Berlinale Bites: Auf sich allein gestellt

© Jens Harant

Edward Berger erzählt in seinem Sozialdrama »Jack« von einer überforderten Mutter und der Odyssee ihrer beiden Söhne durch ein ignorant überzeichnetes Berlin. 

Der zehnjährige Jack (Ivo Pietzcker) steht in Edward Bergers gleichnamigen Film im Mittelpunkt. Er lebt gemeinsam mit seinem Bruder Manuel (Georg Arms) bei seiner Mutter (Luise Heyer), die ihre Zeit im Wesentlichen damit verbringt, ihr Party- und Nachtleben zu organisieren. Die beiden Kinder managen ihr Dasein im Grunde allein, die augenscheinlich überforderte Mutter taucht nur ab und an in der gemeinsamen Wohnung auf. Jack hat für seinen kleinen Bruder eine Art Vaterrolle angenommen – die Situation lässt gar nichts anderes zu.

Als sich sein Bruder in Abwesenheit der Mutter in der Badewanne verbrüht, fliegt die verwahrloste Familie auf und Jack kommt ins Heim. Dort erlebt er all das, was einem Kind im subtilen Gewaltregime der Sozialfürsorge widerfahren kann – die Einsamkeit des Neulings, die blinde Scheinempathie des Fürsorgesystems und die niederträchtige Gewalt der Hierarchie.

In dieser Welt findet außerdem ein stolzer Wettbewerb um das größte Elend statt. Die Frage, ob derjenige besser dran ist, dessen Vater gerade gestorben ist oder der, der seinen Erzeuger erst gar nicht kennt, erhält in Bergers Sozialdrama eine ungnädige Relevanz.

Allerdings verliert Jack mit dem Moment an Glaubwürdigkeit, in dem sich der Junge gegen das Gewaltregime der Heimhierarchie wehrt. Nachdem er seinen Peiniger niedergeschlagen hat, flieht Jack aus dem Heim. Doch zu Hause ist niemand, der ihn erwartet, die Tür ist verschlossen. So irrt er drei Tage und Nächte, erst ohne und dann mit kleinem Bruder durch Berlins Straßen und Clubs – immer auf der Suche nach seiner Mutter, großzügig ignoriert von der nachtaktiven Großstadtgesellschaft.

Genau hier wird der Film ungenau. Ohne Zweifel herrscht in Metropolen wie Berlin eine gruselige Mischung aus Anonymität und Egalität, aber diese kommt an ihr Ende, wenn ein Zehnjähriger und ein Sechsjähriger nachts durch belebte Straßen oder gar Clubs irren. Diese abgestumpfte Gesellschaft, von der Berger hier seinen Zuschauern erzählen will, ist schlichtweg nicht existent. Im Gegensatz zu Ursula Meier, die im Vorjahr in ihrem Wettbewerbsbeitrag L’enfant d’en haut glaubhaft machen konnte, dass ein Teenager-Dieb in den Schweizer Alpen gut in der Masse verschwindet, kann Berger seiner bedrückenden Geschichte nicht ausreichend zu Glaubwürdigkeit verhelfen. Für herumirrende Kinder bei Nacht interessiert sich selbst der hartgesottene Berliner Club-Gänger.

Wenngleich der Film diese Schwäche hat, gehört dem zehnjährigen Jungen – beeindruckend gespielt von Ivo Pietzcker – die gesamte Zuneigung des Festivals. In Edward Berges Jack gibt es drei Kinder, von denen eines kein Kind mehr ist. Die Rede ist von diesem zehnjährigen großen Bruder, der unter den Bedingungen, in denen er lebt, schneller erwachsen werden musste, als seine Altersgenossen. Am Ende verliert er noch das Vertrauen zu seiner Mutter, in dessen Existenz der letzte kindliche Zug dieses erwachsenen Jungen lag.

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