Berlinale Bites: Ein Leben lang in Ketten

Gregory Smith © Tessalit-Pathé

Forest Whitaker überzeugt in »La voie de l’ennemie« als Ex-Häftling, der erbittert mit den Dämonen seiner Vergangenheit und um seine Menschenwürde kämpft. Rachid Boucharebs Wettbewerbsbetrag ist eine Anklage gegen den Alltagsrassismus in den USA.

Rachid Bouchareb ist mit einer Wiederauflage des Krimis Deux hommes dans la ville im Wettbewerb vertreten. Sein in Algerien gedrehter und in New Mexico spielender Beitrag La voie de l’ennemie verfolgt das Schicksal des geläuterten Polizistenmörders William Garnett (Forest Whitaker), der nach 18 Jahren aus der Haft entlassen wird und als zum Islam Bekehrter noch einmal neu anfangen möchte. Doch das ist leichter als getan. Zwar wird Garnett bestmöglich von seiner Bewährungshelferin Emily Smith (Brenda Blethyn) unterstützt, jedoch gibt es einen rachsüchtigen wertkonservativen Sherriff (Harvey Keitel) sowie einen ehemaligen Komplizen (Luiz Guzmán), die mit allen Mitteln Garnetts Resozialisierung verhindern wollen.

Harvey Keitel besticht einmal mehr als harter Bursche mit weichem Herz und Brenda Blethyn überzeugt als resolut-idealistische Bewährungshelferin, deren Philosophie darin besteht, ein Vertrauensverhältnis zu ihren Schützlingen aufzubauen. Im Weg stehen ihr dabei eine unbarmherzige Justiz, die an Philosophie ebenso wenig interessiert ist wie Sherriff Bill Agati an Resozialisierung.

Getragen wird der Film von Hauptdarsteller Whitaker, dessen brillante Verkörperung von Idi Amin (Der letzte König von Schottland) unvergessen ist, trägt als unter ständiger Spannung stehender Ex-Häftling den Film. Allein seinem Minenspiel lässt sich das permanente Ringen um die eigene Würde ablesen. Sein Weg in Freiheit ist gepflastert mit unzähligen Hindernissen und Schikanen und dem Misstrauen darin, dass es irgendjemand im System gut mit ihm meinen könnte. Garnett steht unablässig unter Anspannung, ringt immer wieder um Beherrschung, um die Verzweiflung einerseits und die brodelnde Wut andererseits in den Griff zu bekommen, denn das amerikanische Bewährungssystem ist eines der strengsten weltweit. Jedes »Vergehen« kann fatale Folgen haben.

Beim unbarmherzigen Umgang mit seinen Ex-Häftlingen und dem Alltagsrassismus setzt Rachid Bouchareb seine politische Kritik an, die er symbolisch an den Beginn seines Filmes gesetzt hat. Da wird der schwarze Muslim William Garnett, der seine Strafe abgesessen hat, in Anzug und Ketten – eine Kiste mit seinen Habseligkeiten in den Händen – in Zeitlupe die Gefängnistreppe hinuntergeführt. Schon hier kann man ahnen, dass dieser Garnett, allem Lebenswandel zum Trotz, seine Ketten nie los werden wird.

Keine weiteren Vorführungen mehr auf der 64. Berlinale