Erinnertes Vieldinggesplitter

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Der kenianische Journalist und Autor Binyavanga Wainaina erzählt auf betörende Weise vom Erwachsenwerden – dem eigenen und dem Afrikas.

Vor einigen Jahren wurde der kenianische Schriftsteller Binyavanga Wainaina gebeten, für die Europäische Union ein literarisches Buch über die Schlafkrankheit im Sudan zu schreiben. Der sprachsensible Autor bereiste gemeinsam mit einem Fotografen das Land. Nach einigen Wochen schickte er die Geschichte eines südsudanesischen Arztes im sudanesischen Bürgerkrieg nach Brüssel. Wainaina zufolge stieß man sich dort an seinem Sprachgebrauch und verzichtete auf eine Veröffentlichung – aufgrund seiner »unangemessenen … unschicklichen … Sprache«.

Wenn der Behördensprech-verliebte europäische Apparat mit solcherlei Argumenten von literarischen Texten abrückt, dann darf man das als eine – wenngleich unfreiwillige – literaturkritische Auszeichnung auslegen. Denn was aus der Einschätzung durch die europäischen Beamten spricht, ist das Unvermögen, die eindrückliche, bildgewaltige und lebendige Literatur Wainainas deuten zu können.

Der Kenianer gehört neben Autoren wie Maaza Mengiste, Fatou Diome, Chirikure Chirikure oder Helon Habila zu einer neuen Generation afrikanischstämmiger Autoren, deren Sprachgewalt die europäischen Lesegewohnheiten erschüttern – wenngleich man mit Taiye Selasi natürlich fragen muss, ob es diese überhaupt gibt.

2002 machte Wainaina erstmals auf sich aufmerksam, als er den britischen Caine Prize for African Writing gewann. Dabei wäre seine prämierte Geschichte Discovering Home beinahe nicht angenommen worden. Das Problem: die Erzählung war nur als Online-Text erschienen. Um berücksichtigt werden zu können, müssen Texte normalerweise gedruckt vorliegen. Auf die bedauernde E-Mail des Preiskomitees, antwortete Wainaina verärgert, dass in den vergangenen zehn Jahren nur eine einzige Anthologie mit afrikanischen Texten erschienen sei und er gern wüsste, wo das Komitee seine gedruckten Texte herzunehmen gedenke. Offenbar hat das Argument überzeugt und der Ton seiner E-Mail die literarische Qualität seiner Erzählung nicht unnötig torpediert. Mit dem Preisgeld von 15.000 Euro gründete der Kenianer Kwani? (dt. Also was?), ein eigenes Literaturmagazin. Seither ist er einer der gefragtesten afrikanischen Schriftsteller weltweit.

In seinen Erinnerungen Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben blickt Binyavanga Wainaina auf 60 Jahre afrikanische Geschichte zurück. Fantasievoll und politisch klug verwebt er, ausgehend von seinem Heranwachsen in Kenia, die wechselhafte Geschichte seiner Familie mit der Tragödie des afrikanischen Kontinents. Er erzählt dabei vom Aufbegehren der Kenianer gegen die britischen Kolonialherren, dem anschließenden Personenkult der autoritären Präsidenten Jomo Kenyatta und Daniel arap Moi und der evangelikalen Unterwanderung des Landes. Anhand der Zersiedelung seiner Großfamilie und dem babylonischen Sprachenchaos in seiner Umwelt spiegelt er das gewaltvolle Auseinanderbrechen des Kontinents. Die zahlreichen Krisen und Umbrüche in den afrikanischen Gesellschaften bindet er über seine persönliche Odyssee als Heranwachsender durch diese »Müllhalde für Abschlüsse, die dich nirgendwohin gebracht haben«, ein.

Wainaina ist ein Mann der schonungslosen Analyse, seine gesellschaftspolitische Gegenwartskritik hat er immer wieder nachgewiesen. In seinem Rückblick schlägt er nun den großen Bogen von den kolonialen Verhältnissen über die afrikanischen Befreiungsdiktaturen bis hin zu dem »Welttheater, auf dessen Bühne Hutus und Tutsis für die Medien der Welt agiert haben.«

Dennoch entsteht in seinen Erinnerungen nicht das Bild eines kriegsgeschüttelten Kontinents. Wainainas Afrika ist prall gefüllt mit der Schönheit der Natur, lebensfrohen Menschen und mitreißender Musik. Entsprechend vital und auf überwältigende Art akustisch ist seine Sprache. Er jongliert mit Sprachen, Dialekten, Tönen und Klängen: »Die Welt ist in die Geräusche von Einzeldingen und Vieldingen unterteilt. Wasser, das aus einem Duschkopf auf einen eingeseiften Kopf strömt, ist Vieldinggesplitter aus fallendem Glas, ting-ting-ting. Und alle zusammen sind: Shhhhhhhhhhhh. Shhhhh entsteht aus vielen vielen blechernwinzigen ting-ting-ting, die so klein sind, dass die Geräusche von klirrendem Glas zu sanftem Flüstern gerinnen.«

Die akustische Dimension findet sich auch im globalen Siegeszug der afrikanischen Musik wieder, von der Wainaina erzählt. Ob Gospel, Reggea oder R&B – diese Rhythmen bewegten nicht nur die Welt, sie vereinten die Afrikaner. Musik war die einzige kontinentale Sprache.

Nicht zuletzt sind die Erinnerungen dieses sensiblen Beobachters von einer einfangenden Magie, wie sie nur noch selten zu finden ist: »Vor wenigen Augenblicken noch war die Sonne ein einziger gleißender Strahl. Jetzt ist sie in die Bäume gefallen. Im ganzen Garten toben tausend winzige Sonnen, blinzeln Lücken im Laub und feuern tausende Strahlen. Die Strahlen fallen auf Äste und Blätter und zersplittern in zahllose kleinere vollkommene Sonnen.«

Afrika ist für Binyavanga Wainaina die gelebte Widersprüchlichkeit, wo Lebensfreude und Todessehnsucht Tür an Tür wohnen, und das Leben ein aufreibendes Spektakel ist.

Wainaina_Cover-gr_gerBinyavanga Wainaina: Eines Tages werde ich über diesen Ort schreiben. Erinnerungen

Aus dem Englischen von Thomas Brückner

Wunderhorn Verlag 2013

320 Seiten. 24,80 Euro

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Dieser Beitrag erschien bereits in Kulturaustausch IV/2013.