furios beschrieben. Seine Sprache ist schnörkellos, gerade heraus und zielt auf den Punkt. Wer komplizierte Satzgebäude sucht, ist bei dem Österreicher falsch. Hier ist jede Aussage mit einem Ausrufezeichen versehen. Famos darf die intelligente Konstruktion dieses Romans genannt werden, die sich dem Leser erst während der Lektüre erschließt – was Erinnerungen an Kehlmanns letzten Roman Ruhm weckt. Die Synchronizität der Ereignisse erfordert ein feines Räderwerk, in dem jedes Zahnrad reibungslos ins nächste greift. Wie ein Ingenieur hat Kehlmann dieses Räderwerk ausgetüftelt und aufeinander abgestimmt, so dass wir Leser staunend vor diesem Wunder der (Erzähl)Technik stehen. Um diesen Zauber zu bewahren, flüstert er dem gefesselten Leser frech kleine Metatexte ins Ohr. »Du meinst, du liest das hier? Selbstverständlich meinst du das. Aber das hier liest keiner. … Dein sogenanntes Bewusstsein ist ein Flackern, ein Traum ist es, den niemand träumt.«

Fazit – Daniel Kehlmanns Schicksal scheint darin zu bestehen, die Rolle des schreibenden Wunderkindes besser auszufüllen, als jeder andere deutschsprachige Gegenwartsautor. Nach dem Welterfolg von Die Vermessung der Welt ist sein neuer Roman ein weiterer Beleg dafür.

Cover

Daniel Kehlmann: F

Rowohlt Verlag 2013

384 Seiten. 22,95 Euro.