Analyse einer Massenbewegung

Kreativer Ausdruck des Protestes der Bevölkerung im Wendland gegen die deutsche Atompolitik. Die »verlorenen Atommüllfässer« wurden auf einem Acker zwischen Küsten und Lübeln gesichtet | © Christian Fischer via wikimedia commons

Die Geschichte der Atomkraftgegner ist voller Höhen und Tiefen. Der LAIKA-Verlag hat sich vorgenommen, sie in fünf Bänden in Text und Bild zu erfassen. Es fehlt nur noch ein Band, dann ist diese Teilbibliothek des zivilen Ungehorsams komplett.

Als nach der atomaren Katastrophe im japanischen Fukushima tausende Menschen in Deutschland auf die Straße gingen und für ein Ende der Atompolitik demonstrierten, war dies keine Sensation, sondern geradezu eine gesellschaftspolitische Selbstverständlichkeit. Die Erkenntnis der Vernunft, dass mit dieser Energiequelle keine Zukunft gebaut, sondern diese vielmehr zerstört wurde, führte Menschen aus allen sozialen, politischen und weltanschaulichen Gruppen zusammen, um gegen das zu protestieren, was sein unverkennbares Symbol in einem schwarzen Mühlenrad auf gelbem Grund gefunden hat.

Woher aber kam dieser Volksaufstand, dieses Aufbegehren der Vernünftigen? Wo liegen die Anfänge der Anti-AKW-Bewegung und wer gehörte zu ihren Leitfiguren? Wo tobten die heftigsten, wo die kreativsten Kämpfe? Welche Bedeutung hatten die Reaktorunfälle in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima für die Bewegung, welche Folgen das gewalttätige Vorgehen der Staatsmacht in Gorleben und Wackersdorf? Warum rücken die Energiekonzerne erst mit der allgemeinen Lobbyismuskritik in den Fokus der Anti-AKW’ler? Und wohin führt es schließlich die Atomkraftgegner in der Zukunft? Wird der Protest gegen die Kernkraft durch eine konsequente Energiewende abgelöst oder ist es gerade der Klimawandel, der der Kernenergie neuen Aufwind bringt? Diesen Fragen widmet sich die auf fünf Bände angelegte Reihe Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv. Verlegt werden die Medienbücher – in jedem Band finden sich DVDs mit zusätzlichem Filmmaterial zum Thema – in der »Bibliothek des Widerstands« des Hamburger LAIKA-Verlags. Ziel dieses breit angelegten Bibliothek-Projektes ist es, die globale linke Widerstandsbewegung in all ihrer Vielfalt zu präsentieren und dabei die 100 wichtigsten filmischen Dokumente dieses Widerstands zu veröffentlichen. Einen nicht unwesentlichen Ausschnitt bilden dabei die Bände zur Anti-AKW-Bewegung.

Der erste Band arbeitet deren Geburtsstunde und ersten Gehversuche auf, ausgehend von den Protesten gegen das Kernkraftwerk im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz. Im Kaiserstuhl, einem idyllischen Weinanbaugebiet in der südwestlichsten Ecke Deutschlands, liegt der Geburtsort der Anti-AKW-Proteste. Bereits in den frühen siebziger Jahren organisierten hier aufmerksame Bürger grenzüberschreitende Proteste gegen die AKWs in Kaiseraugust (Schweiz), Fessenheim (Frankreich) und Breisach (Deutschland). Dabei bildete sich eine breite Gruppe an Aktivisten, die als »Wacht am Rhein« medial geschickt auf die »umwelt-, heimat-, existenz- und lebensbedrohende« Atom-Industrie aufmerksam machten. Detailliert kann man in dem ersten Band der Protestbewegung gegen die Atomenergie nachvollziehen, wie genau der zivile Widerstand organisiert, wie Informationen verschafft und an die Bevölkerung verteilt, wie Baustellen im Schichtwechsel besetzt oder die Lokalpolitik mit Wahlempfehlungen aufgemischt wurden. Der Kern des Protestes war klar: Die Bewahrung des agrarisch geprägten Lebensraums vor den Interessen der Energiekonzerne. Dies schlägt sich auch in den Protestliedern der Bürgerinitiativen nieder: »Herr Rosenthal hat einen Plan, der uns gar nicht gefällt, dem Rosenthal ist das egal, den interessiert nur Geld. Uns aber interessieren der Fluss, der Wald, das Feld, und unsere Gesundheit kauft uns keiner ab für Geld.«

Bei der Betrachtung der Proteste um das AKW im norddeutschen Brokdorf und der Demonstration gegen den »Schnellen Brüter« in Kalkar am Niederrhein erschließt sich eine zweite Perspektive. Dabei wendet sich der Blick zum rabiaten Vorgehen der Staatsgewalt, bei dem der Einsatz von Hundestaffeln am unteren Ende und der Einsatz von CS-Gas, Chemikalien und Blendgranaten am anderen Ende der Eskalationsstufe stehen. Im Norden Deutschlands eskalierten die Proteste wohl auch deshalb, weil sie vergebens waren. Während das AKW Wyhl verhindert werden konnte, wurde Brokdorf gebaut. Wohl auch, um ein Exempel zu statuieren und um ein »zweites Wyhl« zu verhindern. Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident mit NSDAP-Vergangenheit, Hans Filbinger, brachte es auf den Punkt: »Wenn das Beispiel Wyhl Schule macht, ist dieses Land nicht mehr regierbar.«

Im politischen Diskurs wurden die Proteste in Norddeutschland und am Niederrhein zum Teil der »linken Gefahr«. Als Vorboten des deutschen Herbsts wurden die Protestierenden von den politisch Verantwortlichen einer politischen Gesinnung zugeordnet und kriminalisiert, die lokale Bevölkerung wurde vor dem Umgang mit den Demonstranten gewarnt. Die Schutzmaßnahmen der Demonstranten vor gewaltsamen Übergriffen durch die Polizei wurden umgedeutet zu Vorbereitungen auf den »unfriedlichen Verlauf« der Proteste. Diesen Unfrieden brachten aus Polizeiperspektive natürlich diejenigen, die zu den Protesten aufriefen. Dies ist der Moment, in dem die konservativ-naturalistisch geprägten Pioniere der Atomkraftgegner politisch zu linksextremistischen Gewalttätern abgestempelt wurden. Ein Bild, was sich in den konservativen Reihen der bundesdeutschen Politik noch heute hält.

Dies verunmöglicht bis heute die Erkenntnis, dass ziviler Ungehorsam überall dort entsteht und Bestand hat, wo Energiekonzerne mit Atomkraft auf Kosten der anliegenden Bevölkerung Profite erzielen wollen und dabei von politischer Seite willentlich unterstützt wurden. Die auf insgesamt 139 Seiten angewachsene Chronologie der Anti-AKW-Bewegung, die im zweiten Band der Reihe zusammengetragen ist, verdeutlicht das. Diese gigantische Sisyphos-Arbeit von Wolfgang Ehmke, dem Pressesprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und dem freien Autor Reimar Paul, der viele Jahre für die Anti-Atomzeitschrift Atom Express geschrieben hat. Sie haben in ihrer mehr als 40 Jahre umfassenden Chronologie der Bewegung keinen Kreistagsbeschluss, keine politische Grundsatzrede, keinen Prozessauftakt, keine Bürgerversammlung, keinen Protestmarsch und keinen medialen Skandal ausgelassen. Dieses Werk setzt einen neuen Standard.

Der dritte Band dieser Dokumentation der gesellschaftlichen Debatte um die Kernkraft zieht einen Vergleich zwischen den skandalösen Ereignissen im Kernkraftwerk Krümmel im norddeutschen Geesthacht und den fatalen Fehlern während der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima. Wenngleich die Geschehnisse nicht nur Jahre sondern auch die genauen Umstände deutlich trennen, stellen die Autoren des Bandes Die Krebsfälle in der Elbmarsch/Der GAU in Fukushima doch auch Gemeinsamkeiten fest, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen: Das System aus Verharmlosung, Vertuschung und fehlender Aufarbeitung, das der Betreiberkonzern TEPCO in Fukushima aufführte, ist ein über Jahrzehnte erprobtes und bewährtes Konzept der Kernkraftpolitik. Schließt man aus der hier aufgestellten detaillierten Dokumentation der katastrophalen gesundheitlichen Folgen der Kernkraftanlagen in Krümmel – die EU hat in dem so genannten Leukämiecluster Elbmarsch die weltweit höchste erfasste Leukämierate als Folge festgestellt – und der anhaltenden Politik des Leugnens und Mauerns der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, dann droht den Japanern die eigentliche Katastrophe erst noch.

Und die eigentliche Frage nach dem wohin mit dem ganzen Atommüll wartet bis heute auf eine Antwort. Immer noch verhandeln die Länder mit der Bundesregierung über den Prozess der Suche nach einem angeblich sicheren Endlager. Und die dringenden Fragen der betroffenen Menschen, was in diesem Kontext Sicherheit heißt und für welche Sicherheit garantiert wird, bleiben unbeantwortet im Raum stehen. Diese Fragen stehen seit Jahrzehnten im Raum, was der vorletzte Band Gorleben und der Castor-Widerstand eindrucksvoll in Text und (Bewegt-)Bild dokumentiert. In ihn sind die Proteste in Gorleben, Gronau, Ahaus oder Jülich eingeflossen. Das Festhalten und Interpretieren des immer wieder gewaltsamen Aufeinandertreffens von Bürgern und Staatsgewalt bildet das Präludium für den abschließenden fünften Band, der das Problem der Endlagerung vertiefen und damit die Perspektiven der Anti-AKW-Bewegung aufzeigen will. Denn mit Angela Merkels politisch opportuner Erklärung des Ausstiegs aus dem Ausstieg des Ausstiegs nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima ist die Geschichte der atomaren Belastung noch lange nicht am Ende.

Spektakulär ist die Reihe zur Anti-AKW-Bewegung nicht allein aufgrund ihrer schriftdokumentarischen Beweisführung, sondern wegen ihres das Buchmedium sprengenden Konzeptes. Jedem Mediabook sind DVDs mit historischen Dokumentarfilmen beigelegt, die die Entstehung und Dynamik der Proteste sowie ihre gesellschaftspolitische Wirkung zeigen. Die Wirkung der Filme geht dabei über ihre zeitdokumentarische Funktion hinaus. Sie sind Belege der fehlenden Mühe zur ernsthaften Debatte, damals wie heute, und damit Mahnmale der politischen (Un-)Kultur.

Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv – dieses Motto der ersten Anti-AKW-Proteste zeigt unmissverständlich, worum es immer ging und voraussichtlich auch weiterhin noch gehen wird. Der letzte Eintrag in der Chronologie einer Bewegung macht deutlich, worin die Zukunft der Bewegung liegen wird, denn es ist ein dystopischer Ausblick: »Im Jahr 15 702 009: Die Masse an Jod 129, die bis 2009 von den Schilddrüsen der Lebewesen aufgenommen worden ist, hat sich durch radioaktiven Zerfall schon halbiert! Physikalisch instabil, wurde es während des fossil-atomaren Zeitalters von atomaren Wiederaufarbeitungsanlagen in die Luft entlassen. Schilddrüsen benötigen Jod und reichern es an, da es sich chemisch nicht von natürlichem Jod unterscheidet.«

Einblick in die dokumentarischen Videos erhält man im Video-Kanal des Verlags.

Coversammlung

Willi Baer und Karl-Heinz Dellwo (Hrsg.): Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv

  • Die AKW-Protestbewegung von Wyhl bis Brokdorf (mit DVD). Bibliothek des Widerstandes Band 18. 250 Seiten
  • Chronologie einer Bewegung (mit DVD). Bibliothek des Widerstandes Band 19. 168 Seiten
  • Die Krebsfälle in der Elbmarsch/Der GAU in Fukushima. Bibliothek des Widerstandes Band 23. 288 Seiten
  • Gorleben und der Castor-Widerstand. Bibliothek des Widerstandes Band 24. 192 Seiten
  • Endlager und Perspektiven der Anti-AKW-Bewegung. Bibliothek des Widerstandes Band 25. ca. 170 Seiten (erscheint im März 2014)

LAIKA-Verlag, seit 2011

29,90 Euro pro Band inkl. DVD

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