Der Mensch ist des Menschen Werwolf

Titelmelange

Zugegebenermaßen waren Stadtviertel wie das von Bialobrzeski dokumentierte Lower Shanghai nie Paradebeispiele unberührter Natur, wie sie Olaf Otto Becker im ersten Teil seiner ebenfalls HABITAT genannten Serie Reading the Landscape zeigt. Dennoch haben beide Bildbände einen gemeinsamen Kern. Sie zeigen, was bald verschwunden sein wird, wenn das maßlose Wachstum kein Ende findet. Becker, der in Augsburg und München Fotografie studierte und seit 2003 ausschließlich als Fotograf arbeitet, ist vor allem für seine Fotografien im kalten Norden des Globus bekannt. Seine preisgekrönten Fotografien aus Grönland (Broken Line, Above Zero) und Island (Under the Nordic Light) haben unser Bild dieser eisigen Regionen verändert. Neben die Härte des Lebens ist die romantische Schönheit der unberührten Natur und Stille getreten, in der sich die Sehnsucht der menschlichen Seele spiegelt.

Für seine neue Fotoserie ist Becker in die schwülen Regionen Südostasiens gereist, um zu zeigen, wie sich in diesen einstmals unberührten und nun bedrohten Landschaften die Vernichtungswut des Menschen spiegelt. Man kann die Fotografien aus diesen Regionen wie eine Zeitreise lesen oder in ihnen das Nebeneinander von natürlicher Schönheit und zivilisatorischer Barbarei entdecken. Für welchen Weg man sich auch immer entscheidet, immer findet man die akute Bedrohung der Natur durch den Menschen.

Taman Negara River, Malaysia, 2013

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Olaf Otto Becker

Im ersten Teil entführt Becker die Betrachter seiner Fotografien in die Urwälder Malaysias und Indonesiens. Er lädt ein zu einem Tauchgang oberhalb der Wasserlinie, bei dem die Betrachter im grünen Paradies zwischen Bambus, Lianen und Farnen versinken. Wir begegnen der überwältigenden Vielfalt von Flora und Fauna, in der der Mensch ein Zwerg ist. Bis er mit seinen Gerätschaften kommt, mit denen er sich zu einem törichten Gnom erhebt, der an den Hebeln und Knöpfen der Vernichtungsmaschine wirkt. Kahlschlag – Rodung – Tod, so lautet das Tryptichon der Zerstörung, dem wir im zweiten Teil von Habitat begegnen. Dass der Mensch mit dem Paradies nicht zurechtkommt, erzählt schon die Bibel. Dass er aber derjenige ist, der es mit einer perversen Selbstsucht zerstört, das zeigt Olaf Otto Becker.

Der Höhepunkt sind zwei Altarbilder, die die Apokalypse der Moderne zeigen: einen in Flammen stehenden Urwald und sein verkohltes Gerippe. Doch der Mensch wäre nicht das mächtigste Tier der Erde, wöllte er sich nicht selbst dann noch häuslich einrichten, wenn er vom Tod umgeben ist. Doch in der leblosen Welt stellt er plötzlich fest, das ihm das Zwitschern der Vögel, das Rascheln des Windes in den Baumkronen und der Duft der Blüten fehlt. Also holt er sich die Natur in die Stadt zurück, entwickelt seltsame Natur-Häuser, in denen ganze Stockwerke dem künstlich angelegten Wald vorbehalten sind. Auf dass der Mensch auf dem Weg von der Wohn- in die Arbeitsetage frische Luft schnappen kann. Das ist so hilflos, das man verzweifeln möchte. Der Mensch ist nicht nur das mächtigste Tier der Erde, sondern auch die arroganteste Erscheinung auf dem Erdenball. Otto Olaf Becker zeigt in Reading the Landscape, wie ihm sein Wesen zum Verhängnis wird; leider erst dann, wenn es für die Natur schon zu spät ist.

Titel-Reading-the-LandscapeOlaf Otto Becker: Reading the Landscape

Mit einem Text von William Ewing. Deutsch/Englisch

Hatje Cantz Verlag 2014

160 Seiten. 68,- Euro

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