Ein Verlegerleben zwischen Paris und New York

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Der amerikanische Linksintellektuellenverleger André Schiffrin ist am Sonntag in Paris gestorben. In seiner 2010 erschienenen Autobiografie blickte er auf seine »Politischen Lehrjahre« in Paris und New York zurück und machte spürbar, wie sehr sein Leben und Schaffen mit der Tradition der französischen Literatur verbunden ist.

Es war einer der ersten frühsommerlichen Abende im Jahr 2010, als der Verleger, Lektor und Autor André Schiffrin in Berlin im kleinen Kreis über seinen mit Literatur gepflasterten Lebensweg und die Zukunft des Verlagswesens sprach. Anlass war die Vorstellung seiner Autobiografie Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers.

Mit dem Verlegen von Büchern kannte sich Schiffrin wahrlich aus. Bei Pantheon trat er in die Fußstapfen seines zunächst übergroßen Vaters und verlegte später als Cheflektor linksintellektuelle Großautoren wie Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Studs Terkel oder Noam Chomsky. Auch Hannah Arendt, Herrmann Broch, Günter Grass oder Meyer Schapiro kamen bei ihm unter. Gleiches gilt für Art Spiegelman, dessen preisgekrönten Mouse-Comic Schiffrin für den renommierten Pantheon-Verlag entdeckte.

André Schiffrin hatte ein Händchen für Erfolgsgeschichten und wurde schließlich sein eigener Chef. Im Zuge der Übernahme hervorragender amerikanischer Literaturverlage wie Bloomsbury, Knopf, Pantheon oder Penguin durch riesige Medienkonzerne und der damit einhergehenden Liberalisierung und Monopolisierung des US-Buch- und Verlagsmarkts hatte er seinen eigenen Verlag The New Press gegründet. Viele sagten ihm und seinem Non-Profit-Modell ein Scheitern voraus. Der Verlag feierte im vergangenen Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum.

An jenem Sommerabend vor drei Jahren sprach er in Berlin über seine Motive, einen eigenen Verlag inmitten der wenig attraktiven amerikanischen Buchlandschaft zu gründen. In den USA hatten Medienkonzerne vor vielen Jahren das Ruder übernommen und das Grundmotiv eines jeden Verlegers aufgelöst. Bestseller waren längst nicht mehr Mittel zum Einspielen des Geldes für Liebhaberbände, wie dies normalerweise der Fall sein sollte, um die Mannigfaltigkeit der Verlagsprogramme aufrecht zu erhalten. Ursächlich hierfür ist die fehlende Buchpreisbindung. Erfolgsbücher wurden als One-Dollar-Ware zu Publikumsmagneten missbraucht, um überhaupt noch Leser in die Buchläden zu locken. Literarische Kleinodien gab es daher so gut wie gar nicht mehr, denn in einem solchen System muss sich jedes Buch rentieren. Schiffrin schrieb darüber bereits 2000 in seinem Sachbuch Verlage ohne Verleger. Und er revolutionierte die Verlagsszene mit dem Weg, den er und wenige andere erfolgreich mit The New Press gehen sollten.

Die US-Verhältnisse brachten Schiffrin nicht nur in die Stadt seiner Kindheit nach Paris zurück. Sein Aufwachsen in der bibliophilen Tradition der Franzosen hatte ihn früh die Demut vor der Literatur gelehrt. Eine wesentliche Rolle spielte dabei auch sein Vater Jacques Schiffrin, der als Verleger in Frankreich und den USA selbst sehr erfolgreich gearbeitet und enge Freundschaften mit Autoren wie dem Romancier André Gide oder dem Fliegerschriftsteller Antoine de Saint-Exupéry gepflegt hatte. Jacques Schiffrin wurde 1892 in Baku am Kaspischen Meer geboren. Nach Paris war er über St. Petersburg, Genf, Monte Carlo und Florenz gelangt. Dort hatte er bei Gallimard angefangen und sich schnell nach ganz oben gearbeitet. Die »Bibliothèque de la Pléiade«, in der zunächst vornehmlich die Hauptwerke der französischen Literatur kommentiert, preiswert und handlich herausgeben wurden, war unter Jacques Schiffrins Aufsicht entstanden. Welch Herausforderung das war, kann man sich am Beispiel von Marcel Prousts Jahrhundertroman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vor Augen führen. Es brauchte handliche Lösungen, um mehrere tausend Seiten kommentiertes Textwerk im Handtaschenformat herauszugeben. Jacques Schiffrin war es gelungen, diesen gordischen Knoten zu lösen – nicht nur bei Proust. Die Pléiade-Reihe umfasst inzwischen nahezu die gesamte klassische Weltliteratur.

Doch wie bei so vielen jüdischstämmigen Intellektuellen musste die Familie mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ihren familienbiografischen Bruch erfahren. Zwar war es den Schiffrins gelungen, neben Personen wie Marc Chagall, Hannah Arendt, Max Ernst, Marcel Duchamp, André Breton oder der Familie von Thomas Mann auf eine der Rettungslisten des Amerikaners Varian Fry zu gelangen und nach New York zu fliehen, doch wirklich angekommen war die Familie dort nie. Zwar konnte Jacques Schiffrin in New York bei dem deutschen Verleger Kurt Wolff weiter im Literaturbetrieb arbeiten, doch mit dem französischen Lebensstil war es fortan vorbei.

»Das verlorene Paradies« nannte André Schiffrin daher Paris in seinem Lebensrückblick und meinte damit nicht nur die sonnige Pariser Wohnung, sondern das gesamte soziale Leben, das die Familie zurücklassen musste. Dem intellektuellen Freundeskreis entrissen, fristete die Familie in New York ein Exildasein. Schiffrin beschrieb in seiner Autobiografie das stille Leiden der Eltern, welches er selbst erst Jahre nach ihrem Tod wahrgenommen haben wollte, in nahezu greifbarer Manier. Er ließ den Leser die Wehmut der Eltern spüren, die ihrerseits genau wussten, dass sie nicht mehr zurückkehren würden.

Mit Verwunderung hatten diese in New York festgestellt, wie ihr Sohn trotz seiner Isolation in der paneuropäisch-jüdischen Flüchtlingsgemeinde den amerikanischen Lebensstil annahm und begann, Comics zu lesen und Baseball zu schauen. Um die Bindung an das alte Leben nicht vollends zu verlieren, schickten die Eltern den jungen André nach dem Krieg nach Frankreich. Er sollte den kultivierten französischen Lebensstil aufsaugen. »Später wurde mir klar, dass ich jener Taube glich, die von der Arche Noah ausgeschickt wurde, um das Leben nach der Sintflut zu erkunden.«

Und tatsächlich brachte er etwas aus Frankreich mit, was ihn zum ewigen Exulanten in seinem inneren Exil machte: die Identität des französischen Linksintellektuellen, die bis zuletzt sein Leben geprägt hatte. Diese politische Einstellung wurde noch während seines Studienaufenthalts im britischen Cambridge gestärkt, ein Ort, den er in seinen Erinnerungen wie den Mann’schen Zauberberg beschreibt. »Hier spielt sich offenbar eine Art Lernprozess ab, aber ich habe keinen Schimmer, was für einer.« Diese Erfahrungen prägten Schiffrin und machen in der Retrospektive deutlich, warum er sein ganzes Leben lang eine Heimat neben den USA gesucht und in Paris wiedergefunden hatte. Der Auslöser war die Wehmut seiner Eltern nach ihrem Pariser Leben.

André Schiffrins Rückblick auf seine »politischen Lehrjahre« musste man vor dem mythisch überanspruchten Hintergrund des exzessiv kultivierten Europäers lesen. Diese Prägung ließ ihn zu einem Gegner des permanent nach Gewinnmaximierung strebenden Kapitalismus und damit zum wichtigsten amerikanischen Verleger der linksintellektuellen Prominenz werden. Wie ihn dabei seine europäische Identität prägte und welchen Einfluss seine französischen Wurzeln auf seinen Werdegang hatten, kann man in seiner Biografie Paris, New York und zurück wunderbar und einzigartig nachlesen.

Übrigens: Zuletzt hatte er sich dem Studium der väterlichen »Bibliothèque de la Pléiade« gewidmet – ein weiteres Anzeichen seiner racines bibliophiles, seiner literarischen Wurzeln. Sie werden fehlen – jedem von uns. Selbst denen, die sich dessen nicht bewusst sind.

cover-schiffrinAndré Schiffrin: Paris, New York und zurück. Politische Lehrjahre eines Verlegers

Aus dem Amerikanischen von Andrea Marenzeller

Matthes & Seitz Berlin 2010

255 Seiten. 22,90 Euro

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