Berlinale Bites: Tokyo liegt im Schwabenland

© „The Little House“ Film Partners

Am Freitagabend startete »Chiisai Ouchi« als letzter Film in den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale. Das japanische Liebesdrama erzählt vor historischen Hintergrund von einer heimlichen Liebe.

Das Liebesdrama des japanischen Regisseurs Yoji Yamadas beginnt mit einer Bestattungsszene, die den Zuschauer auf die Distanz von Gegenwart und Tradition vorbereitet, die sich als erzählerisches Motiv wie ein roter Faden durch die nächsten gut zwei Stunden ziehen wird. Zu sehen ist ein kleiner traditioneller Opferstein, auf dem einige Räucherstäbchen vor sich hin qualmen. Die Kamera schwenkt von diesem Opferstein den gigantischen Schornstein des Krematoriums hinauf. Dies ist schon der aufregendste visuelle Wechsel zwischen den Zeiten.

Der bereits zum neunten Mal bei der Berlinale gastierende Regisseur Yamada erzählt in Chiisai Ouchi (dt. Das kleine Haus) relativ formell von den Erinnerungen einer Frau (Chieko Baisho), die in den 1930er Jahren als Haus- und Dienstmädchen bei einer recht wohlhabenden Familie in Tokyo angestellt war. Tante Taki hat diese Erinnerungen in zwei Schulheften aufgeschrieben. Ihr Neffe Takeshi (Satoshi Tsumabuki) findet die Hefte in einer Dose, die er beim Ausräumen des Hauses nach dem Tod von Taki findet. Er beginnt sofort, in den Erinnerungen zu lesen, die historische Erzählung setzt ein.

Die junge Taki Nunomiya (Haru Kuroki) wird aus den Bergen als Dienstmädchen in ein kleines Haus mit rotem Giebeldach in Tokyo geschickt. Dort lebt der Abteilungsleiter einer Spielzeugfabrik Masaki Hirai (Takataro Kataoka) mit seiner Frau Tokiko (Takako Matsu) und seinem Sohn. Eines Tages betritt ein neuer Angestellter der Spielzeugfabrik ins Haus, der junge Kunstschulabsolvent Shoji Itakura (Hedetaka Yoshioka). Auf den ersten Blick verlieben sich Tokiko und Itakura ineinander. Langsam entwickelt sich hinter dem Rücken des Hausherrn und vor den Augen der Hausangestellten eine schüchterne und zärtliche Liebe.

Ihre Brisanz gewinnt die Affäre vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen Umstände. Juristisch war es Frauen in dieser Zeit gesetzlich verboten, sich außerehelich mit Männern einzulassen. Die Kriegskulisse fügt der erwärmenden Liebe das moralische Skandalon hinzu. Die Tragweite dessen wird von den Schauspielern im winzigen Spiel mit Mimik und Gestik deutlich – die traditionsbewusste japanische Gesellschaft der der damaligen Zeit lässt keine großen Gesten zu.

Die erzählerische Perspektive wechselt stetig zwischen den Erinnerungen von Tante Taki und den Erinnerungen des lesenden Neffen an gemeinsame Nachmittage mit seiner Tante, an denen er sie dazu ermunterte, ihr Leben aufzuschreiben. Das ist nicht sonderlich einfallsreich und trägt wenig zur Dramaturgie der Erzählung bei. Zugleich geht es übertrieben melodramatisch und sentimental zu, etwa als es zum ersten Kuss zwischen Itakura und Tokiko kommt. Vor der Tür des kleinen roten Hauses tobt ein heftiger Sturm, der – wenig  überraschend – den Sturm in den Herzen symbolisiert.

Die Charaktere in Yamadas Wettbewerbsbeitrag bleiben weitestgehend flach, ohne Tiefe und innere Widersprüche. Die Entwicklung der Handlung bleibt so über weite Teile vorhersehbar.

Die historische Dimension, der Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, fließt in Chiisai Ouchi subtil ein. Über Zeitungsausschnitte und die Diskussionen der Angestellten der Spielzeugfabrik bleibt die Geschichte immer wach. Am Ende, als Itakura eingezogen und das rote Haus beim Luftangriff auf Tokyo zerstört wird, tritt sie auch in den Vordergrund. Vor der Premiere des Films erklärte Yamada sein Motiv, diese historische Dimension wach zu halten. »Der Krieg darf sich nie mehr wiederholen. Es ist deshalb wichtig, dass wir immer wieder über den Krieg und seine Ursachen und Folgen sprechen.«

Der tiefsinnigste Satz des Films fällt am Ende. »Alles was beginnt, muss auch ein Ende haben.« Das gilt für die Liebe wie für den Krieg. In seinem Wettbewerbsbeitrag führt Yoji Yamada beide zusammen.

Lachhaft ist ein Umstand, der mit dem Film als solchem wenig zu tun hat. Die deutsche Untertitelung ist zweisprachig erfolgt, um den Dialekt der Bergregion zu imitieren, aus dem die Erzählerin Tante Taki kommt. Man hat sich für die Abbildung dieses Dialekts für einen schwäbischen Dialekt entschieden – was einen überaus komischen Eindruck macht. Plötzlich schwäbeln die Japaner.

Hier geht es zu den Vorführungen der bei der 64. Berlinale 

Nachtrag: Zuvor gab übrigens der französische Starregisseur Christophe Gans (Crying Freeman, Der Pakt der Wölfe, Silent Hill) mit seiner außer Konkurrenz laufenden Version von Die Schöne und das Biest eine mit Spezialeffekten angereicherte Märchenstunde. Über die x-te kitschige Verarbeitung der Erzählung vom Tier im Menschen und seiner Läuterung müssen keine weiteren Worte verloren werden. Allein die Frage, warum dieses Werk kurz vor dem Ende eines Filmfestivals? Wahrscheinlich hat es eine pädagogische Funktion, um den versammelten Medienvertretern vor Augen zu führen, dass die Welt, in der sie seit einer guten Woche wandeln und die am Sonntag für ein Jahr ihre Toren schließen wird, nicht real ist.