Das Leben als Ausnahmezustand

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Unangepasst und asozial – dies ist das Bild, das jeder Passant von Martin haben muss. Auch sein Jugendfreund Thomas, der ihm nach Jahren der Trennung wiederbegegnet, macht da keine Ausnahme. Bis er in ihm seine eigene Sehnsucht nach Freiheit entdeckt.

In Martin tobt die blanke Wut. Sie ist der sichtbare Beleg seines abgrundtiefen Hasses auf das Establishment und zugleich ein kindlicher Schrei nach Aufmerksamkeit und Liebe. Der Furor überfällt den gestandenen Punk seit seiner Kindheit. Von einer Sekunde auf die andere brüllt, tritt, und schlägt er um sich, hackt alles kurz und klein, was in sein Wirkungsfeld kommt.

Ganz anders verhält sich Thomas, der in manischer Selbstkontrolle alles in sich hineinfrisst und verstummt. Als ihm sein Scheitern als Familienvater bewusst wird, verkriecht er sich auf dem Dachboden seines mit einer Hypothek belasteten Einfamilienhauses. Dort stößt er auf eine Kiste mit Sachen aus seiner Jugend und erinnert sich, dass er vor nicht allzu langer Zeit die große Freiheit gesucht hat. Angekommen in der beklemmenden Enge des Bürgertums will er seinem Dasein entfliehen.

Auf seiner Flucht begegnet er nach Jahren zufällig seinem Jugendfreund Martin. Der anfängliche Widerstand diesem heruntergekommenen Asozialen gegenüber weicht der Erinnerung an die gemeinsame Sehnsucht nach dem Genießen des Moments. »No Future« lautete der gemeinsame Schlachtruf, in dem sich das gewachsene Begehren nach und Aufbegehren gegen die Gegenwart der beiden Heranwachsenden äußerte. Doch im Laufe der Jahre haben sich die Lebenswege der beiden Freunde auseinanderentwickelt. Während Martin mit Alkohol, Drogen und Gewalt konsequent den Weg in den düsteren Untergrund nahm, führte Thomas’ Weg in eine blasse bürgerliche Existenz.

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Nun stehen sie sich, beide an die Ränder ihres Daseins katapultiert, plötzlich wieder gegenüber. Ein Blick reicht, um die alten Erinnerungen ins Bewusstsein zu rufen und um sich auf die vertraute Ebene der gemeinsamen Ideale zu begeben. Von diesen erzählen der Belgier Nicolas Wouters und der Berliner Zeichner Mikael Ross in ihrem bereits im vergangenen Jahr in Frankreich erschienenen Comic Lauter Leben. Der Titel ist ein Spiel mit der Wortbedeutung von lauter. Dahinter verbirgt sich sowohl die Frage, wie viel Freiheit lebbar ist, als auch die Suche nach dem aufrichtigen Dasein. Darüber hinaus spielt das lauter als Komparativ auf die Lautstärke der Szene an, in der sich Martin bewegt.

Die Erzählung ist eine für die meisten sicher unbekannte Reise in den unbekannten Raum des Undergrounds, pendelt hin und her zwischen Erinnerung und Gegenwart, Revolution und Bürgertum, Punkrock und Klavier, Brüssel und Berlin. Verhandelt wird dabei die außergewöhnliche Freundschaft und tiefe Verbundenheit der beiden Protagonisten Martin und Thomas, zwischen denen die Gegenwart steht. Die Frage, welche Kompromisse man bereit ist zu machen für eine gewachsene Freundschaft, in der jede Schwäche offenliegt und keine Geheimnisse existieren, stellt sich vor allem Thomas immer wieder.

Die Geschichte ist zeichnerisch spektakulär umgesetzt. Passend zum Inhalt bedient sich auch der Zeichenstil im Portfolio der alternativen Comicszene. In den immer wieder wilden, gebrochenen und krakeligen Zeichnungen steckt die alle Dämme brechende Wut Martins. Die Farbgebung wechselt zwischen einem matten Grau-Blau und grellem Rot, je nachdem, ob die Düsternis der Szenerie oder der alerte Zustand der Protagonisten abgebildet wird. Lauter Leben erzählt von der Sehnsucht zum Lebendigen und dem grenzenlosen Wahn, in den diese Sehnsucht kippen kann. Der Comic ist ein gezeichneter Exzess und setzt als solcher die Handlung in grandioser Manier um, so dass dieser Comic dem Titel alle Ehre macht.

Lauter Leben CoverNicolas Wouters & Mikael Ross: Lauter Leben

Aus dem Französischen von Annika Wisniewski

avant-verlag 2014

104 Seiten. 19,95 Euro

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