Afrikanisches Ultrazentrifugenmassaker

Wüste

Wolfgang Herrndorf war einer der aufregendsten Literaten der jüngsten Zeit. Im Sommer nahm er sich nach langer Krankheit das Lebens. Mit seinem letzten Buch, dem Thriller »Sand«, spielte er mit Verfolgungswahn und Gedächtnisverlust und gewann den Preis der Leipziger Buchmesse. Der Deutsche Buchpreis blieb ihm verwehrt.

Ein Mann wacht auf dem Dachboden eines Lagers auf und fühlt eine blutende Wunde an seinem Hinterkopf. Wie er dorthin gekommen ist, weiß er ebenso wenig wie wer er ist. Ein Schlag, ein Sturz – was auch immer ihn ereilt hat, es hat ihn alles, was war, vergessen lassen. So beginnt die als Roman in die Regale gestellte Geschichte von Wolfgang Herrndorf, der zu den kreativsten, abwechslungsreichsten und zugleich stilsichersten deutschen Gegenwartsautoren zu zählen ist. Sand ist jedoch weniger ein Roman – übrigens auch kein Agentenroman, wie ihn viele Rezensenten bezeichnen – sondern ein Thriller, der 1972 im Maghreb spielt. Das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München durch palästinensische Terroristen und das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg bilden den zeithistorischen Hintergrund dieser Geschichte, in der es von skurrilen und geheimnisumwitterten Charakteren nur so wimmelt.

Da ist das vermeintliche Opfer, um das sich die zentrale Frage des Romans rankt. Wer ist dieser Mann und welche Rolle spielt er in dieser Geschichte, deren Kern – wenn er denn nicht im Spiel mit den Eigenschaften des Genres Thriller liegt – kaum zu greifen ist. Immer wieder von paranoiden Anfällen heimgesucht stolpert er durch die Geschichte und versucht, irgendwo ein Ende des Lebensfadens zu finden, den er verloren hat. Da ist Helen, eine ebenso rätselhafte wie attraktive Blondine, der dieser Namenlose in die Arme läuft und die ihn daraufhin in ihrem Hotelzimmer Asyl gewährt. Es entsteht Verbundenheit und Zuneigung, und doch kommen sie sich nicht wirklich nahe.

Helen wiederum kennt Michelle, eine alte Jugendfreundin, die in einer Kommune am Rande der Wüste wohnt und als Esoterikerin in allen Lebenslagen zur Seite zu stehen bereit ist. Mit Tarotkarten und Sternendeutung versucht sie, dem namenlosen Helden in Herrndorfs Thriller zu helfen, doch auch das läuft ins Leere. Vielleicht auch, weil gerade erst vier Mitglieder ihrer Hippiewohngemeinschaft ermordet wurden und sie noch zu stark unter dem Eindruck dieses grausamen Vorfalls steht.

Als Mörder wurde ein gewisser Amadou Amadou verhaftet, ein Teenager noch – ob er es tatsächlich war, bleibt im Dunkeln. Die Ermittlungen leiten zwei recht zwielichtige Kommissare, der pieds-noir Polidario (dessen Name zufällig an die westsaharische Befreiungsorganisation Polisario erinnert) und dessen weißer Kollege Canisades. Dazu kommt noch ein Familienvater, der seine beiden Söhne in der Wüste verliert, vier in weiße Dschellabas gehüllte Männer sowie ein gewisser Cetrois, der den Hippies wohl Versicherungspolicen andrehen wollte, nun aber verschwunden ist. Und im welthistorischen Hintergrund agiert auch der amerikanische Auslandsgeheimdienst.

Aus diesem Potpourri vollkommen rätselhafter Persönlichkeiten, die scheinbar nur vom Zufall in den begrenzten Raum der knapp 500 Romanseiten geworfen wurden, hat Herrndorf eine temporeiche Story geschrieben, durch die sich die genretypischen Motive des Rätselhaften und der Spannung ziehen. Paranoia, Identitätsverlust und schicksalhafte Zufälle sind die Mittel, mit denen er die Gattung künstlerisch erfasst und die den Leser in die Handlung ziehen. Ein Spiel, denn bis zum Schluss bleibt das Rätsel, an welchem Punkt der Leser ausgestiegen, die entscheidende Information überlesen, aus Unachtsamkeit verpasst hat. Und bis zum Ende gibt es keine Antwort, weil diese Frage Teil des Konzepts einer allumgreifenden Unsicherheit ist. »Das afrikanische Ultrazentrifugenmassaker« – dieser in Betracht gezogene und wieder verworfene Titel bringt den kreativen Wahnsinn, den Herrndorf hier gebündelt hat, auf den Punkt.

Erzählt wird diese Geschichte von einem allwissenden, aber absolut unzuverlässigen Erzähler, der immer wieder aus dem Erzählfluss aussteigt und den Leser dezent darauf hinweist, dass man es als Erzähler mit den gestalterischen Mitteln nicht übertreiben darf, um glaubwürdig zu bleiben: »Vielleicht war es nur einer jener Zufälle, die man in Romanen nicht überstrapazieren sollte und die im richtigen Leben zur Erfindung des Begriffs Schicksal beigetragen haben.«

Es ist ein Spiel mit dem Schicksal, welches Herrndorf hier grandios inszeniert hat. Als Leser zieht man posthum den Hut vor so viel Kühnheit. Denn ebendiesem Schicksal ergab sich dieser große Autor nicht, der an einem Hirntumor litt. Als er Sand schrieb, konnte er nicht sicher wissen, dass es sein letztes sein würde. Er trotzte dieser Möglichkeit einen Roman über Gedächtnisverlust ab – dieses Buch ist ein manifester Stinkefinger an alles, was Schicksal sein will. Erhobenen Hauptes trat Herrndorf mit diesem Thriller dem, was man Leben nennt, und dem, was ihm davon blieb, entgegen.

Je stärker er den faustischen Pakt mit dem Leben anging, desto leichter wurde seine Literatur. Im vergangenen Jahr erschien mit Tschick seine Hymne an die Jugend, davor schon seine romanhaft verbunden Erzählungen in Diesseits des Van-Allen-Gürtels sowie sein Romandebüt In Plüschgewittern – grandios-einfangende Literatur, die ebenso verwirrt wie fasziniert. Am Ende dieses Kanons steht dieser Thriller, der, wie der Buchtitel schon verheißt, den Leser auf abseitige Pfade, hinter die Düne, führt.

In seinem Blog Arbeit & Struktur, der im Dezember in gedruckter Form erscheint, schrieb Wolfgang Herrndorf im Februar 2011 folgenden Eintrag: »Liege mit Passig in den Dünen zwischen schwarzem Lavagestein und schaue auf die Wellen. Gespräch über den Tod und das Nichts. Habe den Eindruck, mich ganz unverständlich auszudrücken, und überlege, Passig zu bitten, in dreißig, vierzig Jahren auf dem Sterbebett noch einmal an mich und diesen Tag in den Dünen zurückzudenken. Vielleicht, daß es dann verständlicher ist. (Sie bestreitet es.)«

Unverständlich aber, wie Herrndorf hier schildert, gewesen zu sein, war er in seiner Literatur nie. Jedes einzelne Buch Herrnsdorfs lohnt der erneuten Lektüre, Spannung, Rührung und Amüsement garantiert.

SandWolfgang Herrndorf: Sand

Rowohlt Berlin 2011

480 Seiten. 19,95 Euro.

3 Gedanken zu “Afrikanisches Ultrazentrifugenmassaker

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