DIE lateinamerikanische Revolution in Bildern

René Burri (Swiss, born 1933) | Foto: René Burri / Magnum Photos

Was wissen wir noch von der Kubanischen Revolution? Und wie viele Bilder sind im kollektiven Weltgedächtnis hängen geblieben? Es sind erschreckend wenige. Der Bildband »CUBA IN REVOLUTION« macht diesem Unwissen nun ein Ende.

Wenige Ikonen sind geblieben von der kubanischen Revolution. Das Porträt des in die Ferne blickenden Ernesto »Che« Guevara als Guerrillero Heroico, aufgenommen von Alberto Korda, ist als einziges zu einem globalen Topseller geworden. Sticker, T-Shirts, Mützen sind mit dem Konterfei des Guerilleros bedruckt. Die Aufnahme des bis zum Tode kämpfenden Antikapitalisten ist als Ikone des Antikapitalismus inzwischen teil der neoliberal angetriebenen kapitalistische Geldmaschine geworden. Das weniger bekannte Gegenbild sind die nicht minder propagandistisch erscheinenden Aufnahme von Freddy Alborta Trigo und Brian Moser, die den erschossenen Che Guevara zeigen. Auch sie haben ihren festen Platz im kollektiven Weltarchiv der Fotografie, nur viel weiter hinten im Regal.

Irgendwo zwischen dem ersten und den hinteren Ablageregalen in den Kammern des kollektiven Gedächtnisses lagern noch einige dramatische Szenen aus den frühen Kämpfen der kubanischen Revolutionäre sowie eine Handvoll Aufnahmen des jungen Máximo Líder Fidel Castro und dessen militärischer Entourage. Hier hat bis heute vor allem die Aufnahme des in legerer Pose Zigarre rauchenden Fidel Castro von René Burri Kultstatus.

Raúl Corrales (Cuban, 1925-2006) | Foto: The Corrales Estate, Havana

Raúl Corrales (Cuban, 1925-2006) | Foto: The Corrales Estate, Havana

Insgesamt ist das romantische Bild einer erfolgreichen Revolution von unten bis heute auf wundersame Weise erhalten geblieben, vielleicht auch, weil sie eine Vorbildwirkung für die Emanzipationsbewegungen in Lateinamerika und den Weg aus den faschistischen Diktaturen hatte.

Der fulminante Bildband CUBA IN REVOLUTION sorgt nun für etwas Verwirrung in den festgefahren Bildarchiven unserer Köpfe, denn auf sage und schreibe mehr als 500 Seiten präsentiert er über 400 Fotografien aus vier Jahrzehnten Umsturz und Chaos, Hoffnung und Enttäuschung, Signalwirkung und Schockstarre.

Darunter sind natürlich die weltbekannten Inszenierungen von Castro und Guevara durch René Burri oder Alberto Korda, aber auch unendlich viele, teils bislang unbekannte Schnappschüsse des unbeschwerten Daseins der Anführer der Revolution. Fidel Castro auf dem Pferdeschlitten im verschneiten Moskau, begeistert beim Baseball oder im angeregten Gespräch mit Ernest Hemmingway. Che Guevara sehen wir mit freiem Oberkörper beim selbstlosen Arbeitseinsatz.

Alberto Korda (Cuban, 1928-2001) | Foto: The Korda Estate, Havanna

Alberto Korda (Cuban, 1928-2001) | Foto: The Korda Estate, Havanna

Eingestreut in diese politisch-ideologischen Aufnahmen sind Fotoreportagen, die die persönlichen Lebensumstände der Kubaner und die politischen Gesellschaftszustände der Zeit abbilden. Etwa die Aufnahmen von José Tabío Palma, die die Armut und Entbehrungen in den 1950er Jahren auf dem Land und in Havanna zeigen. Wie ein Kontrast wirken da die Fotografien der High Society und ihrer Spielerein in Havannas Hotel Nacional von Constantino Aras Miranda, der sich mit seiner Kamera, um sich von diesen Zumutungen zu erholen, danach ebenfalls in die Armenviertel Havannas begeben hat. Und nicht vergessen wird die libertäre Gegenkultur der 1960er Jahre, die die antikommunistische kubanische Wirklichkeit zwischen Kunst, Liebe und Exil abzubilden suchte.

Der Band enthält Aufnahmen von bekannten Fotografen wie Henri Cartier Bresson, Osvaldo Salas oder Lee Lockwood sowie den MAGNUM-Fotografen Burt Glinn und Andrew St. George. Und doch kam keiner so nah an Raúl und Fidel Castro sowie Che Guevara heran, wie Alberto Korda und René Burri, deren Fotografien allein schon einen reichhaltigen Bildband ergeben könnten.

Dieser Bildband ist in seiner ehrgeizigen Zusammenstellung epochal im wahrsten Sinne des Wortes, denn er bildet eine Ära ab mit all ihren Aus- und Einschlägen, den Höhen und Tiefen, dem Menschlichen und dem Politischen. CUBA IN REVOLUTION ist ein tolles Stück Fotografie-Geschichte.

00003533Arpad A. Busson Foundation (Hrsg.): Cuba in Revolution.

Mit Texten von Richard Gott, Peter Kornbluh, Mark Sanders

Hatje Cantz Verlag 2013

512 Seiten, 433 Abbildungen. 49,80 Euro

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