Die Ethik auf dem Teller

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Von Jonathan Safran Foer über Karen Duve bis hin zu den Aktivisten gegen Nahrungsmittelverschwendung – was kommt auf unsere Teller und welche Gewissensbisse haben wir beim Essen? Eine Bücherschau.

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer und die deutsche Autorin Karen Duve publizierten fast zeitgleich Bücher, die sich mit der fleischlichen Kost, ihrer Herkunft und ihrem Verzehr auseinandersetzen. Beide Titel haben Spuren bei ihren Lesern hinterlassen. Fast jeder kennt jemanden, der sich nach ihrer Lektüre von Tiere essen oder Anständig essen im Vegetariersein versucht hat. Dabei war das nie die Absicht der beiden Autoren. Foer und Duve wollten vielmehr Antworten auf persönliche Fragen finden – ihre Bücher sind Nebenprodukte einer Selbstsuche.

Foer etwa wollte wissen, ob er seinem Sohn guten Gewissens Wurst und Fleisch anbieten kann. Nach drei Jahren Recherche, bei denen er – nachdem ihn die Fleischindustrie hat abblitzen lassen – in Hühnerfarmen einstieg, Großschlachtereien besichtigte, Biobauern interviewte und zahlreiche Statistiken zusammentrug, und deren Ergebnisse er in seinem Buch präsentiert, kam er zu dem Schluss, dass er es nicht kann. »Nichts, was wir tun, kann unmittelbar so viel Leid bei Tieren verursachen wie das Fleischessen, und keine unserer täglichen Entscheidungen hat größere Folgen für die Umwelt«, schreibt er in Tiere essen (Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch 2010. 400 Seiten. 19,95 Euro. Hier bestellen). Seinen Lesern nötigt er diese Konsequenz nicht auf, wenngleich seine stichhaltige Argumentation eine solche nahelegt.

Duves Buch Anständig essen. Ein Selbstversuch (Galiani Verlag 2010. 336 Seiten. 19,99 Euro. Hier bestellen) ist das Resultat einer Selbsterfahrung. Sie begann im Januar 2010 damit, nur Bioprodukte zu essen. Dem Entzug von der Industrieware folgten eine vegetarische und eine vegane Phase. Den Schlusspunkt setzten einige Wochen Frutarier-Dasein, in denen sie sich nur von reifen Früchten ernährte, die die Natur selbst hergibt. Nach einem knappen Jahr hat sie sich schließlich für ein Mittelding aus Vegetarismus und Veganertum entschieden. Dem Leser empfiehlt sie in ihrem »Entwicklungsroman« den Verzicht auf das konventionelle Massentierhaltungsfleisch unserer Supermärkte.

»Doch dieser moderne, sanfte und biologisch korrekte Carnivorismus drückt sich um die Frage, wer uns jemals das Recht dazu gab, andere schmerz- und angstempfindliche Lebewesen zu töten, nur um sie zu essen«, stellen Iris Radisch und Eberhard Rathgeb in ihrem lesenswerten Sammelband Wir haben es satt (Residenz-Verlag 2011. 264 Seiten. 19,90 Euro. Hier bestellen) fest. Diese Frage aber rücken sie in den Mittelpunkt ihrer Textsammlung aus Literatur und Philosophie mit Beiträgen von Ovid, Rousseau, de Montaigne, Pirandello, Schopenhauer, Dostojewski, Melville, Camus, Canetti, Baltzer, Singer, Sloterdijk u.v.m. Radisch und Rathgeb beziehen in ihren Zwischentexten deutlich Position zum allgegenwärtigen Carnivorismus, der nichts anderes sei als »Leichenteile zu braten, zu würzen und zu essen«. Aus den verschiedenen Perspektiven der zusammengetragenen Texte aber steigt ideologiefrei das Humane der vegetarischen Lebensweise auf. Denn sie zeigen, wie Fleischessen aus einer religiösen Erhöhung des Menschen heraus erst Mode und dann Sitte wurde und wie der menschliche Fleischkonsum der Natürlichkeit des Zusammenlebens auf der Erde ein Ende setzt.

Mit Fragen unserer Ernährung und ihrer Konsequenzen setzen sich zwei aktuelle Bücher sehr viel grundsätzlicher auseinander. Die Essensvernichter (Kiepenheuer & Witsch 2011. 368 Seiten. 16,99 Euro. Hier bestellen) der beiden Journalisten Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn ist die schriftliche Begleitlektüre zu ihrem Kinofilm Taste the Waste, in dem sie der Nahrungsmittelverschwendung auf den Grund gegangen sind. Das Buch zeigt die verschiedenen Systeme auf, die zum massenhaften Wegwerfen von Lebensmitteln führen. Es entblößt unser Einkaufsverhalten als wohlstandsverwöhnt, führt einem die perfide Politik der Supermärkte vor Augen und richtet den Blick des Lesers auf die globalen Konsequenzen dieses westlichen Konsumverhaltens.

Wer mehr zu den globalen Folgen für die Agrarpolitik erfahren will, der sollte sich an Felix zu Löwensteins Food Crash (Pattloch 2011. 320 Seiten. 19,99 Euro. Hier bestellen) halten, in dem der Autor für einen weltweiten Systemwandel von der intensiven industriellen Landwirtschaft zum Ökolandbau plädiert. Auch wenn das Buch aus der Feder eines Ökolobbyisten stammt, ist es aber vor allem ein Aufruf, sich der Ressourcen unseres Globus, bewusst zu werden – insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung und schrumpfender Agrarflächen.

Alle Bücher verbindet die längst überfällige Frage, wie wir mit Lebensmitteln – seien sie fleischlich oder nicht – umgehen. Sie verändern unseren Blick auf den Teller. Oder wie es Karen Duve schreibt: »Sich mit den Tatsachen der Mastanlagen und Schlachthöfe auseinanderzusetzen, ist kein Ausflug, von dem man zurückkommen kann, um am Kamin von seinen Abenteuern zu erzählen und anschließend sein vorheriges Leben wieder aufzunehmen.« Man sollte sich also gut überlegen, ob man zu diesen nicht immer angenehmen Lektüren greift. Anhänger der Aufklärung kommen allerdings nicht drum herum.

Ein Gedanke zu “Die Ethik auf dem Teller

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