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»Menschen wie du und ich«

Literaturnobelpreisträger John Steinbeck und Magnum-Gründer Robert Capa reisten 1948 gemeinsam in die Sowjetunion, um das Leben der einfachen Russen zu dokumentieren. Ihre grandiose Reportage »Russische Reise« lässt diese Erfahrung nachvollziehen.

1948 machen sich zwei Amerikaner auf den Weg nach Russland, um ihren Landsleuten den unbekannten Giganten in Europas Osten mit Wort und Bild näher zu bringen. Bei den beiden Reisenden handelte es sich um keine Geringeren als John Steinbeck und Robert Capa. Wenn sich auch beide noch nicht auf dem Zenit ihres Ruhmes befanden, waren sie alles andere als Unbekannte. Steinbeck reüssierte zwar bereits 1939 mit seinem grandiosen und mit dem Pulitzerpreis bedachten Roman Früchte des Zorns, sein zweites großes Werk Jenseits von Eden und der Literaturnobelpreis sollten aber erst noch kommen. Capa hatte ein Jahr zuvor u.a. mit Henri Cartier-Bresson und David Seymour, die bald berühmteste Fotoagentur der Welt Magnum gegründet und hatte noch einige ruhmreiche Jahre vor sich, bevor er 1954 im Indochinakrieg auf eine Landmine trat und starb.

Das Ziel ihrer Reise hatten die beiden Freunde vorher klar definiert. Statt Weltpolitik und Ideologie wollten sie das russische Leben porträtieren: »… die Politik außen vor zu lassen und zu versuchen, mit russischen Bauern und Arbeitern und Markthändlern zu reden und sie zu verstehen, zu sehen, wie sie lebten, und unserem Volk dann darüber zu berichten, so dass ein gegenseitiges Verständnis entstehen konnte.«

Ausgestattet mit Kamera und Notizblock hielten sie fest, was um sie herum geschah. Was sie von den Korrespondenten der amerikanischen oder europäischen Tageszeitungen unterschied, war die Tatsache, dass sie nicht auf Einladung des russischen Außenministeriums durch Stalins Reich reisten, sondern auf der Karte der russischen Gesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland (sog. WOKS) reisen konnten. Dies wäre fast gescheitert, denn bei WOKS herrschte Skepsis, ob Steinbeck und Capa nicht einfach nur den Skandal suchen, den sie in den USA auf Kosten Russlands hätten ausschlachten können. Nur ihre journalistische Souveränität rettete das Vorhaben. Auf die skeptischen Nachfragen entgegneten sie: »…wir sind wegen einer Story gekommen. Wenn wir diese Story, wegen der wir gekommen sind, schreiben können, dann machen wir das. Geht das nicht, dann haben wir auch eine Story.« Unmissverständlicher konnte man kaum ausdrücken, dass die Erteilung einer Reiseerlaubnis die bessere Wahl war. So konnten Capa und Steinbeck im Gegensatz zu ihren schreibenden und knipsenden Zeitungskollegen nicht nur problemlos Moskau verlassen, sondern mussten ihre Aufzeichnungen auch nicht der Zensur durch das russische Außenministerium übergeben.

Und dennoch suchen sie nicht das Spektakuläre oder die Prominenz, sondern fuhren auf das Land oder in vom Krieg zerstörte Städte, um dort den Alltag der einfachen Russen zu beobachten und um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Mit offenen Augen und wachem Geist durchquerten sie das stalinistische Russland. Entstanden ist dabei ein ebenso sensibler wie mit Humor und Ironie angereicherter Reisebericht, in dem es Steinbeck und Capa niemals an Respekt und Hochachtung vor dem russischen Volk vermissen lassen, ohne dabei jedoch Distanz und Verachtung für das russisch-auto-bürokratische System preisgeben zu müssen. Ihre Reportage ist das Dokument zweier wacher und kaum zu täuschender Geister.

Sie nahmen auf ihrer Reise wahr, dass »man sehr selten einem Lachen und kaum einmal einem Lächeln« begegnete und dass nichts in der Sowjetunion »außerhalb des Blickfeldes von Stalins gipsernem, bronzenem, gemaltem oder gesticktem Auge« geschehen konnte. Und obwohl sie auch immer wieder zu Empfängen oder exklusiven Soirées eingeladen wurden, entging ihnen nicht die allseits grassierende Armut, die die Menschen in Russlands Läden trieb, um andere beim Einkaufen zu beobachten.

Das Gulag-System im repressiven Russland unter Stalin, welches auch zehn Jahre nach der großen Säuberungswelle im Jahr 1937 noch auf Hochtouren lief, scheint ihnen jedoch entgangen zu sein. Als Leser sollte man sich durchaus vor Augen halten, dass russische Intellektuelle wie Warlam Schalamow, dessen Erzählungen aus Kolyma hierzulande dank der Sysiphosarbeit des Verlags Matthes & Seitz Berlin auf ein beachtliches Interesse stoßen, unentdeckt und ohne Hoffnung im »Hohen Norden« schufteten, während Steinbeck und Capa neugierig durch Russland reisten.

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Den beiden Amerikanern begegnete ein gigantisches staatliches Projekt, dessen permanentes Scheitern in der Gegenwart zwar nicht zu übersehen war, aber mit einem Dauerversprechen auf eine bessere Zukunft überdeckt wurde: »In Russland denkt man stets an die Zukunft. An die nächstjährige Ernte, an den Komfort, den es in zehn Jahren geben wird, an die Kleider, die demnächst geschneidert werden. Wenn jemals ein Volk seine Energie aus der Hoffnung geschöpft hat, dann ist es das russische Volk.« Bereits in dieser kurzen Passage klingt die Differenz zwischen Achtung der Menschen und Verachtung für das System an, die die Reportage der beiden Freunde prägen. In den Wochen, in denen sie gemeinsam unterwegs waren, scheinen Capa und Steinbeck mehr von Russland verstanden zu haben, als so manch einer ihrer schreibenden Kollegen der Tagespresse.

Steinbecks Reisebericht, zu dem Capa die dokumentierenden Fotografien und einen humorig-geistreichen Einwurf lieferte, ist aber nicht allein aufgrund der einmaligen Reisebeschreibungen wertvoll, sondern auch, weil er uns die beiden Reisenden als Menschen näher bringt. Etwa wenn sich Steinbeck unablässig über »eine unangenehme Eigenschaft« seines Freundes Robert Capa ereifert: »Er belegt das Bad ausdauernd und mit Beschlag. Und das läuft folgendermaßen ab: Er verlässt das Bett und verschwindet im Bad und lässt Wasser in die Wanne ein. Dann legt er sich in die wassergefüllte Wanne und liest, bis er schläfrig wird und ganz einschläft. Das kann sich morgens zwei oder drei Stunden lang hinziehen, und man kann sich leicht vorstellen, dass das Badezimmer so lange für schwerwiegendere Zwecke gesperrt ist.« Oder wenn er den Fotografen Robert Capa beschreibt, der seine Ausrüstung »wie eine Henne« umgluckte, »zum Tyrannen und Sensibelchen« wurde, wenn es um seine Kameras ging und der sich persönlich »vom Himmel bestraft« sah, wenn die Lichtverhältnisse bei Regen seine Arbeit verhinderten. John Steinbeck zeigt auch den wachen, aufmerksamen und intelligenten Capa, der es verstand, Situationen und Gegebenheiten in Bildern festzuhalten, für die er selbst keine Worte fand.

Capa seinerseits lässt sich auch über seinen schreibenden Kompagnon amüsiert aus, weil dieser »recht originelle Reisevorbereitungen« getroffen habe: »Zuerst teilte er den Russen mit, es sei ein großer Fehler, ihn als Säule des Weltproletariats zu betrachten, vielmehr könnte man ihn als Repräsentant westlicher Dekadenz beschreiben, und zwar so westlich wie die übelsten Spelunken Kaliforniens. Er verpflichtete sich auch, ausschließlich die Wahrheit zu schreiben, und als er höflich gefragt wurde, was die Wahrheit sei, antwortete er: Das weiß ich auch nicht.« Capa reflektiert aber auch seine Rolle als Fotograf und ist sich nicht zu schade, zu gestehen, wie schwer ihm diese Reise in ein Land, das aufgrund seiner Strenge und Diszipliniertheit »für einen Fotografen stinklangweilig« sei, gefallen ist.

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John Steinbeck: Russische Reise. Mit Fotografien von Robert Capa. Herausgegeben von Ilija Trojanow. Aus dem amerikanischen Englisch von Susann Urban. Edition Büchergilde 2011. 298 Seiten. 19,90 Euro. Hier bestellen

Alles andere als stinklangweilig ist diese wunderbare Reisebericht in Wort und Bild, der in der Reihe Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte, die in der Edition Büchergilde von Ilija Trojanow herausgegeben wird, auf deutsch erschienen ist. Russische Reise, geschrieben von dem Pulitzer- sowie späteren Literaturnobelpreisträger John Steinbeck und unterfüttert mit den Fotografien des großen Robert Capa ist eine Perle der modernen Reiseliteratur – nicht nur, weil sie dem Leser einmalige Einblicke in die innere Verfasstheit der Sowjetunion kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnet, sondern vor allem auch, weil sie ein Dokument tiefer Menschlichkeit und Humanität fernab von politischem Ideologismus ist.

Und so schließt John Steinbeck den Bericht mit den Worten: »Hier ist nun also unsere Reportage. Sie handelt von den Dingen, wegen denen wir aufbrachen. Wie wir vermutet hatten, stellte sich heraus, dass die Russen Menschen wie du und ich sind und dass sie sehr nett sind. … Es gibt keine Schlussfolgerungen, die man ziehen könnte, außer jener, dass sich das russische Volk nicht wesentlich von anderen Völkern dieser Welt unterscheidet. Ganz bestimmt gibt es einige Bösewichte darunter, aber die weitaus meisten sind sehr anständige Menschen.«

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