Favoritensterben oder aussichtsreiche Gefangenschaft

Doppelporträt

Wenn sich die Wirklichkeit nach Prognosen richten würde, hieße der diesjährige Literaturnobelpreisträger nicht Patrick Modiano, sondern Ngũgĩ wa Thiong’o oder Haruki Murakami. Ein Blick auf das Werk der beiden Ausnahmeautoren, die als Favoriten in aller Munde waren, über die jetzt auf der Messe aber kaum noch jemand redet.

In den letzten Wochen spielte sich bei den Wettquoten für den diesjährigen Literaturnobelpreis ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen zwei Autoren von Weltrang ab. Je nachdem, wann man sich die Quoten anschaute, sprachen sie mal für den kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o, dann wieder für den Japaner Haruki Murakami. Beide gehören seit Jahren zu den heißesten Anwärtern auf den Literaturnobelpreis und lagen noch am Morgen des 9. Oktober, an dem der Name des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers bekannt gegeben wurde, an der Spitze des Favoritenfeldes.

Entsprechend bauten sich kurz vor 13 Uhr Deutschlands einflussreichste Kritiker sowie zahlreiche Fotografen und Kamerateams beim Dumont Buchverlag, Murakamis deutschem Verlag, auf. Das Warten überbrückten die Bildjournalisten mit wiederholtem Fotografieren und Drehen der ausgestellten Titel des Japaners. Als in Stockholm der Sekretär des Nobelkomitees vor die Tür trat, um den Nobelpreisträger zu verkünden, wurde es kurzzeitig mucksmäuschenstill in Halle 4.1, in der sowohl Dumont als auch Ngũgĩ wa Thiong’os deutscher Verlag A1 ihre Stände haben. Den Jubel, der wenige Sekunden nach der Bekanntgabe Patrick Modiano beim Hanser-Verlag ausbrach, konnte man hier aber nicht hören, denn der wichtigste deutsche Verlag des französischen Romanciers ist mit seiner Repräsentanz in einer anderen Halle.

Das gespannte Warten auf den Nobelpreisträger ist ein festes Ritual am Donnerstag der Frankfurter Buchmesse und hat in dem Gefühl des Ausgeliefertseins etwas Surreales. Insofern ist die Auszeichnung Murakamis mit dem Literaturnobelpreis längst überfällig, denn das Empfinden, sich eines Umstands weder erwehren noch entziehen zu können, ihm lediglich passiv beizuwohnen, kennen Murakami-Leser. Seine Literatur ist durchzogen von einem Hang zum Doppelbödigen, sie ist in einem beängstigenden Ausmaß abgründig, zugleich wirkt sie in ihrer magischen Vielschichtigkeit überaus anziehend. Murakamis Romane, in denen Fahrstühle in verborgene Zwischenwelten führen, zurückgebliebene Auftragsmörder mit Katzen sprechen oder die Zeit auf den Kopf gestellt wird, tragen Titel wie Wilde Schafsjagd, Tanz mit dem Schafsmann oder Kafka am Strand.

Murakami-CoverInspiriert ist der Japaner von Meistern des Absurden und Abgründigen wie Franz Kafka und Fjodor Dostojewski, immer wieder sucht er nach Lücken in der Wirklichkeit. In ihnen lässt er die Handlungen seiner Werke wurzeln. Sie treiben daraus hervor, erst wie eine zarte Pflasterwegsblume, entwickeln dann aber ein kraftvolles Wurzelwerk, dass die Straße sprengt. Oder aber andere Großwerke, wie George Orwells Dystopie 1984, die Murakami mit seiner Romantrilogie 1Q84 kühn gegen den Strich gebürstet hat.

Sein Werk umfasst dreizehn Romane und zahlreiche Erzählungen, allein in den letzten zwei Jahren sind der Roman Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki sowie vor wenigen Tagen die Erzählungssammlung Von Männern, die keine Frauen haben erschienen.

Außerdem erschienen ist eine Neuübersetzung seines Romans Gefährliche Geliebte, der beim Literarischen Quartett des ZDF den Eklat auslöste, in dessen Folge Sigrid Löffler die Sendung verließ. Löffler hatte damals den Roman aufgrund seiner Vulgarität kritisiert und ihn als literarisches Fast-Food bezeichnet, wurde daraufhin aber von dem vom Roman begeisterten Marcel Reich-Ranicki mit dem Vorwurf angegriffen, sie würde erotische Literatur grundsätzlich verreißen (hier im Video).

Doch Löfflers Kritik stand auch in Verbindung mit den ersten Übersetzungen von Murakamis Romanen, die anfangs aus dem Englischen ins Deutsche übertragen wurden. Seit einigen Jahren werden sie direkt aus dem Japanischen übersetzt und ältere Titel wie Gefährliche Geliebte werden sukzessive neu übertragen. Im vergangenen Jahr ist der Roman unter dem Titel Südlich der Grenze, westlich der Sonne neu erschienen und erhielt lobende Kritiken, weil die vorhandenen vulgären Passagen der Erstübersetzung in der Direktübersetzung harmonischer wirkten.

Haruki Murakami arbeitet nicht nur als Autor, sondern auch als Übersetzer. Er hat seinen Landsleuten amerikanische Autoren wie Raymond Chandler, Truman Capote und Scott F. Fitzgerald nahegebracht. Traditionelle japanische Kritiker werfen seinem Werk daher einen zu starken amerikanischen Einfluss vor, andere loben hingegen den kühnen Stil des Japaners, weil er die besten aller literarischen Traditionen vereine.

3 Gedanken zu “Favoritensterben oder aussichtsreiche Gefangenschaft

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