Götter in Stein

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Es gibt nur wenige Tempelruinen, die eine ähnlich faszinierende Ausstrahlung besitzen, wie die jahrhundertelang im kambodschanischen Dschungel schlummernde Khmer-Metropole Angkor Wat. Jaroslav Poncar hat die Tempelstadt über zwanzig Jahre lang fotografiert. Seine in dem Bildband »ANGKOR« versammelten Schwarz-Weiß-Fotos fangen den Glanz und Ruhm der legendären südostasiatischen Tempelanlage ein.

Kein Satz ist mir so in Erinnerung geblieben, wie die mir hinterhergeworfene Mahnung »Don’t forget your promis Thomas« eines frechen kambodschanischen Mädchens, als ich 2002 auf mein Moped stieg, um nach einer Mittagspause zur nächsten Tempelanlage zu eilen. Der Anlass war simpel: ich hatte nicht eine ihrer Holzketten gekauft, sondern sie wie so viele Touristen darauf vertröstet, ihr beim nächsten Mal eine abzukaufen. Ihrer Prophezeiung, ein nächstes Mal werde es doch sowieso nicht geben, widersprach ich. Bis heute steht das Einlösen meines Versprechens (das ich in ähnlicher Weise sicher auch in zig anderen Ländern geleistet habe) aus. Die Worte des Mädchens hallen ob ihrer rotzigen Poesie in regelmäßigen Abständen in meinem Kopf. Die Tempelanlagen von Angkor Wat üben immer noch eine magische Anziehungskraft aus – auf mich und auf tausende andere auch. Seit dem Ende der Pol-Pot-Diktatur sind die Touristenströme exorbitant gestiegen – weder für Land und Menschen noch für das Weltkulturerbe-Areal im Dschungel unproblematisch.

Seit wenigen Monaten gibt es nun endlich einen Bildband, dessen Fotos den Glanz und Ruhm der legendären südostasiatischen Tempelanlage einzufangen vermögen. Erschienen ist er im Verlag Panorama Editionen und versammelt die eindrucksvollen, kontrastreichen und poetischen Fotos des in Prag geborenen und in Köln lebenden Fotografen Jaroslav Poncar. Er war zwanzig Jahre verantwortlich für die fotografische Dokumentation der gesamten Anlage, die ein Areal von über 200 Quadratkilometern umfasst. Wenn es jemanden gibt, der mit der Kamera umgehen kann und dem die Licht- und Schattenspiele der viele Jahre im kambodschanischen Dschungel versteckten Tempelstadt vertraut sind, dann ist es der tschechische Fotograf.

Mit Wibke Lobo und Thomas S. Maxwell hat Poncar außerdem zwei der renommiertesten Angkor-Forscher gefunden, die zu den Fotosammlungen der einzelnen Tempeln und Sakralbauten kurze einleitende Texte geschrieben haben. Texte, die über das pennälerhafte herunterbeten von Daten und Mythen hinausgehen und die abgebildeten Bauwerke bzw. deren Überreste in ihrer Bedeutung für die historische Tempelstadt und die politischen Verhältnisse ihrer Zeit einordnen. Schon dies macht deutlich, dass der Anspruch des Fotografen und Autors Poncar an seinen Prachtband über eine wissenschaftlich fundierte, aber oftmals ermüdende Geschichts- und Architektur-Dokumentation hinausgeht.

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Wie wichtig diese Kenntnis für die Fotografie der ehemaligen Khmer-Hauptstadt ist, kann man in diesem Band sehen. Etwa wenn er sich dem »architektonischen Mikrokosmos des Khmer-Reiches«, dem rechteckigen Bayon-Tempel, am Morgen von Südosten her aus dem Urwald nähert und ihn einfängt, wie er aus den Urwaldbäume plötzlich aufsteigt und sich seine Konturen gleichermaßen vor dem blauen Himmel abheben und im Wasser einer Senke zu seinen Füßen spiegelt.

Zugegebenermaßen ist die Leistung des Prager Fotografen nur teilweise sichtbar, da die Aufnahmen verbergen, dass einige der abgebildeten Buddhas und Lokeshvaras, Giganten und Türwächter, Apsaras und Devatas, Schlangenhauben und Löwenfiguren verborgen in dunklen Winkeln ruhen, die nur an bestimmten Stunden am Tag vom Sonnenlicht erreicht werden. Auch zeigt der Band die – aus fotografischer Perspektive – grauenhaften Staub- und Lichtbäder, in die die tropische Hitze die Tempel über viele Stunden am Tag hüllt, nur indirekt. Man kann ihre Wirkung auf den faszinierenden Aufnahmen der glänzenden Tempelruinen im tropischen Platzregen erahnen, der zwar ein neues, anderes Bildrauschen produziert, der dem alle Konturen und Kontraste schluckenden Gleißen der Sonne aber die Kraft nimmt.

Poncars Ablichtungen der Khmer-Tempel leisten aber mehr als sie nur im rechten Licht eindrucksvoll festzuhalten. Er setzt die einzelnen Elemente der Tempel miteinander und die Ruinen als solche mit den Betrachtenden in Dialog und gibt den Tempeln damit genau jene Funktion zurück, die ihnen vor Jahrhunderten gegeben wurde. Ob die eindrucksvollen Tempel Angkor Wat und Bayon mit ihren historischen Galerien, ob die Stadtmauern von Angkor Thom mit ihren bewachten Eingangsportalen, der Elefantenterrasse und der Terrasse des leprösen Königs, ob die faszinierend überwachsenen Ruinen von Preah Khan und Ta Prohm oder die aus dem Rahmen des »normalen« architektonischen Khmer-Wahnsinns fallenden Verzierungen von Banteay Srei und Kbal Spean – sie alle waren nie bloße Objekte der Bewunderung, sondern immobile Argumente von politischer und Geschichte schreibender Funktion.

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Die zahlreichen Gesichter des Bayon oder des Banteay Chhmar kommunizieren auf Poncars Bildern miteinander und zugleich mit uns. Die historischen Szenen der Reliefgalerien behalten bei auf den Aufnahmen ihre lebendige und plastische Gestaltung, so dass sie nicht einfach nur abbilden, sondern den Betrachter einfangen. Das stille Lächeln der zahlreichen Wesen der Khmer-Kultur spricht lauthals Bände und erzählt in den unterschiedlichsten Tönen von den buddhistischen und hinduistischen Mythen, die der Khmer-Kultur zugrunde lagen, und halten die geschlagenen Schlachten und vollbrachten Leistungen warnend und mahnend wach. Sie dokumentieren die Aufopferungsbereitschaft und den Wohlstand dieser höchsten der südostasiatischen Kulturen zu dieser Zeit.

Der Tscheche hat im Gegensatz zu Fotografen wie Luc Ionesco, Jacqueline und Guy Nafilyan (Angkor, Verlag Könemann 1999) oder Suzanne Held (Angkor, Hirmer 1997) eine richtige Entscheidung getroffen: er konnte der Verlockung der farbigen Kontraste, die die orange leuchtendenden Mönchskutten vor den grün überwucherten Steintempeln versprechen, widerstehen und hat sich für die Schwarz-Weiß-Fotografie entschieden. »Das Bunte würde die Skulpturen nur unterdrücken, die Aufmerksamkeit von ihnen ablenken. Reduziert man alles auf die Grautöne, kann man mit dem Licht an den Steinobjekten interessante Akzente setzen und sie hervortreten lassen«, erinnert er sich an die Beweggründe seiner damaligen Entscheidung. So wahrt Poncar nicht nur den zeitlosen Charakter dieser mythischen Steinwelt, sondern er erhält die lebens- und detailgenaue Sensibilität und Anmut, die die Khmer-Künstler den unzähligen Türwächtern und Tänzerinnen haben angedeihen lassen, ohne dabei die Patina, die die Natur im Laufe der Jahrhunderte über die Steine gelegt hat, zu beseitigen.

Vielmehr noch gelingt es ihm an ausgewählten Beispielen zu zeigen, wie der Zahn der Zeit allein in den vergangenen zwanzig Jahren am Erscheinungsbild der Tempel genagt hat. Dies betrachtend kann man sich kaum eine Vorstellung davon machen, was die Natur in den vergangenen 500 bis 800 Jahren mit diesen Steinen angestellt hat und von welch erschlagender Schönheit und Fortschrittlichkeit dieses Zentrum der machtbesessenen südostasiatischen Zivilisation gewesen sein muss, während in Europa noch das düstere Mittelalter tobte.

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In André Malraux’ Roman Der Königsweg, in dem er die Geschichte zweier europäischer Abenteurer erzählt, die in Angkor Wat antike Statuen rauben wollen, gibt es eine Szene, in der einer der beiden fasziniert vor einer Tänzerin steht und ihr Gesicht genau in Augenschein nimmt. »Das eine Gesicht, dessen Lippen ein Lächeln umspielte, wie man es gewöhnlich bei Khmer-Statuen gewohnt war, war mit einer zarten, graublauen Moosschichtüberzogen, ähnlich dem Flaum der europäischen Pfirsiche.« Jaroslav Poncars Schwarz-Weiß-Fotografien führen uns Eindrücke wie diesen immer wieder plastisch vor Augen.

Was heißt das für mich und die noch ausstehende Einlösung des eingangs erwähnten Versprechens? Nun, die Sehnsucht, dem nachzukommen, ist nach dem Betrachten dieser Fotografien um ein Vielfaches größer. Allein die vielen Geschichten, die Tempelstadt im Urwald Kambodschas sowie das angrenzende Dorf Siem Reap sei zu einem von Touristenströmen überlaufenen Ruinen-Disneyland verkommen, halten mich zurück. Da sind mir meine Erinnerungen an einsame Spaziergänge in den Wäldern um Phnom Kulen und Kbal Spean, wo rechts und links der Trampelpfade noch vor Tretminen gewarnt wurde, doch zu lieb. Dass diese Eindrücke der im Urwald zurückgelassenen Ruinen erhalten bleiben, auch dazu tragen Jaroslav Poncars Fotografien bei. Es sind vielleicht die letzten von der verlassenen Tempelstadt Angkor Wat.

Weitere Angkor-Fotografien auf der Website des Fotografen

AngkorJaroslav Poncar: ANGKOR

Mit Texten von Wibke Lobo, Thomas S. Maxwell und Jaroslav Poncar

Edition Panorama 2013

320 Seiten mit über 270 Fotografien in Duoton und Farbe. 49,80 Euro

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