Das macht man nicht!

Titelbild-Appiah

Dies führt uns zurück zu unserem »Spitzenpersonal«, das sich meist für sein Fehlverhalten entschuldigt, sich aber zugleich zu Unrecht von den Medien ungerecht behandelt sieht. Aber den »Anspruch auf Respekt«, das nämlich versteht Appiah unter Ehre, verspielt es regelmäßig selbst. Nicht weil es Fehler macht, sondern weil es diese meist nicht eingesteht. Für die Fehlinformationen, in denen Bölls Katharina Blum ihre Ehre verletzt sieht, sorgen die Betreffenden gewöhnlich selbst, indem sie nur auf Druck und scheibchenweise Fehlverhalten einräumen – was zugleich nicht das Bis-ins-letzte-Lebensdetail-Gehen so mancher Redaktion rechtfertigt. Dass es dennoch immer wieder dazu kommt, ist nicht selten Ergebnis der öffentlichen Selbstinszenierung der betreffenden Personen.

Dass sie sich im Umgang mit ihren Verfehlungen im Vergleich zum Normalbürger ungerecht behandelt gefühlt haben, lässt erkennen, dass sie ein Grundprinzip nicht verstanden haben: »Die soziale Identität bestimmt nicht nur, welchem Ehrenkodex man zu entsprechen hat, sondern auch, mit wem man um Ehre konkurriert. Die Ehre ist eine Belohnung für jene, die innerhalb ihrer sozialen Gruppe besondere Wertschätzung verdienen. Sie belohnt jene, die mehr tun, als sie müssen, und wirkt daher als Anreiz, über das hinauszugehen, was die Pflicht verlangt.« Und weil das fehlerbehaftete »Spitzenpersonal« meist nicht einmal das getan hat, was es hätte tun müssen, ist ein Anschein entstanden, der zu ihrem Ehrverlust geführt hat.

Das Grundgesetz sieht vor, das die Würde des Menschen – und damit ein Recht auf Achtung des Einzelnen aufgrund seines Menschseins – unantastbar ist. Jeder genießt ein Mindestmaß an Ehre. Darüber hinaus aber verschieben sich die moralischen Maßstäbe: Die Messlatte der Ehre liegt höher, je weiter oben man sich in der gesellschaftlichen Hierarchie bewegt. Oder anders gesagt: Wer hoch steigt, kann tief fallen.

Nicht alles, was juristisch korrekt ist, ist moralisch geboten – erst Recht nicht bei der selbst ernannten Elite. Im Feld der Moral ist sie als primus inter pares zu behandeln. »Der Wille, das Richtige zu tun, ist nicht dasselbe wie die Sorge darum, des Respekts würdig zu sein. Durch das Streben nach Respekt verbindet sich das gute Leben mit unserer Stellung innerhalb der sozialen Welt. Die Ehre trägt die Integrität in die öffentliche Sphäre.« Und an dieser Integrität fehlt es meist. Auch wenn sich so mancher Verfehlte am Ende im Recht fühlt, ist doch eines entscheidend: »Wenn von Ehre die Rede ist, kommt es gelegentlich ebenso auf die Selbstachtung der nach Ehre Strebenden wie auf den Respekt Anderer an.«

Der Ehrverlust der Böll’schen Heldin erfolgte ohne eigenes Verschulden und Zutun, der tiefe Fall so mancher »Spitzenkraft« selbstverantwortlich und wider besseres Wissen. Die Blum war für ihre Ehre zu kämpfen bereit, die zu Guttenbergs, Wulffs und Haderthauers wollten sich ihrer nur bedienen, als sie sie bereits zugrunde gerichtet hatten.

Cover AppiahKwame Anthony Appiah: Eine Frage der Ehre oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt.

Aus dem Englischen von

C.H.Beck 2011

270 Seiten. 24,95 Euro

Hier bestellen