»Beim Zeichnen muss etwas Imaginäres entstehen«

David-B.-Porträt

An Ihren Arbeiten begeistert mich am meisten die sprühende Kreativität der grafischen Lösungen. Woher nehmen Sie Ihre Inspiration.

Das hat zunächst wenig mit Inspiration zu tun, sondern ist genau das, was mich interessiert. Wenn ich mir ein Thema suche, will ich es nicht realistisch repräsentieren, sondern eine visuelle Sprache finden, die dazu passt.

Wie gehen Sie bei dieser Suche nach »der richtigen Sprache« vor?

Für mich ist das Comiczeichnen wie das Schreiben eines Buches, nur dass ich neben Worten eben auch Striche beziehungsweise Zeichnungen verwende. Diese Zeichnungen gehören zu dem Vokabular, das mir zur Verfügung steht, sie sind Teil meiner Sprache, meiner Schrift. Wörter und Zeichnungen werden dann ins passende Verhältnis gebracht, so dass das Bild entweder den Text vervollständigt oder ihm widerspricht und so weiter. Dabei entsteht eine ganz eigene grafische Langage, deren wichtigste Elemente sich innerhalb des Albums wiederholen. In »Die besten Feinde« tauchen die Kernelemente in Variationen auf, um deutlich zu machen, dass sich auch die politischen Umstände geändert haben. Ein anderes Beispiel ist die Darstellung der verschiedenen Fraktionen im Libanon. Hier habe ich die einzelnen Gruppen nach einem bestimmten Prinzip auf eine Seite gezeichnet: in diesem Rechteck ist jede Gruppe genau dort verortet, wo sie ihr Machtzentrum besitzt. Man versteht so unmittelbar, dass dies die Situation im Land illustrieren soll, auch wenn die Geografie des Libanon nicht rechteckig ist. Die grafischen Lösungen müssen einfach zu dem passen, was sie illustrieren sollen.

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Ist das auch der Grund, warum die Zeichnungen in »Auf dunklen Wegen« an Künstler wie Otto Dix und George Grosz erinnern?

Ja, weil sie für die Epoche stehen, in der die Geschichte angesiedelt ist. Ich versuche in meinen Arbeiten natürlich immer wieder, die Kunst der Epoche in den Zeichnungen zu verankern.

Eines Ihrer favorisierten Mittel ist auch das direkte Umsetzen von Sprache in Grafik. Das erinnert an Art Spiegelmans »Maus«.

Ich mag Wort-Bild-Spiele, also das Übersetzen von literarischen Metaphern in grafische Illusionen. Es geht mir um etwas Imaginäres, das beim Zeichnen entstehen muss.

Die Zusammenhänge zwischen Panels und Seiten sind im Imaginären verankert?

Es geht darum, eine Kontinuität zu finden, in der der Leser immer wieder auch einzelne Dinge wiederfindet. Ich verwende die Bilder wie Wörter, lade sie mit Bedeutung auf, so dass der Leser beim Erkennen der Bilder auch sofort deren Bedeutung assoziiert. Im Text kann ich die Situation dann präzisieren und konkretisieren.

Würden Sie mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass die aktive Verwendung der einzelnen Bestandteile des Comics eines der stilistischen Merkmale des Zeichners David B. ist?

Für mich macht das den Comic aus. So wie die Zeichnung Teil des Textes ist, ist der Text Teil der Zeichnung. Und alle anderen Elemente sind natürlich auch Teil der Zeichnung, deshalb kann man sie gestalten und einsetzen. Dass der Text zur Zeichnung gehört, ist ja auch das Resultat eines Prozesses. In den ersten Comics stand der Text noch unter dem Bild, um Text und Bild strikt zu trennen. Ich möchte die Dinge aber eher integrieren. Die einzelnen Elemente dabei als Mittel der Gestaltung zu begreifen, ist für mich dabei der naheliegendste Weg.

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Nicht nur in »Die besten Feinde«, sondern auch in »Die Heilige Krankheit« oder »Auf dunklen Wegen« drehen sich bei Ihnen immer wieder die Dinge im Kreis oder sind kreisförmig angeordnet. Sind Sie ein Fan von zirkulären grafischen Lösungen.

In gewissen Sinn steckt da natürlich auch die Wiederholung der Ereignisse drin, über die wir bereits sprachen. Alles beginnt bei Gilgamesch und Enkidu und wir landen wieder in einer Situation, wie bei Gilgamesch und Enkidu. Der Kreis ist aber auch das Symbol für das Gesicht. Ich arbeite viel mit Gesichtern, aber auch da gibt es verschiedene Möglichkeiten. So habe ich in »Babel« in der Sequenz über den Biafra-Krieg Gesichter mit dem Text gezeichnet, sie bestehen also aus Text. Das sind Möglichkeiten, die nur der Comic bietet. Kreisförmig ist aber auch die Komposition der Seite, da kann man eine Menge machen. Ich zeichne Panel- oder Seitenränder oft als Reliefs oder Friese oder ordne Panels auf der Seite als Spiralen an. Das sind Sachen, die machen mir Spaß, auch weil ich dadurch in die Seite eindringen und mit ihr arbeiten kann.

Würden Sie Ihre Arbeiten als intuitiv bezeichnen?

Meine Arbeit ist schon oft sehr intuitiv. Wenn ich zeichne, dann finde ich die Lösungen oftmals auf dem Weg. Dann entsteht etwas, ich leg es zur Seite, schaue es mir ein, zwei Tage später noch einmal an und sehe dann, ob das, was ich mir gedacht habe, funktioniert oder nicht. Ich bin quasi mein erster Lektor. Meistens funktionieren die Zeichnungen, die mir aus dem Handgelenk kommen, am besten. Die lange durchdachten Zeichnungen sind meistens weniger geeignet. Ich kann daher nicht behaupten, dass ich die Dinge vorher intensiv durchdenke, die ich mache. So nach dem Motto, jetzt brauche ich dies und jenes; nein, so funktioniert das nicht. Ich bereite die Dinge natürlich vor, lese historische Quellen und beschäftige mich mit dem Thema. Das habe ich alles im Kopf, wenn ich mich ans Zeichnen mache. Dann lasse ich das wirken und meinem grafischen Gefühl freien Lauf. Bei »Die besten Feinde« kommt das besonders deutlich zum Vorschein, weil die Geschichte so komplex und voll ist, dass man gar nicht alles erzählen kann und deshalb in der Grafik sehr schnell zum Kern des Ganzen vordringen muss. Deshalb gibt es darin relativ viele Bilder und Zeichnungen, die auf den ersten Blick aufrütteln und erschüttern, weil sie viel erzählen müssen.

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Ich finde in Ihren Zeichnungen viel Surrealismus und Naive Kunst. Wenn Sie auf die Kunsthistorie schauen, welche Phase inspiriert Sie am meisten? 

Natürlich sind das Sachen, die mich interessieren. Als Kind war ich mit meinen Eltern bei einer der ersten großen Retrospektiven der surrealistischen Kunst in Paris. Da waren alle großen Surrealisten versammelt und ich kann mich daran erinnern, wie ich da stand und vollkommen überwältigt war. Schon damals habe ich gedacht, »Ach so, das kann man alles machen? Das ist ja verrückt.« In den Kunstbüchern meiner Eltern habe ich aber auch die ethnische Kunst entdeckt, die mich bis heute fasziniert. Das ist eine oft sehr unmittelbare, einfache Kunst, die man sofort versteht. Dann interessieren mich auch die antike Kunst aus Mesopotamien und Syrien sowie die Miniaturen aus dem Mittelalter. Prägend ist natürlich auch die Kunst der Renaissance und der dort verankerte Gedanke, dass alles Abgebildete eine Bedeutung hat. Das wird mit der Größe, Belichtung oder Position verschlüsselt dargestellt. Auch das versteht man sofort.

Ich erkenne in Ihren Geschichten immer auch eine dunkle, finstere Seite. Fühlen Sie sich von der Dunkelheit angezogen?

Ich glaube, ich hatte eine recht komplizierte Kindheit. Es war keine düstere Kindheit, aber der dunkle Abgrund war mit der Krankheit meines Bruders [verarbeitet in »Die Heilige Krankheit«, A.d.A.] immer auch anwesend. Er hatte drei epileptische Anfälle am Tag und jedes Mal war es so, als würde er sterben müssen. Die Tatsache, täglich mit dieser Art des Todeskampfes umzugehen, hat nicht unbedingt den Optimismus in mir befördert. Damit wuchs ich auf. Wir alle wussten, er wird einen Anfall am Morgen, einen um die Mittagszeit und einen am Abend haben, das hat unseren Tagen den Rhythmus vorgegeben. Die Ärzte fanden damals nicht heraus, woher diese Epilepsie kam. Das hat auch an meinem Glauben an die Menschheit gekratzt. Zumal die meisten Schwierigkeiten entstanden, weil die Gesellschaft damit nicht umgehen konnte. Wenn man so will, hat all das dazu geführt, dass mein Vertrauen in das Gute im Menschen und die Gesellschaft allgemein stark eingeschränkt ist.

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Ein mangelndes Vertrauen in die Gesellschaft aufgrund der Erkrankung Ihres Bruders? Können Sie das etwas ausführen?

Die Ärzte waren im Umgang mit der Krankheit meines Bruders sehr arrogant, obwohl sie nicht wussten, was sie machen sollten. Sie hatten uns eine unnötige Operation vorgeschlagen, die meine Eltern ablehnten, was wiederum dazu führte, dass die Ärzte ihnen die Schuld am Zustand meines Bruders gaben. Später haben andere Ärzte gesagt, dass meine Eltern richtig gehandelt haben, aber gut… Mich haben diese Erlebnisse stark geprägt, es ist eine ordentliche Portion Pessimismus hängengeblieben.

In »Auf dunklen Wegen« zeichnen Sie das absurde Porträt einer nicht funktionierenden Gesellschaft unter der Regierung des italienischen Schriftstellers Gabriele D’Annunzio im dalmatinischen Fiume. Da ist etwa der Zeitungsverkäufer, der nur alte Ausgaben verkauft, weil darin kein Krieg vorkommt. Was bedeutet Ihnen das Absurde?

Ich habe diese Geschichte über die Stadt Fiume genau deshalb gemacht, weil sie absurd ist – und das nicht nur aus unserer heutigen Sicht, sondern auch schon damals. Zugleich ist diese Geschichte auch nur in dieser Zwischenkriegsphase überhaupt denkbar, weil es nur zu diesem Zeitpunkt und in dieser Region ein solches politisches Vakuum gab. Nur so war es möglich, dass ein italienischer Poet in einem toten Winkel zwischen Italien und der alten österreich-ungarischen Monarchie sein Privatreich mit einer Regierung, bestehend aus einem Belgier, einem Italiener, einem nackten Poeten und einer Bande Halbkrimineller, aufbaut. Die Absurdität setzt sich fort, denn dieses Regime war im selben Moment faschistisch und kosmopolitisch. Der Nationalist D’Annunzio lud die Rebellen aus aller Welt ebenso in seinen Staat ein, wie die Sklaven aus aller Herren Länder, denn er war für die Revolution und gegen die Sklaverei. Mich hat diese Geschichte fasziniert, dieses Aufeinandertreffen von Ideen und Menschen aus aller Welt, bis Faschisten, Sozialisten und Anarchisten miteinander Politik machen. Irgendwie war es kein Wunder, dass diese poetisch-politische Enklave einzig von der dadaistischen Bewegung anerkannt wurde.

2 Gedanken zu “»Beim Zeichnen muss etwas Imaginäres entstehen«

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