Das Leben ausgekotzt

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Lisa Kränzler lässt die Leser ihres neuen Romans einmal mehr durch den zähen Sumpf der Adoleszenz waten. »Lichtfang« ist die Geschichte von einer, die auszog, dem Leben das Fürchten zu lehren.

»Wenn man das Leben würgt, wird es strampeln, nach Luft schnappen, sich bemerkbar machen«, heißt es in Lisa Kränzlers neuem Roman Lichtfang, in dem sie erneut bedrückend von dem (selbst-)quälerischen Dasein eines weiblichen Borderline-Charakters erzählt. Schon in ihren beiden Vorgängerromanen legte sie die Gedankenwelten ihrer gebrochenen Protagonistinnen schonungslos offen. In ihrem Debütroman Export A hatte sie ihre Leser in den Kopf der 16-jährigen deutschen Austauschschülerin Elisabeth (Lisa) Kerz blicken lassen, die ein Jahr bei einer evangelikalen Familie in Kanada lebte und dort die Rebellion gegen Vormundschaft und Religion auf die Spitze trieb. In ihrem zweiten Entwicklungsroman Nachhinein stellte sie die Innenansichten ihrer beiden klischierten Sozialtypen JasminCelineJustine und LottaLuiseLuzia gegenüber. Mit einem Auszug aus dem Roman gewann sie 2012 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Publikumspreis, im darauffolgenden Frühjahr wurde der viel gelobte Roman für den Literaturpreis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Mit Lichtfang hat Kränzler ihr Debüt mit einer neuen Hauptperson gewissermaßen fortgeschrieben. Der Roman, mit dem sie vom Verbrecher-Verlag zu Suhrkamp gewechselt ist, setzt in dem Sommer ein, in dem Lilith Zerl nach einem Austauschjahr aus Kanada zurück in die süddeutsche Heimat gekommen ist. Wie schon Lisa mit Hunger-, Alkohol- und Drogenexzessen in einer fatalen Neugierde der eigenen Existenz nachspürte, spielt nun Lilith mit ihrem Dasein. Sie traktiert ihre Arme mit Rasierklingen, zwingt ihren anorektischen Körper in ein Rollkragen-Korsett und überflutet ihre Seele mit Selbstmordgedanken. »Lilith will keine Zukunft. … Die Zeit soll anhalten, sofort, bevor noch mehr schiefläuft.« Der Grund dafür bleibt im Dunkeln. Vielleicht will sie einfach nicht so funktionieren, wie die sie umgebenden Menschen? Wir wissen es nicht genau. Setzt man beide Romane in einen Kontext, sind aber wohl eher die in Export A beschriebene Vergewaltigung und ihre Folgen verantwortlich für Liliths nonkonforme Lebensmüdigkeit.

Dass der sexuelle Missbrauch, der womöglich der Grund für Liliths Abwendung vom Leben ist, nicht an Lilith Zerl, sondern an Lisa Kerz verübt worden ist, muss hier nicht weiter stören. Zum einen hat Kränzler in Nachhinein schon bewiesen, dass Namen nicht viel mehr als das Echo von gesellschaftlichen Zuständen und damit in ihrer Konkretion irrelevant sind (wenngleich hier der Name Lilith durchaus eine erzählerische Bedeutung hat, aber dazu später mehr). Zum anderen ist der Weg von Lisa zu Lilith in diesen autobiografisch begründeten Fiktionen nicht allzu weit.

Lesend werden wir Zeuge, wie die überforderten Eltern, die unbedarfte Jugendliebe Rufus Kapp sowie der Drogenkurier Kurt Lenz das Katastrophenspalier hinab in die elterliche Einliegerwohnung bilden, in der die launenhafte „Lamentier-Lilith“ ihrer existenzialistischen Kunst der Selbstzerstörung nachgeht. Denn so wenig, wie Lilith eine Zukunft will, will sie Gegenwart. »Das Jetzt ist Schmerz, die Zukunft ein Loch«, tippt sie auf der vom Großvater geerbten Schreibmaschine.

»Das Problem ist, dass ich keine Gewissheiten mehr habe. Nur noch Zweifel«, gesteht sie ihrem hilflosen Freund Rufus, in dem sie den Heiligen Sebastian wiedererkennt. Doch auch wenn »sich der zerzauste, rotblonde Rufus und Botticellis braungelockter Heiliger wie ein Ei dem anderen« gleichen, so vermag der mit einer Sehschwäche geschlagene Jüngling seine Lilith (die eben keine Venus ist) nicht zu retten. Wenngleich er, der Lilith »stets wie eine Insel, ein trockenes, vollkommen autarkes Stück Land erschienen« ist, die einzige Figur in diesem Roman ist, die Heldenpotential besitzt. Allerdings ist es das eines tragischen Helden, der in seiner pflichtschuldigen Ergebenheit zum treuen Wegbereiter von Liliths Untergang werden wird.

Rettung kann es in diesem Roman nicht geben, denn Lilith will sich nicht retten lassen. »Sie will ersticken. Will kotzen, bis Schwärze über sie hereinbricht und es vorbei ist, endgültig vorbei; wünscht, sie könnte ihr Inneres nach außen stülpen und alles austreiben, was jemals in ihr war; sehnt sich nach dem totalen Exorzismus, der nichts übrig lässt als reinweißes Gebein.« Dafür lässt sie sich, ganz im Sinne der gleichnamigen ersten Frau Adams, mit dem Teufel namens Kokser-Kurt ein. Dass dessen Stoff genauso reinweiß ist, wie die Knochen, auf die sie sich herunterhungert, ist eine der vielen tragikomischen Winkelzüge, die Lisa Kränzler in ihren bilderreichen Roman eingebaut hat.

Der etwas kryptische Romantitel (man kennt das bereits) bezieht sich direkt auf das Sammeln von Faltern mithilfe einer Lichtquelle, die man in der Dämmerung auf einem weißen Leinentuch in Stellung bringt, um die Falter anzulocken. Entsprechend spielt ein rätselhafter Falter in dem Roman auch eine entscheidende Rolle. Von Nachhinein (zu lesen als Richtungsangabe nach hinein) aber wissen wir, dass Kränzlers Titel immer auch Sprachspiele sind. Insofern ist es durchaus denkbar, dass mit Lichtfang auch Lilith selbst gemeint sein könnte, die in ihrem Drang nach Selbstzerstörung alles Helle und Lebendige einfängt und absorbiert.

Lisa Kränzlers Romanen merkt man an, dass hier eine bildende Künstlerin schreibt. »ich bin ein Maler, der schreibt«, hat sie für das Videoporträt zum Bachmann-Wettbewerb mit einer Schreibmaschine auf ein weißes Blatt Papier getippt. Entsprechend visuell ist ihre Sprache, muss man erst sehen, um zu verstehen. Alle Psyche verschwindet im Augenscheinlichen und taucht erst durch die Veranschaulichung wieder auf. »Jetzt ist das Weinen da. Der Körper unterscheidet nicht zwischen verzweifelt und hilflos, wütend und zornig, bitter und bitterlich, produziert immer dieselbe Flüssigkeit, interessiert sich nicht für die Gründe.«

In Lilith hat sich Kränzler einmal mehr autobiografisch gespiegelt, viel zu offensichtlich treffen deren Vorlieben für das Malen (mit den Farben des verstorbenen »alten Paul«) und das Schreiben (auf der Schreibmaschine des verstorbenen Großvaters) auch auf Kränzlers Dasein als schreibende und bildende Künstlerin zu. Wie sehr sie dabei am Kaleidoskop der Fiktion gedreht hat, weiß nur sie selbst, Privates gibt sie nicht preis. Da sie aber behauptet, nur über Dinge schreiben zu können, die sie kennt, kann man aus ihren Romanen zumindest vorsichtig entnehmen, dass in Kränzlers Nahfeld Phänomene wie Magersucht und Missbrauch eine prägende Rolle gespielt haben müssen.

Das physische Abarbeiten des Psychischen, dass sich durch all ihre Romane zieht, hat ihr den Ruf als »Apologetin der Körperlichkeit« eingebracht, den sie auch in Lichtfang wieder bestätigt: »Ihr Leben bleibt ein Spielgerät, blutrot und sperrig, aufgestellt am falschen Ort. Ein beschränktes Ding, mit dem sie sich nicht amüsieren kann, da letztlich alles auf die immer gleichen Beuge- und Streckbewegungen hinausläuft und sie, egal wie hoch sie schaukelt, doch nie den Überschlag schafft.«

Kränzlers Konzept des radikalen Entwicklungsromans funktioniert in der Form hier ein letztes Mal und auch nur, weil alle sprachlichen Regler auf Anschlag gestellt sind. »Da gebärde ich mich aufs Theatralischste, überhöhe mein Dasein aufs Schwindelerregendste, leide, heule und klage ekstatisch, und wofür?«, fragt sich Lisa Kerz in Export A. Stellt man diese Frage an den Roman Lichtfang, findet man nur eine Antwort: um den Leser ein weiteres Mal wie eine gewaltige Welle zu überrollen. Das Thema der Selbstkasteiung einer weiblichen Hauptfigur in Jugendjahre funktioniert hier aber definitiv zum letzten Mal. Schonungsloser als in Lichtfang kann man das Leben um der Lebendigkeitsbeweise willen nicht würgen. Alles danach kann nur ohrenbetäubender Sprachlärm sein. Wenn Lisa Kränzler von der begabten Jungautorin den Sprung in den Olymp der gewichtigen deutschsprachigen Gegenwartsautoren gelingen soll, muss sie in ihrem vierten Roman ein neues Thema finden.

CoverLisa Kränzler: Lichtfang

Suhrkamp-Verlag 2014

175 Seiten. 16,95 Euro

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