Leben und Nachleben des Marquis

De-Sade-porträt

Am 2. Dezember 2014 jährt sich der Todestag eines libidinösen Freigeistes zum zweihundertsten Mal. Dies schlägt sich auch in den Herbstprogrammen der Buchverlage wieder. Eine kleine Vorschau auf die kommenden Lektüren zu Donatien Alphonse-François Marquis de Sade.

Wer war dieser Marquis, der in einer Pariser Irrenanstalt starb und dessen zahlreiche Gefängnisaufenthalte wesentlich dazu beigetragen haben, dass er ein literarisches Werk geschaffen hat, das ihn in den vergangenen 200 Jahren immer wieder – erst hinter vorgehaltener Hand, dann hinter trügerischen Buchhüllen und nun im Tablet-Reader verborgen – in aller Munde sein ließ? »War der Marquis de Sade (1740 – 1814) ein Sadist, Verbrecher und Geisteskranker oder ein Aufklärer, ja ein Vorkämpfer gegen Triebunterdrückung und scheinheilige Moral?« Diese Frage stellt der Historiker Volker Reinhardt in seiner »ersten seriösen De-Sade-Biographie seit Jahrzehnten«, in der er »auf der Grundlage zahlreicher Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert die freigeistige, ausschweifende Jugend des schönen Marquis, seine ersten Experimente mit unschuldigen Opfern, die lange Zeit der Flucht und Gefangenschaft, sein Engagement in der Französischen Revolution und schließlich seine letzten Jahre in einem Irrenhaus« nachzeichnet. Seine besondere Aufmerksamkeit habe der Freiburger Historiker den philosophischen Romanen de Sades gewidmet, in denen Männer und Frauen auf abgelegenen Schlössern sexuelle Konstellationen testen, auf grausamste Weise die moralische Widerstandskraft ihrer Opfer auf die Probe stellen, dabei über die Natur des Menschen räsonieren und so in Wort und Tat das Böse vermessen. Ist de Sade also doch viel eher ein verkannter Aufklärer und Revolutionär und weniger ein exzessbesessener Lüstling? Antworten auf diese Frage liefert womöglich Reinhardts Einführung in Leben und Werk, die im Juli unter dem Titel De Sade: oder Die Vermessung des Bösen erscheint.

Natürlich ist es ein Ergebnis der De-Sade-Rezeption, dass der »göttliche Marquis« immer noch zu emotionalen Debatten zu verleiten vermag. Der Widerhall seines Werkes sei »gigantisch«, lässt der Suhrkamp-Verlag anlässlich eines Essaybandes verlauten, der im November erscheinen soll. Ursula Pia Jauch, Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte an der Universität Zürich, hat für das Buch Sade – Stationen einer Rezeption die reflektierten und reflektierenden Texte zur Wirkungsgeschichte de Sades versammelt. Ihr Band lässt sich als Fortsetzung und Vertiefung der Biographie von Volker Reinhardt deuten, der in seinem Abschlusskapitel anklingen lässt, warum Marquis de Sade eine solche Schlüsselfigur der Moderne hat werden können und derzeit mit Texten wie Fifty Shades of Grey ein wahres Revival erlebt. Der Literaturpapst des 19. Jahrhunderts, Charles-Augustin Sainte-Beuve notierte bereits 1843, dass es jetzt Mode sei, »auf Sade« zu machen. So sei es bis ins 21. Jahrhundert geblieben, von der Psychoanalyse über Nietzsche und die Kritische Theorie bis hin zu Surrealismus und Existentialismus – überall finde sich de Sade. Auf etwa 400 Seiten zeichnet Jauch anhand zentraler Texte von Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Simone de Beauvoir, Albert Camus und anderen die Stationen der Sade-Rezeption bis in die Gegenwart nach.

Insbesondere für Georges Bataille, »den Denker der Entgrenzung«, war de Sade ein wichtiger Autor, weshalb er auch in Ursula Pia Jauchs Rezeptionsanalyse vertreten ist. Im Verlag Matthes & Seitz Berlin – der nicht nur de Sades zehnbändigen Doppelroman Justine und Juliette herausgibt, sondern seit einigen Jahren auch das Großprojekt einer Gesamtwerkschau Batailles verfolgt – erscheint im Oktober außerdem der Band Sade und die Moral, in dem Rita Bischof vier Texte Batailles versammelt hat, in denen sich der Franzose mit seinem Landsmann, dem »philosophischsten aller Pornographen« auseinandersetzt. Neben Fragen der Moral behandele der in der beliebten Reihe der Fröhlichen Wissenschaft eingeordnete Band de Sades Einfluss auf unsere Zeit und was wir heute von Sade lernen können. Hier, so scheint es, bietet sich die Möglichkeit des Weiterlesens und Vertiefens der Rezeption und Prägung am Beispiel George Batailles. Wie stark in diesen Büchern die Faszination der Figur de Sades die Schatten seiner Person überdeckt, bleibt dennoch abzuwarten.

Aber es ist kein Geheimnis, dass der französische Lebemann mit seinen Schriften immer wider Anlass zu Legenden über das »Monster« de Sade, den »düsteren Erzengel« oder den »Vater des Bösen« gab. Einer dieser skandalumwitterten Texte ist de Sades Die 120 Tage von Sodom oder Die Schule der Libertinage, der im Oktober in neuer Übersetzung ebenfalls im Verlag Matthes & Seitz Berlin erscheint. De Sade hat dieses pornografische Werk als die »unreinste Erzählung seit Anbeginn der Welt« bezeichnet. In nur 37 Tagen schrieb er dieses Dokument einer Sex- und Gewaltorgie, in der sich vier durch kriminelle Machenschaften zu Geld gekommene Libertins mittleren Alters auf einem geheim gelegenen Schloss vier Monate lang mit vier Töchtern, vier lasterhaften Erzählerinnen, acht Beschälern, vier Dienerinnen, acht jugendlichen Sexsklavinnen, acht jugendlichen Sexsklaven, sechs Kochgehilfen, drei Köchinnen und drei Mägden vergnügen. De Sade schmückt die triebhaften sexuellen Handlungen mit grausamsten Obszönitäten und Gotteslästerung aus und kommentiert diese mit antimoralischen und philosophischen Überlegungen über die Niederträchtigkeit des Menschengeschlechts.

Geschrieben hat er den Roman während seiner Gefangenschaft in der Bastille 1785, wo nach der Erstürmung eine miniaturhafte Abschrift des verlorengeglaubten Manuskripts auf einer zwölf Meter lagen Papierrolle gefunden wurde. Tatsächlich wiederentdeckt hat wurde dieses wohl bekannteste pornographische Werk der Weltliteratur aber erst 1904 von dem Sexualwissenschaftler Iwan Bloch. Auch wenn 1969 mit »Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade« eine ebenso anzügliches wie legendäres De-Sade-Biopic – u. a. mit Senta Berger und Lilly Palmer in den Hauptrollen – in den Kinos lief, ist de Sades Werk erst mit Pier Paolo Pasolinis Verfilmung von Die 120 Tage von Sodom sechs Jahre später als eines der umstrittensten Filmwerke in den Kosmos der Filmkulturgeschichte eingegangen.

Nun kann man aber von all dem auch wieder abrücken und am Original prüfen, was de Sade geschrieben und was er gemeint hat. Volker Reinhardt, Ursula Pia Jauch und George Bataille bieten ausreichend Grundlagen zur eigenen Deutung.

Reinhardt_De-SadeVolker Reinhardt: De Sade: oder Die Vermessung des Bösen. Eine Biographie

C.H.Beck Verlag 2014

464 Seiten mit 60 Abbildungen, 1 Karte. 24,95 Euro.

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Jauch_Rezeption-De-SadeUrsula Pia Jauch (Hrsg.): Sade – Stationen einer Rezeption

Suhrkamp Verlag 2014

ca. 400 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. 18,- Euro

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Bataille_De-SadeGeorges Bataille: Sade und die Moral

Aus dem Französischen von Bernd Mattheus. Herausgegeben von Rita Bischof

Verlag Matthes & Seitz Berlin 2014.

ca. 110 Seiten. 12,80 Euro

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De-Sade_Sodom-2Donatien Alphonse-François Marquis de Sade: Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage

Aus dem Französischen von n.n.

Verlag Matthes & Seitz Berlin 2014

ca. 350 Seiten. 22,90 Euro

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