Der Traum menschlicher Sicherheit

42336_BeebeKaldor

Die Rede von den »Neuen Kriegen« ist zu einer der meist zitierten Floskeln des internationalen politischen Diskurses verkommen. Die britische Politologin Mary Kaldor, einst die Gründerin dieser These, verkennt in ihrem aktuellen Buch die Bedeutung der asymmetrischen modernen Kriegführung.

1999 sorgte die britische Politologin Mary Kaldor für Aufsehen, als sie von neuen und alten Kriegen schrieb. Sie setzte die These in die Welt, dass die alten konventionellen Auseinandersetzungen abgelöst würden von einer neuen Form exterritorialer und asymmetrischer Kriege, die als Bürgerkriege beginnen und als globale Krisenherde enden würden. Zwar erschien die akribisch recherchierte Studie Kaldors schon ein Jahr später in Deutschland (Mary Kaldor: Neue und alte Kriege: Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung, Suhrkamp 2000), doch hierzulande sorgte ihr Kollege Herfried Münkler erst einige Jahre später dafür, dass sich die Theorie der neuen asymmetrischen Kriege im Selbstverständnis des politischen Diskurses festsetzte (Herfried Münkler: Die neuen Kriege. Rowohlt 2004).

Im vergangenen Herbst ist das neue Buch von Mary Kaldor erschienen, das sie gemeinsam mit dem inzwischen tödlich verunglückten Militärberater Shannon D. Beebe geschrieben hat. In Unsere beste Waffe ist keine Waffe. Konfliktlösungen im 21. Jahrhundert zeichnen die beiden Autoren das Bild eines neuen Sicherheitskonzepts, in dessen Zentrum nicht mehr länger staatliche oder geopolitische Belange sondern die Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Menschen stehen. Armut und Deprivation, Krankheiten und Hunger, die Bedrohung durch Umweltkatastrophen und durch physische Gewalt, politische und soziale Isolation, kurz: jede erdenkliche Gefährdung des Individuums und der sozialen Gemeinschaft in der konkreten Situation vor Ort lösen hier die geostrategischen Bedürfnisse einer Balance of Power ab.

Dieser breite Ansatz führt unmittelbar zu der Feststellung, dass das von Kaldor und Beebe gezeichnete Konzept »Menschliche Sicherheit« eine Art Grassroot-Revolution im sicherheitspolitischen Denken voraussetzt. Sie fordern einen Paradigmenwechsel, weg von den konventionellen militärischen Strategien und staatlichen Bedrohungsszenarien hin zu den »Arten von Verwundbarkeit, die sich aus den Lebensbedingungen der Menschen ergeben.« Es geht ihnen um die Bedürfnisse der Menschen on the ground, wie es im militärischen Fachjargon heißt: »Das ehrgeizige Ziel Menschlicher Sicherheit besteht darin, die Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen, die der ganzen Gesellschaft nützt – den Eliten wie den gewöhnlichen Bürgern.«

Konflikte, so die alles umklammernde These von Kaldor und Beebe, werden dann nicht mehr auf dem Schlachtfeld gewonnen, sondern in den Köpfen der Menschen. »Was der Westen bis heute nicht verstanden hat, ist die Tatsache, dass, wer nichts mehr hat, wofür es sich zu leben lohnt, für so gut wie alles zu sterben bereit ist«, schreiben die beiden Autoren und spitzen so zu, um was es ihnen geht: Zukunftsfähige Konfliktlösungsstrategien müssen darauf zielen, für die Menschen etwas zu schaffen, wofür es sich zu leben lohnt.

George W. Bushs 2003 voreilig ausgesprochene Einschätzung, die Irak-Mission sei nach dem militärischen Sieg gegen Saddam Hussein und seine Truppen erfüllt (Schlagwort: Mission Accomplished), steht dem Leser Pate für die These der beiden Autoren, der man lesend von Beginn an sympathisch zugeneigt und zugleich skeptisch distanziert gegenübersteht. Konflikte seien erst dann nachhaltig überwunden, wenn Gesellschaften die Grundlagen haben, frei von Angst und Mangel zu leben. »Die Leute sind nicht dazu verdammt, ihr ganzes Leben lang arm zu sein, wenn man ihnen die Werkzeuge in die Hand gibt, für sich selbst eine bessere Zukunft zu schaffen.« Dieses Prinzip aber sei bei den militärischen, ja selbst bei den humanitären Interventionen der Vergangenheit vernachlässigt worden.

Verantwortlich dafür ist für Kaldor und Beebe ein staatlich-imperialistischer Blick auf die Verhältnisse, der nicht die Probleme der Menschen, sondern die des internationalen Staatengefüges im Blick hatte. Dieses stehe immer noch im Mittelpunkt der globalen Sicherheitspolitik, wenngleich die Bedrohungen längst nicht mehr auf Staaten beschränkt sind. Eine durchaus konsequente Analyse, ist doch weder das Szenario der zwischenstaatlichen Kriege tatsächlich noch relevant – mehrfach bewiesen in den zahlreichen Studien zu den neuen, asymmetrischen Kriegen zwischen den massiven und schwerfälligen staatlichen Armeen einerseits und den kleinen und beweglichen Aufständischen- und Rebellengruppen andererseits – noch können die größten Sicherheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts wie Klimakatastrophen und ihre Folgen, Krankheitsepidemien oder die Phänomene von grenzüberschreitender Kriminalität und Terrorismus staatlich eingegrenzt werden. Diese bedrohen weniger Staaten als vielmehr die Menschen, die in ihnen leben. Insofern müsse deren Wohl und deren Resilienz im Mittelpunkt jedes zukunftsfähigen und nachhaltigen Sicherheitskonzepts stehen; »Menschliche Sicherheit« eben.

Im Zentrum des Konzepts der menschlichen Sicherheit stehen sechs Prinzipien, die die Krisenherd-erfahrenen Autoren in ihrem Buch detailliert und mit zahlreichen Beispielen nachzeichnen. Zum einen verweisen sie auf das »Primat der Menschenrechte«, die im Mittelpunkt der künftigen Konfliktlösungsstrategien stehen müssten. Einsätze sollten künftig nicht mehr dem Sieg über einen Feind sondern dem Schutz der Zivilbevölkerung gelten. »Politische Autorität braucht Legitimation«, lautet ihre zweite Forderung, um Raum für einen Prozess zu schaffen, der eine solche Legitimation herbeiführt. Bei den Human-Security-Einsätzen müssten ferner die »Menschen vor Ort« mit einbezogen und ihre Sorgen und Nöte berücksichtigt werden. Statt sich in Enklaven und Sicherheitszonen zurückzuziehen, sollen die Kriseneinsatzkräfte unter die Menschen gehen, um mit diesen gemeinsam Krisenursachen anzugehen, lautet Prinzip Nummer drei. Insbesondere bei gewaltsamen Krisen braucht es internationale Legitimität und rechtlichen Handlungsraum, die von allen Beteiligten anerkannt sind. »Effektiver Multilateralismus« nennen Kaldor und Beebe dieses vierte Prinzip der für alle geltenden Regeln. Fünftens müssten die Grenzen in den Köpfen der Interventionisten aufgelöst werden: Humanitäre Krisen verbreiten sich »unabhängig von Grenzen«, weil deren Ursachen – Klimastress, ethnische Spannungen, kriminelle Netzwerke, Epidemien, Hungersnöte – keine Grenzen kennen. Zuletzt fordern Kaldor und Beebe bei künftigen Interventionen einen zivilen »Oberbefehlshaber«, bei dem alle Entscheidungen zusammenlaufen. Militärisches Personal eigne sich hier nicht, weil Militärs oftmals das dezidierte Interesse ihres Entsendestaates unterstellt werde.

Militärische Maßnahmen sind in diesem Konzept nicht völlig gebannt, sie spielen aber nur noch eine Rolle von vielen. Vor allem müssten die »übermäßig militärisch dominierten Sichtweisen« des 20. Jahrhunderts überwunden werden, denn das fortgesetzte Beharren darauf, einen Krieg führen und einen Feind besiegen zu wollen, stehen dem grundlegenden Wandel, den Kaldor und Beebe fordern, im Weg. Die beste, ultimative Waffe in den Konflikten des 21. Jahrhunderts, sei eben keine Waffe, sondern »eine Geisteshaltung, die die unabdingbare Gleichwertigkeit aller Menschenleben anerkennt.«

Diese ganzheitliche, empathische und dem Menschen zugewandte Sichtweise ist jedoch nicht nur sympathisch, sondern auch heillos utopisch. Denn sie beruht auf einer Art der direkten Konfliktaustragung, die womöglich bald schon der Vergangenheit angehört. Kaldor und Beebe beziehen sich am Ende ihres Buches auf den F22-Tarnkappenbomber, der sich bei aller technischen Finesse nicht dazu eigne, bei Krisen aufgrund von Armut, Krankheit, Rechtlosigkeit, ausschließenden Ideologien oder Umweltkatastrophen – also den von ihnen skizzierten Krisen des 21. Jahrhunderts – eingesetzt zu werden, weil er zum einen enorme zivile Opfer verursachen und zum anderen die Konfliktursachen nicht bereinigen würde. Der Tarnkappenbomber trägt also nicht zur Zunahme »Menschlicher Sicherheit« bei.

So richtig diese Einschätzung im Kontext der These von Kaldor und Beebe ist, so irreführend ist sie im Grundsatz. Denn ihr Konzept der »Menschlichen Sicherheit« bedingt, dass Kriege und Konflikte noch als politisches Instrument von Staaten benutzt werden, deren Akteure man auf ihre humanistischen Prinzipien verpflichten könnte. Aber die zwischenstaatlichen Kriege sind weitgehend von Bürgerkriegen und Einsätzen gegen nichtstaatliche Akteure abgelöst worden. Der Krieg ist längst entstaatlicht. Immer öfter stehen sich private Söldnergruppen und Aufständische gegenüber, die man kaum für die menschlichen Bedürfnisse verpflichten wird können. Vielmehr machen sich diese einen solchen Ansatz zu Nutze und nehmen die Zivilbevölkerung in Geiselhaft für die eigenen Interessen. Insofern ist das jüngste Werk von Mary Kaldor und ihrem Co-Autor Shannon D. Beebe zwar aller Ehren wert, aber auch verträumt positivistisch.

42336Shannon D. Beebe & Mary Kaldor: Unsere beste Waffe ist keine Waffe. Konfliktlösungen im 21. Jahrhundert

Aus dem Englischen von Michael Müller

Suhrkamp Verlag 2012

252 Seiten. 24,95 Euro

Hier bestellen

Ein Gedanke zu “Der Traum menschlicher Sicherheit

  1. Pingback: Wenn Helfen tötet… | intellectures

Die Kommentarfunktion ist deaktiviert.