Käpt’n Bafoonious gegen Prinzessin Schummifix

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Der junge Verlag rotopolpress verlegt Comics, die eines gemeinsam haben: eine revolutionäre Bildsprache. Kürzlich sind drei Werke aus dem Haus mit dem ICOM Independent Comic Preis ausgezeichnet worden, die zwischen Space-Opera, Spinnerei und Mythologie wandeln. »Lescheks Flug« von Sebastian Stamm wurde aufgrund seines Mutes zum Unkonventionellen zum Besten Independent Comic erklärt.

Leschek ist ein verspielter Träumer, der alles andere im Kopf hat als die Revolution. Und dennoch entwickelt sich der ramponierte Roboter mit menschlichen Zügen in Sebastian Stamms Space-Opera Lescheks Flug zu einem Widerständler mit krimineller Energie. Das rostrote Dickerchen mit der Seriennummer 4812 ist einer der bemitleidenswerten Bewohner des heruntergekommenen Industrieasteroiden Neulin, auf dem sich Leschek, in der Spielzeugfabrik H♥rima arbeitend, in eine Traumwelt aus Actionfiguren und Heldengeschichten zurückgezogen hat. Seine Helden heißen Boiler Plate, B-Bus und Smukle 10F2, in der Vergangenheit hat er sie zusammensetzten dürfen. Mit Käpt’n Bafoonious, der Hauptfigur aus seiner Lieblingsserie »Die Rache der Löcher«, dem er über 400 Funktionen und 30 markige Sprüche hat angedeihen lassen, ist ihm seiner Meinung nach der große Coup gelungen. Doch seine mechanische Vorgesetzte, die ihn ohnehin auf dem Kieker hat, will davon nichts wissen. Statt Superhelden zu basteln, soll er dem H♥rima-Verkaufshit namens Princess Schummifix eine Gefährtin namens Sindy an die Seite stellen, deren Haupteigenschaft darin besteht, zu quengeln, sie sei müde.

Auch wenn diese heulende Spielfigur die Tristesse auf Neulin nicht annähernd verkörpern kann, steht sie doch symbolisch für dieses graubraune Nirgendwo, in dem die Schuhläden schon im Namen zum Verlassen des Planeten animieren (»Leav’o Shoes«), die Menschen von etwas Vergnügen in »Neu Vegas« träumen und die Bewohner mit Würfeln zahlen, damit dann andere mit ihrem Schicksal würfeln. Denn selbst in die Hand nehmen kann man die eigenen Geschicke kaum, dazu ist die skurrile Gesellschaft auf dem Fabrikasteroiden zu autokratisch strukturiert. Nicht einmal durch Wissensaneignung könnte man in Neulins Gesellschaft aufsteigen, denn Wissen inhaliert man hier in Pillen und Kapseln. Es ist damit so gut wie nichts wert.

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Sebastian Stamm hat mit Neulin die Blaupause einer neoliberalen, hochtechnisierten und menschenfeindlichen Wirklichkeit geschaffen, in der ohnehin nur etwas von Wert ist, wenn es auch von produktivem Nutzen ist. Ausfälle werden hier nicht geduldet, weshalb Leschek zum Aufständischen in dieser Gesellschaft wird. Ein Zufall verschafft ihm Zugang zu einem Oldtimer-Transportraumschiff. Doch es gibt zwei Probleme: Zum einen kann er es nicht fliegen und zum anderen ist der Tank leer. Doch Lescheks Ehrgeiz ist kaum noch zu bremsen, auch weil seit seiner Strafversetzung in die Abwasserabteilung der Rost an seinen Gliedern knabbert. Den letzten Rest Skepsis fegt Käpt’n Bafoonious weg.

Sebastian Stamm, dem oberfränkischen Mitbegründer des überaus erfolgreichen Indie-Game-Studios Black Pants,ist mit seinem ersten Comic ein grafisch und erzählerisch außerordentlicher Comic gelungen, in dem Text- und Bildelemente jeweils ineinander überfließen und eine neue Dimension der grafischen Erzählung zugänglich machen. Seine farbenprächtigen, kontrastierenden Zeichnungen sind spektakulär, wandeln in Farb- und Formgebung zwischen naiver Verspieltheit und radikaler Konsequenz. Lescheks Flug lebt von Stamms grenzüberschreitender Kreativität und seinem Mut zum Unkonventionellen. Zu Recht ist dieses Werk zum Besten Independent Comic gewählt.

Homepage des Künstlers

Lescheks Flug_CoverSebastian Stamm: Lescheks Flug

Rotopolpress 2014

112 Seiten. 19,- Euro

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