Favoritensterben oder aussichtsreiche Gefangenschaft

Doppelporträt

Auch der kenianische Autor Ngũgĩ wa Thiong’o gehört seit Jahren zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Eine halbe Stunde vor der Verkündung des Preisträgers drängelten sich auch am Stand des A1 Verlags einige der wichtigsten Kulturjournalisten der Republik sowie Kamerateams und Fotografen, um gleich nach Verkündung des Literaturnobelpreisträgers ein Foto der glücklichen Herausgeber zu machen und ihnen das Mikrofon unter die Nase zu halten. Schließlich war der kenianische Autor Ngũgĩ wa Thiong’o als haushoher Favorit in das Rennen um den höchstdotierten und wichtigsten Literaturpreis weltweit gegangen, seine Auszeichnung eigentlich nur noch eine Formalie. Das war im Jahr 2010, den Literaturnobelpreis gewann schließlich der peruanische Schriftsteller und Journalist Mario Vargas Llosa.

Seit fünf Jahren geht das nun schon so, und jedes Jahr endet gleich. Die bereits geschriebenen Hymnen auf den Kenianer werden wieder in die Schubladen zurückgelegt und man wartet auf das nächste Jahr. Nach dem Motto: Irgendwann muss er ihn doch bekommen…

Zu sagen, Ngũgĩ wa Thiong’o ist ein Pechvogel, was Literaturpreise betrifft, ist nicht ganz korrekt. Richtig ist, dass er anno 2009 auch beim Man Booker International Price knapp unterlag, und zwar Alice Munro, die im vergangenen Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Seither gilt der Ostafrikaner immer wieder als heißer Anwärter auf den Literaturnobelpreis. Es wäre schon eine verrückte Geschichte gewesen, wenn er ein Jahr nach der kanadischen Königin der Erzählung nun selbst mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden wäre.

Nach fünf Jahren Daueralarm am Nobelpreistag waren wa Thiongo’s Herausgeber Albert Völkmann und Inge Holzheimer relativ ruhig, man könnte fast sagen abgeklärt. Sie kennen den Trubel, der da alljährlich kurz vor 13 Uhr vor ihrem Stand stattfindet. Und alljährlich zieht der Tross kurz nach 13 Uhr weiter, dahin, wo die Preisträger sitzen.

Der unabhängige A1 Verlag in der Münchener Hippmannstraße, der ein sehenswertes internationales Programm aufweisen kann, ist die deutsche Heimat des Kenianers. Seine letzten drei von fünf in deutscher Übersetzung vorliegenden Romane sind bei A1 erschienen, ein viertes Buch ist derzeit in Vorbereitung.

Ngũgĩ wa Thiong’o zählt aufgrund seines umfangreichen Roman- und Essaywerks zu den »bedeutendsten Schriftstellern Afrikas«, wie es beim Verlag heißt. Seit jeher ist er ein politischer Schriftsteller. Immer wieder bezog er Position gegen die Kolonialisierung und kritisiert deren dunkles Erbe in seinen Romanen. Die Familie des kenianischen Autors wurde während der kenianischen Bewegung gegen die englische Kolonialherrschaft in den 1950er Jahren gefangengenommen. Im Internat der englischsprachigen Alliance-High-School erhielt er nicht nur schulische Bildung, sondern auch Zuflucht und Schutz vor den grausamen Auseinandersetzungen zwischen kenianischen Antikolonialisten und britischen Imperialisten.

Bücher-ThiongoDie Schule wird sein Refugium, wie er im zweiten Band seiner Lebenserinnerungen Im Haus des Hüters schreibt, im dem er die Entwicklung seines politischen Bewusstseins nachzeichnet, »jenen Bereich, in dem sich das Persönliche mit dem Politischen verbindet«, wie es auf der Seite des Verlags »für Buchkultur und Leselust« heißt. Im ersten Teil seiner Erinnerungen Träume in Zeiten des Krieges blickt er zurück auf die Anfänge des Mau-Mau-Aufstands, vor deren Hintergrund er seine Kindheit in einfachen Verhältnissen ausbreitet.

Ngũgĩ wa Thiong’o studierte Literaturwissenschaften in Uganda und Großbritannien. Seit Mitte der 1960er Jahre veröffentlicht er Erzählungen, Romane und Theaterstücke in englischer Sprache, seit 1978 auch in seiner Muttersprache Kikuyu. 1977 wurde er wegen seinem kritischen Theaterstück nach dem Roman Der gekreuzigte König, in dem der die postkoloniale Politik des kenianischen Despoten Daniel arap Moi kritisierte, inhaftiert und erst ein Jahr später nach einer Kampagne von Amnesty International entlassen. In der Folgezeit wurde er immer wieder bedroht, so dass er 1982 ins britische Exil ging, seit 1989 lebt er in den USA.

Neben den 2012 und 2013 erschienenen biographischen Arbeiten liegen noch drei weitere Werke des Ostafrikaners in deutscher Übersetzung vor. Im Peter Hammer Verlag ist der im Krimi-Stil geschriebene Roman Verbrannte Blüten erschienen, in dem es um die Aufarbeitung der Ermordung von drei Industriellen geht. Der Unionsverlag gibt den Roman Der Fluss dazwischen heraus, in dem Ngũgĩ wa Thiong’o die religiösen Konflikte Afrikas verarbeitet hat, die den Kontinent noch heute prägen.

Der umfangreichste Roman von Ngũgĩ wa Thiong’o ist der satirische Pageturner Herr der Krähen. In dem fast tausendseitigen Opus magnum zeichnet er das Bild des afrikanischen Durchschnittsdespoten. Der Roman handelt von einem grotesken Bauprojekt in der freien Republik Aburiria und den Folgen für ein Land, das voller Probleme, aber ohne politische Vernunft ist. Es geht um Größenwahn und Duckmäusertum, um Irrationalität und Habgier, um Geltungssucht und Egomanie – um all das eben, was man auch heute noch bei den Gewaltherrschern dieser Welt finden kann. Dieses monumentale Werk ist eine Art Gegenstück zu dem 1988 bei Suhrkamp erschienenen Roman Der gekreuzigte König. Dies wird am besten deutlich, wenn man die Originaltitel der Bücher miteinander vergleicht Devil on the cross einerseits, Wizard of the crow andererseits. Im Juni erhielt der Kenianer die Ehrendoktorwürde der Universität Bayreuth, zwei Monate zuvor wurde er in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen.

Haruki Murakami und Ngũgĩ wa Thiong’o sind seit Jahren als aussichtsreichste Kandidaten im Lostopf des Nobelpreiskomitees gefangen. In diesem Jahr führten sie bis zuletzt die Wettquoten. Auch die Amerikaner Philip Roth, Thomas Pynchon oder Joan Didion, der Syrer Adonis, der Ungar Peter Nadas sowie der Tscheche Milan Kundera gehören seit Jahren zu den viel diskutierten Anwärtern. Sie alle werden sich gewiss im nächsten Jahr erneut unter den Hoffnungsvollen befinden. Wenn dann in Stockholm der Sekretär des Nobelkomitees den nächsten Preisträger verkündet, kann sich Patrick Modiano entspannt zurücklehnen.

3 Gedanken zu “Favoritensterben oder aussichtsreiche Gefangenschaft

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