Der Mensch ist des Menschen Werwolf

Titelmelange

Die zeitgenössische Fotografie setzt sich verstärkt mit dem verheerenden Einfluss des Menschen auf die zunehmend verletzliche Natur auseinander. Vier Bildbände zeigen, wie der Mensch erst seine Kultur vergisst, um dann unbeschwert die dunkle Seite seiner Zivilisation hervorzukehren.

Das Rohe und das Gekochte, The Raw and the Cooked heißt eine der spektakulärsten Bilderserien des Fotografen Peter Bialobrzeski. Darin führt er zusammen, was er zuvor in den asiatischen und afrikanischen Megastädten beobachtet hat: den fatalen Wachstum am unteren und oberen Ende der menschlichen Existenz. Das rasante Wachstum der Metropolen in den Schwellen- und Entwicklungsländern wirkt dabei mal wie am Reißbrett entworfen (Neon Tigers), immer wieder wie gescheitert (Lost in Transition), aber zuweilen auch notdürftig flickgeschustert (Case Study Homes, Informal Arrangements). Denn direkt neben den boomenden Wirtschaftszentren liegen die Brachlandschaften der Insolvenzzone, in deren Schatten die Slums der unteren Gesellschaftsschichten wachsen. Diese Prozesse hat der in Wolfsburg geborene und in Bremen lehrende Kunstprofessor so vielfältig wie kein anderer aufgezeigt.

Dass das maßlose Wachstum der asiatischen Millionenstädte nicht ohne die Vernichtung und Verdrängung des Bewährten und Traditionellen möglich ist, hat Bialobrzeski in seiner Serie HABITAT dokumentiert, in der er vom Leben am sozialen Abgrund in Asien (Case Study Homes) und Südafrika (Informal Arrangements) erzählt. Mit Nail Houses schließt er diese Serie nun ab. Als Nagelhäuser werden in China jene Gebäude bezeichnet, deren Besitzer sich bis zuletzt (erfolglos) gegen die Verdrängung wehren. Sie leben in Ruinen, die am Tage wie längst verlassen wirken und erst abends, wenn die Lichter angehen, zum Leben erwachen. Dann britzelt der Strom durch die illegalen Behelfskabel, mit denen die Bewohner ihre von der öffentlichen Versorgung gekappten Häuser wieder notversorgen. Im Licht werden aber auch die Risse sichtbar, die aufgrund der nahezu tektonischen Erdbewegungen infolge der gigantischen Umwälzungen im Erdreich der Megastädte entstehen.

Nail Houses #57

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Peter Bialobrzeski

Die oft zusammengenagelten Trümmerbauten und Überreste der bewusst vernachlässigten Altstadtviertel wirken vor den im Hintergrund wachsenden Wohnkomplexen wie Mahnmale unserer Zeit. Die Trümmerlandschaften wirken wie eine Kriegszone. Es ist ein besonderer Krieg, der hier stattfindet, gewissermaßen ein selbstgewählter. Denn die betroffenen Gesellschaften haben sich nur allzu gern der Globalisierung zu Füßen gelegt. Jetzt werden sie von ihr überrollt.

Dass sich ausgerechnet in den Vierteln am unteren Ende der chinesischen Gesellschaft der letzte Rest von Kultur in der Kulisse der zunehmend gesichtslosen Stadtgesellschaft zeigt, ist gleichermaßen folgerichtig wie paradox. Die Würde des Menschen ist eben doch unantastbar. Sie lebt eher in den Trümmern als in den toten Bienenstöcken der Sanierungsviertel. Peter Bialobrzeski zeigt uns mit den Nail Houses das sichtbarste Zeichen des Protests in Zeiten der Hochgeschwindigkeitsurbanisierung, wie sie derzeit in Chinas Millionenstädten stattfindet. Protest deshalb, weil dieser Verfall eine Vernichtung und politisch gewollt ist. Dies macht auch der Untertitel der Bilderserie deutlich, die genau genommen NAIL HOUSES or the Destruction of Lower Shanghai heißt.

Titel-Nail-HousesPeter Bialobrzeski: Nail Houses

Mit einem Text von Stefanie Gommel. Deutsch/Englisch

Hatje Cantz Verlag 2014

116 Seiten. 35,- Euro

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