Ein Leben in Ketten

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Der Distelfink ist nicht nur ein großartiger Coming of Age-, Gesellschafts- und Kunstroman, sondern auch ein hervorragender (Kunst-)Thriller. Und weil es in Thrillern immer auch darum geht, eine Kulisse aufzubauen, hinter der sich Abgründe auftun, taucht hier François de la Rochefoucaulds Weisheit »Wir sind so gewohnt, uns vor anderen zu verstellen, dass wir uns schließlich vor uns selbst verstellen« als übergreifendes Motto auf. Es zieht sich durch alle Beziehungs- und Geschäftsebenen. »Selbst auf höchstem Niveau war alles eine reine Verschleierungstaktik: Jeder möblierte eine Kulisse.«

In die Kulisse der Erzählung hat Donna Tartt Beziehungsgeflechte gesetzt, die der Leser nicht mehr vergessen wird. Am bedeutsamsten ist die Freundschaft von Theo und Boris, die in ihrer bedingungslosen Vertrautheit und ihrem Existenzialismus an Maik Klingenberg und André Tschichatschow erinnert. Wesentliche Teile von Donna Tartts Roman lesen sich gleichermaßen faszinierend und bedrückend wie Wolfgang Herrndorfs Bestseller Tschick.
Allerdings hat die Amerikanerin die Geschichte ihres Duos um einige famos-krasse Umdrehungen weiterführen können, weil sie ihnen mehr Zeit gibt (und selbst mehr Zeit hatte, diesen Roman zu schreiben). Das macht schon die Charakterisierung von Boris deutlich, den man – angesichts einer Vita, die ihn mit fünfzehn Jahren bereits Maden essen, Tschechow auf Russisch lesen und erste sexuelle Erfahrungen sammeln sowie Malaria, Obdachlosigkeit und väterliche Vernachlässigung hat überstehen lassen – einfach ins Herz schließen muss. Entsprechend sieht Boris in den tieftraurigen Augen seines Freundes mehr als andere. Als sie das erste Mal gemeinsam LSD nehmen, spricht Boris von einem »Dunst von Traurigkeit«, der seinen Freund umgibt. »Als ob du wärst ein Soldat oder so was wie eine Person aus der Geschichte, vielleicht jemand, der über ein Schlachtfeld läuft, voller tiefer Gefühle.« Solche Sätze machen deutlich, dass in Tartts Distelfink – auch dank der wunderbaren Übersetzung von Rainer Schmidt und Kristian Lutze – von der (bei Boris fehlerhaften) Satzstruktur bis hin zu den Metaphern und Allegorien einfach alles stimmt.

»Die Plötzlichkeit der Explosion hatte mich nie mehr verlassen, ständig hielt ich Ausschau nach einem Unglück«, erinnert sich Theo gegen Ende des Romans an das Jahrzehnt, das dem Unglück folgte. Das Bild gab Theo das Gefühl, »weniger sterblich, weniger gewöhnlich« zu sein. Gewöhnlich ist hier tatsächlich nichts, betrachtet man die sich zu einem Leben auftürmenden Ereignisse und Begebenheiten. Wir lesen davon in sorgfältig sortierter Form. Aber das ist Resultat des trickreichen Zaubers der Literatur, den Herta Müller in Mein Vaterland war ein Apfelkern (Hanser Verlag 2014, 240 Seiten, 19,90 Euro) beschreibt: »Es ist schon viel Reales drin, aber alles Wörter voreinander, hintereinander, nacheinander gesetzt – aber im Erlebten war es durcheinander, übereinander, gleichzeitig und gestapelt.« In Donna Tartts Roman Der Distelfink nimmt das Sortieren der Wörter »voreinander, hintereinander, nacheinander« niemals überhand, das Chaos ist hier stets gegenwärtig: fast durchgängig in Theos seelischem Durcheinander, im Über- und Nebeneinander der gesellschaftlichen Schichten in den USA und gelegentlich in den gestapelten Antiquitäten bei »Hobart & Blackwell«. Dem Lesenden wird das erst im Nachhinein bewusst, die Linearität der Lektüre wahrt den Anschein einer Linearität der Ereignisse. Tatsächlich aber muss es sich für Theo Decker anders angefühlt haben.

Zurückblickend schreibt er auf den letzten Seiten, dass er gerade erst anfange zu verstehen, dass man sich sein eigenes Schicksal nicht aussuchen könne. »Wir können uns nicht zwingen zu wollen, was gut für uns oder gut für andere ist. Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.« Diese Weisheit wird am Ende dieses wunderbaren Romans ein wenig zu plakativ präsentiert. Aber nach knapp eintausend Seiten packender Lektüre ist dies kaum der Rede wert.

»Schönheit verändert die Maserung der Realität«, lautet einer der Lehrsätze in Hobies Antiquitätenhandel. Das gilt nicht nur für Möbel, sondern für alle Arten der Kunst. Diesem Roman, der in den lichtdurchfluteten Museumshallen ebenso brilliert wie in den düsteren Unterwelten des organisierten Verbrechens, wohnt eine Schönheit inne, die unsere Wahrnehmung der Realität verändert. Plötzlich haben wir eine Idee von dem »Gefühl der ablaufenden Sanduhr«, dem »schnell fließenden Fieber der Zeit«, das uns umgibt und unser Leben begrenzt.

»Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind«, aber wir können uns aussuchen, was wir wagen und was wir lesen. Dieser Roman sollte angesichts der engen Grenzen unseres Daseins unbedingt dazu gehören.

Tartt_DDer_Distelfink_147480_300dpiDonna Tartt: Der Distelfink

Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt und Kristian Lutze

Goldmann Verlag 2014

1.022 Seiten. 29,99 Euro

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