»Come Prima« wird bestes Album

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Beim 41. Internationalen Comicfestival in Angoulême triumphierten vor allem Autoren aus dem franko-belgischen Raum. Das Beste Album des Jahres stammt aus der Feder des Franzosen Alfred und erzählt sensibel von der Reise zweier Brüder in die gemeinsame Vergangenheit. Die großen Favoriten »Last Man« und »Saga« gingen leer aus.

Europas wichtigste Comicpreise sind im Rahmen der traditionellen Abschlusszeremonie im Theater von Angoulême am Sonntagnachmittag vergeben worden. Insgesamt zwölf Autoren von neun Comics sowie das Kollektiv einer Comic-Anthologie wurden in den neun Kategorien ausgezeichnet. Der publikumsscheue Amerikaner Bill Watterson wurde für sein Lebenswerk mit dem Großen Preis der Stadt Angoulême ausgezeichnet.

Der französische Zeichner Alfred hat mit seinem Comic Come Prima den Preis für das Beste Album gewonnen. Damit folgt er Christophe Blain und Abel Lanzac, die im vergangenen Jahr mit dem zweiten Teil von Quai d’Orsay Europas wichtigsten Comicpreis gewonnen hatten. Alfred rekonstruiert in seinem neuen Comic anhand der Erinnerungen von Fabio und Giovanni das Porträt ihres Vaters, zu dessen Beerdigung sie gemeinsam unterwegs sind. Auf ihrem Roadtrip begeben sie sich nicht nur zurück in ihren Heimatort, sondern auch zurück in ihre Vergangenheit. Die Erinnerungen an die lauten und leisen Momente ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend werden zu Erweckungserlebnissen der beiden Brüder, die gezwungen sind, sich ihrer turbulenten Beziehung zu stellen. Mit Come Prime hat der Franzose – der in Deutschland vor allem für seinen Comic Warum ich Pater Pierre getötet habe (Carlsen Verlag) Begeisterung auslöste – ein sensibles und sentimentales Album vorgelegt, dass grafisch besticht und erzählerisch unter die Haut geht. Bei der Auszeichnung sagte der Zeichner, dass er sich diesen Erfolg nur mit dem Umstand erklären könne, dass Come prima bei einigen Lesern etwas berühre, das tief in ihnen ruhe.

Da schon vor dem Festival klar war, dass nach 2007 und 2011 kein Comicautor aus dem franko-belgischen Raum den Großen Preis gewinnen würde, war die Auszeichnung eines französischen Comics als Bestes Album keine allzu große Überraschung. Damit war auch klar, dass Fiona Staples und Brian K. Vaughan, die für den Auftakt-Band ihrer international hochgelobten Comicserie SAGA nominiert waren, leer ausgehen würden. Allerdings hatten viele Experten mit einem Triumph des Trios Balak, Bastian Vivès und Michael Sanlaville gerechnet, die mit dem ersten Band ihrer Manga-ähnliche Serie Last Man nominiert waren. Die bislang drei vorliegenden Bände bestechen durch ihre kühne Erzählweise und klare Grafik. Im Rennen um die Preise in Angoulême sollten sowohl SAGA als auch Last Man aber in allen Kategorien leer ausgehen.

Den Spezialpreis der Jury hat die israelische Comicautorin Rutu Modan für Das Erbe (im Carlsen Verlag erschienen) erhalten. Der Spezialpreis ist eine Art Silbermedaille, mit dem die Jury die besondere Aufmerksamkeit auf ein Werk lenken will, das in origineller Weise eine Geschichte erzählt. Der in Deutschland erschienene, hoch gelobte Comic erzählt von der Rückkehr einer älteren Dame, die – vor den Nazis aus Polen geflohen – in Warschau nicht nur ihren Anspruch auf eine Hinterlassenschaft erheben, sondern dabei auch ihre eigene Vergangenheit zurückerobern will. Rutu Modan erzählt in Das Erbe eine mal traurige, mal heitere und immer berührende Geschichte von Vergangenheitsbewältigung und Gegenwartsgestaltung. Im vergangenen Jahr gewann Glyn Dyllon mit ihrem Manga-ähnlichen Album Le Nao de Brown.

In Angoulême wird traditionell ein Band ausgezeichnet, der das Kulturerbe der Neunten Kunst hochhält. In diesem Jahr gewannen die beiden Belgier Kamagurka und Herr Seele (Peter van Heirseele) mit ihren surrealistisch-absurden Episoden von Cowboy Henk den renommierten »Klassiker-Preis«. Kamagurka kennen die deutschen Leser u.a. aus der Titanic, in der in regelmäßigen Abständen seine frechen Zeichnungen erscheinen. Einige seiner Arbeiten sind bei Edition Moderne und Lappan erschienen. Im vergangenen Jahr trug eine großformatige Neuauflage von George Herrimans Krazy Kat den Kulturerbe-Preis davon.

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Mit dem Preis für die beste Serie wurde die ersten zwei Bände von Ted Stearns Fuzz & Pluck ausgezeichnet, einem Comiczyklus, in dessen Mittelpunkt ein »gerupftes« Huhn und ein schüchterner Teddybär stehen, die seltsame und gefährliche Abenteuer durchstehen. Die komische, surreale und berührende Serie (bislang fünf Bände) gehört zu den Favoriten von Chris Ware und David Mazucchelli. Wer Fuzz & Pluck kennenlernen will, der muss zu den französischen Ausgaben oder dem amerikanischen Original greifen. Im vergangenen Jahr gewann der utopische Zyklus Âama des Schweizers Frederik Peeters den Preis. Deren erster Teil (inzwischen auf drei Bände angewachsenen) erscheint im April bei Reprodukt. Im Mittelpunkt der Serie steht Verloc Nim, ein junger Mann, der gemeinsam mit seinem Bruder Conrad und einem mechanischen Affen mit unglaublichen Kräften eine exterrestrische Kolonie aufsucht, in der ein wissenschaftliches Projekt vor Jahren aufgegeben wurde. Peeters grafisch erschlagende Science-Fiction-Serie wartet mit fantastischen Lebewesen und grandiosen grafischen Ideen auf. Lange konnte man im Comicbereich nicht mehr eine solch utopische Fantasie ausmachen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Moebius in Peeters einen würdigen Nachfolger gefunden hat.

Eine kleine Überraschung gab es in diesem Jahr in der Kategorie Bester Newcomer. Mit Das Buch Leviathan von Peter Blegvad und Mein Freund Dahmer von Derf Backderf können sich zwei Zeichner mit ihren Verlagen über die Auszeichnung freuen. Während Peter Blegvad noch keinen deutschen Verleger gefunden hat, ist Derf Backderfs aus den Erinnerungen eines Mitschülers zusammengesetzte Biografie eines Serienmörders bereits erschienen (Metrolit Verlag). Backderf zeigte sich bei der Verleihung überglücklich. »Das ist unglaublich! Dies ist das erste Mal, dass ich nach Angoulême komme und dann werde ich so begrüßt!« 2013 wurde Jon McNaught für sein Debütalbum Automne ausgezeichnet.

Den Publikumspreis trug in diesem Jahr die Zeichnerin Chloé Cruchaudet für ihr Album Mauvais Genre davon, einer aufsehenerregenden Geschichte, die vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs mit den Themen Liebe und Identität spielt. Im Mittelpunkt stehen Paul und Louise, die kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs heiraten. Dann muss Paul an die Front, von der er – angesichts der Schrecken und Grauen – desertiert. In Paris findet er Louise wieder, doch um zu überleben, muss er sich verstecken. Am Ende bleibt nichts anderes, als in die Haut einer anderen Person zu schlüpfen. Das Publikum stimmte damit in diesem Jahr für Geschichte, in der sich die Identitäten in den matten Tönen und weichen Zeichnungen zunehmend auflösen. 2013 überzeugte Marion Montaignes Album Tu mourras moins bete das Publikum.

Als Bestes Alternativ-Comic wurde Un Fanzine Carré numéro C aus der Schweiz ausgezeichnet. Wie ein Notizblockwürfel kommt diese Anthologie mit Beiträgen von 90 Autoren. Von allen sechs Seiten bietet dieser magische Comicwürfel eine andere Ansicht und einen anderen Zugang. Im Innenteil warten 90 neunseitige Beiträge, die sich aufeinander beziehen und doch für sich allein stehen. Zweifelsohne ist hier vor allem die experimentelle Form belohnt worden. Das ausgezeichnete Werk ist die dritte Erscheinung des in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Fanzines, die nächste Ausgabe soll in drei Monaten in den Buchhandel kommen. Beim letzten Comicfestival hatten die Zwillingsbrüder Ed und Allessandro Totta mit ihrem Album Dopututto Max den Alternativ-Comicpreis erhalten.

Den Besten Kriminal-Comic haben in diesem Jahr Rodguen und Wilfried Lupano mit Ma Révérence vorgelegt. Das überraschte nicht nur den Szenaristen Lupano, denn in diesem Krimi gibt es weder Polizisten noch einen Mord. Ma Révérence ist vielmehr eine klassische Räuberpistole, in deren Mittelpunkt der dreißigjährige Vincent und sein seltsamer Kompagnon Gaby Rakete stehen. Eine ebenso sympathische wie mitreißende Story zweier Freaks, die ihr Glück abseits der Legalität suchen. Im vergangenen Jahr setzte sich Anthony Pastor mit seinem pastelligen Album Castilla Drive durch.

Mit dem Preis Bestes Album für junge Leser wurden in diesem Jahr die Tagebücher von Cerise bzw. der Teil Das Buch von Hector des Autorenduos Joris Chamblain und Aurélie Neyret bedacht. Der zweite Band der mehrteiligen Erzählung von den Erlebnissen und Beobachtungen der elfjährigen skeptischen Titelheldin überzeugte die Kinderjury am meisten. Im vergangenen Jahr räumten Szenarist Patrick Sobral und Zeichner Nadou mit Die Legendären – Ursprünge. 1. Danaël, der Vorgeschichte der bislang auf 16 Bände angewachsenen Serie Die Legendären.

Lobend erwähnt wurde außerdem das Album Lartigues et Prévert von Benjamin Adam.