Sinn ist eine Fiktion

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Nach seinem vielgelobten Debütroman »Das kalte Jahr« legt Roman Ehrlich mit »Urwaldgäste« ebenso verstörende wie betörende Erzählungen über die Widrigkeiten des Daseins vor. Ein Gespräch über die Arbeitsbedingungen der Moderne, den Menschen als Gestalter und den in die Irre führenden Anspruch eines sinnvollen Daseins.

Herr Ehrlich, wenn man die Geschichten in Ihrem Band »Urwaldgäste« liest, ist man dann selbst Gast in einem wie auch immer gearteten Urwald oder bekommt man Besuch von Ihren Urwaldgästen?

Vielleicht geht man mit den Urwaldgästen mit, das wäre eine weitere Variante, die mir ganz gut gefällt. Man begleitet die Besucher in den Urwald, in dem sie leben – wie man selbst übrigens auch.

Ihre Protagonisten setzen sich intensiv mit den Bedingungen der modernen Arbeitswelt auseinander. Ist der Kapitalismus ein Dschungel?

Der Kapitalismus hat natürlich seinen Einfluss auf die Arbeitswelt, in der meine Erzählungen spielen, sowie auf die Menschen, die versuchen, sich darin zu arrangieren. Der Kapitalismus ist sicher insofern ein Dschungel, als dass er – so wie die Verhältnisse in meinen Erzählungen – Gesetzen gehorcht, die nicht einfach zusammenzufassen sind. Er ist wie ein sich selbst aufrechterhaltendes System, auf das wir von außen schauen und sagen, dass das der Kapitalismus ist, der sich so und so verhält. Als hätte er eine eigene Seele, die das irgendwie aktiv beeinflussen könnte. Der Kapitalismus als quasi-natürliches System. So ähnelt er den Verhältnissen, mit denen die Personen in meinen Geschichten konfrontiert sind. Auch diese werden als naturwüchsige Systeme hingenommen, zu denen sich meine Figuren zu verhalten versuchen. Sie kennen aber die Regeln nicht, nach denen in diesen Systemen gespielt wird. Sie haben nur Momente der Einsicht, in denen sie feststellen, dass die Situation, in der sie sich befinden, nicht zu ihrer eigenen Lebenserzählung passt.

Es gibt aber auch Figuren, die zumindest versuchen auszubrechen. Da ist der Mann, der ein offizielles Gesuch stellt, um noch einmal sein berufliches Betätigungsfeld zu wechseln. Ihm wird das aber mit absurden Grundsatzerklärungen verweigert. Diese Geschichte wühlt auf, weil alle Figuren in dieser Erzählung absolut unzufrieden sind mit ihrer beruflichen Situation, es aber keinen Ausweg gibt. Wenn man das auf die moderne Arbeitswelt überträgt, welche Rolle spielt dann darin der Mensch?

Ihre Frage macht die Arbeitswelt selbst wieder zu einer vermeintlich eigenständigen Sache, die sie doch gar nicht ist. Der Mensch schafft diese Welt. Die uns umgebende Arbeitswelt ist durch den Menschen, mit den Menschen, für den Menschen und gegen den Menschen geschaffen. Der Mensch selbst ist im Grunde sein eigener ewiger Freund-Feind-Förderer-Verhinderer. Was wir bräuchten, sind nicht nur Menschen, die ihre Arbeit ernst nehmen und gut, präzise und genau machen, sondern es braucht auch Menschen, die gewisse Arbeiten – vielleicht auch unter bestimmten Konditionen – eben nicht machen. Ich habe das selbst erlebt, weil ich viel in Arbeitsverhältnissen gelebt habe, die nicht sehr leicht erträglich waren. Und dennoch gab es immer Menschen, die diese Arbeiten gemacht haben, wie beschissen die Verhältnisse auch waren.

In einer Erzählung am Ende des Buches sagt einer Ihrer Protagonisten: »Mein Leben ist ein Roman, wenn man das alles aufschreiben würde, … Das sollte man mal aufschreiben, was ich alles erlebe.« Wie autobiographisch ist Ihr Schreiben?

Zumindest das, worüber ich gerade gesprochen habe, kenne ich aus eigener Erfahrung. Ich habe mal für ein Unternehmen gearbeitet, das morgens Kinosäle reinigt. Da hieß es am Probetag, dass wir einen festen Betrag erhalten würden und der Stundensatz an Tagen, wo wir viel arbeiten, dann etwas geringer wäre, an Tagen, wo es nicht so viel zu tun gebe, aber höher sei. Während ich die Popcorn-Tüten in den Gängen aufsammelte, rechnete ich mir das durch. Ich ging dann hinterher zu dem Einweiser. Ich sagte ihm vor versammelter Mannschaft, dass wir an Tagen wie diesem Probetag ja dann nur zwei Euro verdienen würden und dass das nicht ginge. Für mehr Arbeit müsse es mehr Lohn geben, nicht andersherum. Den meisten Menschen um mich herum, die das ja betraf, war das aber unangenehm. Die wollten nicht, dass diese Arbeitsverhältnisse ein Thema werden, einerseits weil sie grundsätzlich enttäuscht waren, andererseits weil sie nicht den kurzen Moment der Gruppenidentität, der durch die gemeinsame Arbeit entsteht, riskieren wollen.

Welche Bedeutung hat dann Arbeit, wenn die Person, die Missstände anspricht, zum Störer wird und nicht, wie es normalerweise sein sollte, diejenigen, die jene Missstände verantworten?

Arbeit hat einen sehr heilsamen und sozialen Charakter. Wenn die Arbeitsverhältnisse nicht so verkorkst und verkommen sind, wie ich es eben beschrieben habe, dann ist es ja auch etwas sehr Schönes, sich immer wieder mit Menschen zu arrangieren, die man sich nicht ausgesucht hat. Das fängt in der Familie an, geht in der Schule weiter und hört beim Studium oder der Arbeit auch nicht auf. Aber man ist immer gezwungen, sich eben notwendig zu arrangieren. Aber da passiert etwas Zwischenmenschliches, etwas sehr wichtiges, wie ich meine.

Es gibt in der Erzählung »Ein Gesuch« einen Mann, der sich in einer Videothek einen Pornofilm ausleiht und von der Kassiererin vorwurfsvoll gefragt wird, ob er denn kein Internet habe, weil man dort diese Filme doch kostenlos bekomme und sich diese Peinlichkeit hier sparen könnte. In dieser Erzählung wird ähnlich wie in »Die Seekuh Tiffany«, die ein Kinderkassettenradio ausspeit, auf dem nichts als ein Rauschen zu hören ist, das zweite große Thema in ihrem Band deutlich: Kommunikation, die entweder nur schlecht gelingt oder misslingt. Warum scheitert Kommunikation immer wieder?

Sie scheitert wahrscheinlich meistens an den unterschiedlichen Erwartungen der Kommunizierenden. Darüber gibt es ja unzählige soziologische und psychologische Abhandlungen. Es hat sicherlich auch mit der Sprache zu tun, die wir benutzen müssen, und die mitunter bewirkt, dass die Dinge nur ungenügend oder unverständlich dargebracht werden können. Und selbst wenn Kommunikation grundsätzlich scheitert, gibt es darin Momente des Gehaltenseins.

In dem konkreten Fall geht es aber vor allem darum, dass das Anliegen der Begegnung missverstanden wird.

Das ist richtig. Der Mann will nicht allein sein, sieht den ganzen Prozess nicht als Peinlichkeit, sondern als kulturelle Angelegenheit. Er will nicht einfach nur die Maschine sein, die eine andere Maschine bedient, die ihm dann die Bilder ausspuckt, die er braucht. Sondern er geht an den Ort, der anbietet, diese Bilder auszuleihen, und hat damit eine Interaktion, in der er der Menschheit begegnet. In der Begegnung mit der Kassiererin gibt es einen kurzen Moment der Intimität.