Patrick Modiano erhält Literaturnobelpreis

Photo d'archives, fournie par Gallimard Quarto

Seine Werke tragen poetische Titel wie »Im Café der verlorenen Jugend«, »Aus tiefstem Vergessen« und »Vorraum der Kindheit«. Der bekannteste Vertreter des französischen magischen Realismus Patrick Modiano erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis.

Seine »Kunst der Erinnerung« habe die »unglaublichsten menschlichen Schicksale« in den Vordergrund gerückt und die »Lebenswirklichkeit der Besatzung« aufgedeckt, heißt es in der Begründung der schwedischen Akademie, die heute den diesjährigen Träger des Literaturnobelpreises bekannt gab.

Patrick Modiano, der im kommenden Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, gehört zu den bedeutendsten französischen Gegenwartsautoren, seine Literatur bleibt an der Oberfläche leise, hallt in der Tiefe aber lange nach. In der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs zählt seine Stimme zu einer der wichtigsten der französischen Literatur. Bereits Anfang der 1970er Jahren wurde ihm für seinen Roman Außenbezirke der Große Romanpreis der Académie Francaise verliehen, Ende der 1970er wurde sein Roman Die Gasse der dunklen Läden mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet. Sein Erstlingsroman Place de L’Étoile, den er bereits 1968 schrieb, der aber erst seit 2010 in deutscher Übersetzung vorliegt, erhielt 2010 den Preis der SWR Bestenliste. 2012 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet.

In seinem Werk setzt er sich mit Erinnerung und Vergessen, Schuld und Identität auseinander. Seine Heimatstadt Paris spielt in seinen Romanen immer wieder eine Rolle, er lehnt seine Geschichten an reale Begebenheiten, historische Fakten und autobiografische Ereignisse an. Das Thema der jüdischen Identität und Kultur sowie dessen Schicksal in Europas dunkelsten Jahren greift er dabei auf und verarbeitet es literarisch – mal emphatisch, mal sarkastisch, mal mit fassungsloser Wut. Die verlässliche Konstante in seiner Literatur ist das Zauberhafte, geradezu Magische, das in seiner feinen Sprache steckt.

Modiano wurde in Deutschland relativ spät entdeckt, die ersten Übersetzungen seiner Romane wurden unter anderem von Peter Handke angefertigt, der in diesem Jahr ebenfalls unter den Top Ten der gehandelten Anwärter für den Literaturnobelpreis war. Sie erschienen Ende der 1970er und in den 1980ern bei den Verlagen Ullstein und Suhrkamp.

Über den Autor selbst ist wenig bekannt, »dem Literatur- und Medienbetrieb verweigert er sich seit Jahren«, heißt es auf der Homepage des seine Werke herausgebenden Hanser-Verlags. Dieser war von der Auszeichnung, gelinde gesagt, überrascht. Am Stand des Verlags herrschte zwar große Freude, Modianos Bücher sind aber nicht mit im Messegepäck gewesen. Allerdings werde man die für das kommende Frühjahr geplante Auslieferung von Modianos neuem Roman Gräser der Nacht vorziehen. Der Roman soll noch in den nächsten Wochen herauskommen. Zuletzt erschienen bei Hanser die Romane Der Horizont, Im Café der verlorenen Jugend und mit 42-jähriger Verspätung der Erstling Place de L’Étoile. Einige Paperbacks liegen bei DTV vor, die beiden Romane Straferlass und Eine Jugend werden von Suhrkamp herausgegeben.

Patrick Modiano hatten kurz vor der Bekanntgabe des Nobelpreises für Literatur nur wenige im Blick. Favorisiert waren der Kenianer Ngũgĩ wa Thiong’o sowie der Japaner Haruki Murakami. Die beiden Daueranwärter auf den Preis lagen seit Wochen in den Wettbüros auf den vorderen Plätzen, gehen aber auch in diesem Jahr wieder leer aus. Auch Joyce Carol Oates hatten zwischenzeitlich viele die Auszeichnung zugetraut. Modiano selbst tauchte erst in den letzten Tagen auf der Liste der heißesten Kandidaten auf, stürmte aber gleich auf die vorderen Plätze. Am Morgen der Preisverleihung lag er noch gleichauf mit dem syrischen Dichter Adonis und dem albanischen Romancier Ismail Kadare auf den Rängen vier bis sechs bei den Quoten des einschlägigen Wettbüros Ladbrokes.

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