Schmutzige Finger

© Sony Pictures

Quentin Tarantino hat angekündigt, nach »Django Unchained« einen weiteren Western drehen zu wollen. Sein Sklaven-Revenge-Epos hat ein Millionenpublikum in die Kinos getrieben. Zwei Oscars und zwei Golden Globes hat Tarantinos erster Italo-Western gewonnen, weil er schonungslos und kongenial von der Grausamkeit und Unmenschlichkeit der Sklaverei erzählt.  

Man mag Quentin Tarantinos Django Unchained verstehen wie man will, aber der Zusatz »entfesselt« bzw. »ohne Ketten« (engl. unchained) ist keineswegs Zufall. Denn auch wenn der mit Jamie Foxx formidabel besetzte Django durchaus von seinem Partner Dr. King Schultz (Christoph Waltz) freigekauft, seiner Ketten entledigt wird und als freier Mann mit ihm durch den Wilden Westen zieht, steht das »entfesselt« für den gesamten Film. Entfesselt ist die Handlung, entfesselt agieren die Figuren, entfesselt ist die Gewalt. Aber gerade das macht Tarantinos neuerliches Meisterwerk so authentisch.

Django Unchained spielt kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und der titelgebende Held ist ein afrikanischer Sklave, der gewaltsam von seiner Frau Broomhilda von Shaft (Kerry Washington) getrennt wurde. Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (nach dem Golden Globe gewann Christoph Waltz für die Verkörperung des etwas anderen Zahnarztes seinen zweiten Oscar) interessiert sich für den Mann, weil er auf der Suche nach den Brittle Brothers ist, die er zur Strecke bringen will. Er selbst kennt die Brüder nicht, Django als von ihnen Gepeinigter schon. Schultz kauft ihn frei, behandelt ihn mit Respekt und gibt ihm Stück für Stück seine Würde zurück – indem er gar keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass ein Schwarzer mit Respekt zu behandeln ist. Nach erfolgreicher Jagd der Brittle Brothers verbünden sich Schultz und Django zu einem unschlagbaren Gespann, der clevere, charmante, überaus gebildete und Sklaverei verabscheuende Dr. Schultz auf der einen und der knallharte, eiskalte, innerlich wütende und von Leidenschaft getriebene Django auf der anderen Seite.

Die Regeln des Spiels, sich die Finger schmutzig zu machen, haben beide akzeptiert. Auch dass sie, wo auch immer sie auftauchen, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sei es, weil es in den Südstaaten keine freien Schwarzen gab oder weil Schultz mit seiner bittersüßen Ironie den Südstaatlern ihre tumbe Unmenschlichkeit vor Augen führt.

Grandios füllt Waltz, der nach seinem furiosen Auftritt in Inglourious Basterds zum Lieblingsschauspieler von Tarantino geworden ist, die Rolle des Dr. Schultz aus. Tarantino hat ihm die Rolle des deutschen Einwanderers, der ebenso abgeklärt wie ironisch den Staaten den Spiegel der eigenen Geschichte vor die Nase hält, auf den Leib geschrieben. Es ist einfach großartig, Waltz dabei zuzusehen, wie er den gerissenen Kopfgeldjäger spielt, der ebenso angeekelt wie erstaunt das amerikanische Spielchen mitspielt. Dr. King Schultz bricht nicht nur schauspielernd jede Erwartung, die ihm entgegengebracht wird, sondern steht selbst mit dem Rücken zur Wand noch als Sieger da. In Django hat er seinen idealen Partner gefunden, der ebenso wie Schultz in Rollen zu schlüpfen vermag, um denjenigen, die sie suchen, auf die Spur zu kommen. So ziehen sie durch die Staaten, immer auf der Jagd nach den staatlich gesuchten Ganoven, für die es – ob tot oder lebendig – enorme Belohnungen zu verdienen gilt. Und wo man gemeinsam schießt, schließt man auch Freundschaft, so dass Schultz Django verspricht, ihm bei der Suche nach seiner Frau zu helfen.

Sie erfahren, dass diese an den miesen Farmer und Sklaventreiber Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) verkauft wurde und auf dessen Farm Candieland – die Ironie dieses Namens wird deutlich, sieht man die Brutalität, mit der die weißen Herren ihre Allmacht über die schwarzen Sklaven auf dieser Farm ausüben – als Sklavin für alles gefangen gehalten wird. Schultz und Django machen sich auf den Weg nach Candieland, um Broomhilda über einen Trick freizukaufen, indem sie vorgeben, eigentlich an einem Kampfsklaven interessiert zu sein, um nebenher die deutsch sprechende Broomhilda als gesellige Begleitung von Dr. King Schultz freizukaufen. Natürlich läuft die Aktion aus dem Ruder, denn Calvin Candies rechte Hand, der schwarze Hausdiener Stephen (Samuel L. Jackson), bemerkt die Verbindung von Django und Broomhilda und lässt sie auffliegen. Für einen »absurd hohen Preis« kauft Schultz Djangos Frau frei, doch weil er sich weigert, dem skrupellosen Farmer die Hand zu geben, kommt es zur Schießerei, bei der Schultz, Candie und zahlreiche seiner Helfer ums Leben kommen. Um Broomhilda zu retten, ergibt sich Django, wird gefangengenommen, doch er wäre kein Tarantino-Held, wenn er nicht zurückkommen würde. So wie Uma Thurman in Kill Bill bereits erschossen und beerdigt zurückkommt, um am Ende zu triumphieren, kehrt auch Django zurück, ohne Ketten und entfesselt.

Django Unchained 1

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Django Unchained | © Sony Pictures

Quentin Tarantinos letzter Streifen wurde in den USA für seine explizite Gewalt kritisiert. Dies verwundert – nicht weil der Amerikaner auf die schlimmsten Szenen, die er gefilmt hat, im Schnitt verzichtet hat, sondern weil er dafür bekannt ist, in Sachen Gewalt kein Kind von Traurigkeit zu sein. Entsprechend sind auch in Django Unchained zahlreiche Szenen, die schrecklich anzusehen und nichts für schwache Nerven sind. Gewalt war immer elementarer Bestandteil seiner Filme, von Reservoir Dogs über Pulp Fiction, Kill Bill 1 & 2 und Inglourious Basterds bis zu Django Unchained. Dabei geht es ihm nie um ein Ausstellen oder Verherrlichen der Gewalt, sondern um ein Aufzeigen ihrer Mechanismen und Logiken. Dazu gehört auch, dass diejenigen, die selbst Gewalt erlitten haben vor ihr keineswegs zurückschrecken, sondern ihr tief in die Augen schauen und mit ihr einen Pakt eingehen. Ob dieser Pakt faustisch ist oder nicht, muss der Zuschauer selbst entscheiden. Als Zuschauer verfolgt man den persönlichen Rachefeldzug von Tarantinos Helden mit einem befremdlichen Gefühl, einerseits verständnisvoll ob der Wut, die sie bewegt (und die man durchaus auch selbst empfindet angesichts der Ungerechtigkeit und Grausamkeit, die ihnen wiederfahren ist), und andererseits verabscheuend ob der grenzenlosen Gewalt, die ihm da vorgeführt wird.

Die amerikanische Kritik scheint vielmehr das Befremden einer Nation auszudrücken, in der die »white rage«, die »weiße Wut« der rechten und rechtskonservativen Kräfte zuletzt beträchtlichen politischen und gesellschaftlichen Einfluss gewonnen hat. Das zu großen Teilen rechtskonservative Amerika will sich von einem wie Tarantino nicht den eigenen historischen Mythos kaputtmachen lassen, schon gar nicht, wenn es um eine kritische Reflexion der Sklaverei geht. Selten zuvor ist die Phase der Sezession in ihrer Brutalität und Unmenschlichkeit derart explizit vor Augen geführt worden. Das puritanisch-saubere Erschießen des amerikanischen CSI-Kinos wird hier ins Gegenteil, in ein barbarisches Abschlachten verkehrt. Das mag man isoliert schrecklich finden, in dem historischen Kontext, in dem Tarantino seine Geschichte erzählt, ist es konsequent und authentisch. Ebenso wie die menschliche Neigung, nach unten zu treten, um oben zu bleiben – unschlagbar vorgeführt in der Figur des Hausdieners Stephen, der sich in seiner privilegierten Position als ebenso skrupelloser Sklavenherrscher zeigt wie sein Herr.

Neben Gewalt und radikaler Aufklärung über eines der dunkelsten Kapitel der US-amerikanischen Geschichte bekommt man als Zuschauer in Django Unchained auch jede Menge Ironie und Sarkasmus geboten. In Dialogen und Episoden bricht Tarantino die Erzählung auf und entblößt slapstickhaft die situative Absurdität der historischen Wirklichkeit. So befindet sich in der Mitte des Films eine wunderbare Persiflage auf die Gründung des Ku-Klux-Klans, für die allein sich schon der Besuch des Filmes lohnt. Nicht wenige Tarantino-Fans besuchen dessen Filme vor allem aufgrund der kongenialen Filmmusiken, mit denen der Amerikaner seine Filme nicht einfach nur unterlegt, sondern seine Erzählungen wie kaum ein Zweiter rhythmisiert, dramatisiert und genretypisch einordnet. Auch diese Fans kommen hier bestens auf ihre Kosten.

Muss man nicht die in Tarantino-Filmen immer wiederkehrende Moral, Gewalt gilt es mit Gewalt zu bekämpfen, kritisieren? Verherrlicht Tarantino vielleicht sogar die alles ergreifende Gewalt? Auch wenn er sie exzessiv vorführt, eine Verherrlichung des Brutalen, Gewalttätigen findet hier nicht statt. Tarantino stellt die Gewalt nicht aus und verklärt sie nicht, das wäre, wie er selbst sagt, »obszön«. Stattdessen entlarvt er sie; und vor allem entlarvt er die menschliche Anfälligkeit für Gewalt. Seine Kamera richtet den Blick weniger auf die Gewalt, als vielmehr auf die Personen, die sie ausüben, ansehen müssen oder erleben. Dieser Blick zeigt uns den Menschen in all seinen Stärken und Schwächen, mit all seiner Widerstandsfähigkeit und Anfälligkeit. Tarantino führt uns die Errungenschaften der Menschheit ebenso vor wie die Abgründe. Nichts Schlechtes ist nur schlecht und nichts Gutes nur gut. Dies zu begreifen ist elementar, um über Zusammenleben zu diskutieren.

Mit Django Unchained hat Quentin Tarantino seiner Filmografie einmal mehr eine ebenso außergewöhnliche wie radikale Menschen- und Gesellschaftsstudie hinzugefügt, die ihresgleichen sucht. Die Ankündigung des Amerikaners, mit Mitte 60 nicht mehr im Wohnwagen mit einer Filmcrew von Drehort zu Drehort zu ziehen, haben Fans mit Erschrecken vernommen. Im Film lässt sich Tarantino mit ein paar Stangen Dynamit selbst in die Luft sprengen. Dies war nicht die filmische Inszenierung des bereits beschlossenen Abtritts dieses großen Filmemachers, wie wir jetzt wissen. Tarantino kündigte an, noch einen weiteren Western drehen zu wollen. Spekuliert wird über eine Hommage an Die glorreichen Sieben.

Django Unchained. Mit Jamie Foxx, Kerry Washington, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio und Samuel L. Jackson. 165 Minuten. FSK 16 Jahre