Berlinale Bites: Vom Schicksal getroffen

© Allen Fraser / Cry Fly Manitoba Inc.

2009 gewann die peruanische Regisseurin Claudia Llosa mit »Eine Perle Ewigkeit« den Goldenen Bären. In diesem Jahr ist sie im Wettbewerb mit der Hollywood-Produktion »Aloft« vertreten, einer ins ewige Eis verlegten Suche nach Heilung und Vergebung.

Das Leben meint es nicht gut mit Nana Ephron (Jennifer Conelly). Sie lebt mit ihren beiden Söhnen Ivan und Gully bei ihrem Vater, weil sie sich eine eigene Wohnung nicht leisten kann. Gully ist schwer krank, er hat einen Tumor, der seine Entwicklung bremst. Kein Arzt weiß, wie man dem Jungen helfen kann. Die um ihren Sohn bangende Nana ist derart verzweifelt, dass sie dem Ruf des Naturheilers Newman (William Shimell) folgt, der kranke Kinder angeblich durch Berührung in seinen kunstvoll gebauten Naturtempeln heilen kann. Es kommt beim besuch des Heilers zu einem Zwischenfall mit dem Falken ihres Sohnes Ivan, bei dem Nana den versehrten Timothy vor einer Attacke des Vogels schützt.

Diese Berührung scheint heilende Wirkung auf den Jungen zu haben. Nach anfänglichen zweifeln beginnt Nana selbst, an die heilende Kraft von Natur und Kunst zu glauben und beginnt, mit Newman zusammenzuarbeiten. Bei der »Behandlung« eines Mädchens ist Nana gezwungen, ihre Kinder mitzunehmen. Der zehnjährige Ivan beobachtet heimlich die Zeremonie der Mutter und fährt daraufhin eigenmächtig mit dem Wagen der Mutter davon. Es kommt zu einem Unfall, bei dem sein kleiner Bruder ums Leben kommt.

Zwanzig Jahre später will die Journalistin Jessica Ressemore (Mélanie Laurent) ein Interview mit Ivan Ephron (Cillian Murphy) führen, der inzwischen den Ruf eines erfolgreichen Züchters von Hybridtauben genießt. Schnell findet Ivan heraus, dass die junge Journalistin mehr an seiner Mutter als an ihm interessiert ist. Dennoch kann sie ihn davon überzeugen, sich mit auf die Suche nach seiner Mutter zu machen, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Die gemeinsame Reise löst eine Kette emotionaler Turbulenzen aus.

Die mit dem Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa verwandte Regisseurin Claudia Llosa erzählt diese Geschichte nicht linear, sondern springt zwischen der Zeit vor dem Unfall und der danach hin und her. Dies führt zu Rätseln und Mysterien, die sich erst im Laufe des Filmes lösen. Aloft ist nach ihrem Debüt Madeinusa und dem 2009 mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Beitrag Perle der Ewigkeit Llosas dritter Film.

Sie setzt sich darin intensiv und vielschichtig mit der Frage auseinander, wie man schwere Schicksalsschläge verarbeiten und irgendwann auch vergeben kann. Llosa gibt auf die Fragen, die sie in Aloft stellt, keine einfachen Antworten. Trifft die Mutter eine Schuld, weil sie die Kinder allein im Wagen zurückgelassen hat? Oder hat sich der zehnjährige Ivan als Unfallverursacher schuldig gemacht? Und hat die Mutter ihrem zehnjährigen Sohn neben dem Trauma des Bruderverlusts nicht noch ein weiteres hinzugefügt? Llosa lässt ihre Protagonisten diese Fragen nicht offen diskutieren, aber sie legt sie frei in der arktischen Eiswüste, in der sie weite Teile des Films gedreht hat.

Die Kinderdarsteller auf dieser Berlinale sind beeindruckend, das gilt auch für die Geschwister Zen und Winta McGrath. Die Hauptdarsteller Jennifer Connelly, Cillian Murphy und Mélanie Laurent spielen ihre Rollen eindrucksvoll souverän, sie geben ihren Figuren die Aura der Verletzlichkeit, die alle auf ihre Weise schultern müssen.

»Wie kann eine Mutter ihren Sohn für eine Sache verlassen, die sie selbst nicht erklären kann«, fragt er am Ende des Films. Es gibt auf diese existenzielle Frage bis zum Schluss keine Antwort. Vergebung und Versöhnung, so sagte Claudia Llosa vor der Premierenvorführung in Berlin, »ist und bleibt auch ein Wunder«.

Hier geht es zu den Vorführungen auf der 64. Berlinale