Pirouetten drehen zwischen den Linien

Polnische-Boxer_Titel

Mit Eduardo Halfon gibt es einen neuen Stern am südamerikanischen Literaturhimmel. Sein schmaler Roman »Der polnische Boxer« ist ein fesselndes surrealistisches Großereignis, mit dem er sich aus dem Nichts in die Höhen von Jorge Luis Borges und Roberto Bolaño aufschwingt.

Der Unterschied zwischen einem Schriftsteller und einem genialen Autor bestehe darin, „dass Letzterer imstande sei, etwas zu sagen, um damit in Wirklichkeit etwas ganz anderes zu sagen“, erklärt der Literaturdozent Eduardo Halfon seinen Studenten. Die Probe seiner These unternimmt er mit ihnen an Erzählungen von Edgar Allan Poe, Guy de Maupassant, Anton Tschechow, James Joyce, Ernest Hemingway und Flannery O’Connor. Die wenigsten seiner Studenten werden dabei klüger, wir Leser aber umso mehr.

Der Auftakt von Eduardo Halfons Roman »in zehn Runden« ist spektakulär, denn das erzählende Alter Ego des Guatemalteken führt die Lesenden direkt ein in die Tiefen der Erzähltheorie. Das ist ein riskantes Unterfangen, denn fortan muss sich der Roman an den eigens aufgestellten Kriterien messen lassen. Die Lesenden werden hingegen durch Aussagen wie »Eine Erzählung ist eigentlich eine Lüge. Eine Vorspiegelung. Und die funktioniert bloß, wenn wir uns darauf einlassen« vor der scheinbaren Wahrhaftigkeit dieses Romans gewarnt, der mit fantastisch-sexuellen Ausflügen, musikalisch-ethnischen Burlesken und weltliterarischen Querverweisen ein Meisterwerk der schriftlichen Verführungskunst darstellt. Eduardo Halfon, ein schreibender Ingenieur aus Guatemala, dessen Polnischer Boxer ihn umgehend auf die Liste der besten südamerikanischen Gegenwartsautoren gebracht hat, erfindet in seinem Roman die Welt neu.

Dafür greift Halfon, ähnlich wie dies Katja Petrowskaja in ihrem viel gelobten Roman Vielleicht Esther gemacht hat, zu einem radikalen Mittel, um der Erzählung Authentizität und Wahrhaftigkeit zu verleihen. Denn die Existenz des Erzählers ist dem im Titel angesprochenen polnischen Boxer zu verdanken. Er verriet dem jüdischen Großvater des Erzählers, der Tenenbaum hieß und die Nummer 69752 auf dem Unterarm trug, wie er das Lager überleben könne. Der Boxer nämlich hat Ausschwitz nur überlebt, weil er sich jede Nacht zum Vergnügen der Deutschen prügelte. Ob es sich bei Halfons boxendem Helden um Hertzko Haft handelt, dem der deutsche Comiczeichner Reinhard Kleist vor zwei Jahren ein beeindruckendes Werk widmete, kann anhand des Romans nicht verifiziert werden.

Letztendlich ist die Existenz jenes polnischen Boxers die Grundvoraussetzung dieser Erzählung, die Handlung wendet sich ihm aber nur in einem Kapitel zu. In den anderen neun »Runden« verfolgt sie mit Eduardo Halfon die Geschicke des Nachkommen jenes »Oitze« Tenenbaum, den er gerettet hat. Jener wird auf eine Mark-Twain-Konferenz eingeladen, um dort über die Verbindung von Twains Die Abenteuer des Huckleberry Finn und Cervantes Don Quijote zu sprechen. Allein wegen dieses Kapitels lohnt sich die Lektüre dieses Romans.

Nach den Tagen des »Herumtwainens« lernt der Erzähler dank seiner reizenden Begleiterin Lía, die beim Sex ihre Orgasmen in Linienzeichnungen festhält, den serbischen Pianisten Milan Rakić kennen. Mit Rakić, wiederum ein Namensvetter eines serbischen Dichters, philosophieren sie über die Musik von Rachmaninoff und Saint-Saëns, Liszt und Strawinsky, um schließlich bei den Improvisationskünsten des Jazz-Pianisten Thelonious Monk anzukommen. Denn Rakić ist selbst ein Improvisations- und Lebenskünstler, ein Nomade, der als erfolgreicher Pianist durch die Welt reist, aber viel lieber ein unbekannter Zigeunermusiker wäre.

Eines Tages verschwindet der Pianist, sein letztes Lebenszeichen ist eine Postkarte aus Belgrad. Der Literaturdozent Eduardo Halfon beschließt, ihn zu suchen. Er reist in die serbische Hauptstadt und begibt sich in einen tagträumerischen Schwebezustand, in dem er sich selbst zu verlieren droht. „Zigeunerpirouetten“ drehend – wohlgemerkt ohne genau zu wissen, ob es diese überhaupt gibt, und wenn ja, was darunter zu verstehen ist – stolpert er auf der Suche nach seinem Pianisten durch die Stadt. »Nichts ist mit der Angst zu vergleichen, in einer unbekannten Stadt die Orientierung zu verlieren«. Erst recht nicht, wenn diese Angst durch kulturelle Vorurteile, eine witterungsbedingte Atmosphäre und ein hoffnungsloses Unterfangen ständig genährt wird. In diesem großartigen Kapitel einer Gespensterjagd werden auf kongeniale Weise die Urangst des Menschen vor dem Unbekannten und die Macht des Vorurteils zu einem packenden Plot verwoben, der jedem Thriller Ehre machen würde. »… und da überkam mich plötzlich das Gefühl, ich selbst sei der Verlorene und ein anderer suche, ein anderer verfolge mich.« Gleichermaßen staunend und verwirrt, aufgewühlt und atemlos, protestierend und sich dieser fantastischen Sprachgewalt ergebend lässt es die Lesenden zurück.

Halfon zieht in seinem Roman sämtliche Sprach- und Genreregister, wandelt zwischen Spanisch, Englisch, Serbisch, Romanes, Polnisch und Hebräisch, stilistisch bedient er sich ebenso selbstverständlich bei den Märchen wie im Horror- und Gangsterroman und das Vexierspiel aus Autor und Erzähler beherrscht er in Perfektion. Zusammengehalten wird all das von der Faszination an der vielschichtigen Erzählung, die ein guter Trick ist, »um die Wirklichkeit vollständig erscheinen zu lassen, um vorzutäuschen, die Wirklichkeit sei eins und in sich abgeschlossen.« Halfons Roman ist mehr als ein Riss in der Wirklichkeit, er repräsentiert nahezu alle denkbaren Risse im Realen.

Halfons preisgekrönter Roman ist ein surreales Großereignis der babylonischen Sprachverwirrung, in dem die dünnen Linien zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Wahrheit und Fiktion, dem Bekannten und dem Fremden sichtbar werden. »… dann begann ich, an all die Linien von Lías Orgasmen zu denken und an die Linien ihres Körpers und an die Linien meiner Hand und an die Linien, die die Sterne zu Konstellationen verbinden, und an die fünf Linien, die die Länder auf dem Balkan verbinden und trennen und wieder verbinden, um sie letztlich doch wieder zu trennen, und an die ideologischen und religiösen Linien, die die Erde zerteilen und sie immer unterirdischer werden lassen, und an die verworrene Zufallsreihe von Ereignissen und Menschen, die mich wie Pünktchen auf einer einzigen phantastischen Strecke bis hierher geführt hatten …«. Angesichts solcher Passagen nimmt man lesend die Lüge gern in Kauf.

Der Guatemalteke Eduardo Halfon beweist sich mit Der polnische Boxer als »genialer Autor« im eingangs beschriebenen Sinne. Sein sicheres Wandeln in der Kulturen und Kontinente übergreifenden Hochliteratur macht ihn zu einem der ersten Anwärter auf den Posten zwischen Jorge Luis Borges und Roberto Bolaño. Man legt dieses Buch mit einer rasenden Ungeduld zur Seite, denn nach dieser mitreißenden Lektüre will man dringend auch die übrigen Erzählungen und Romane des Südamerikaners lesen, die in über zehn weiteren Büchern bereits Platz gefunden haben. Herr Lendle, übernehmen Sie!

Halfon_978-3-446-24599-0_MR1.inddEduardo Halfon: Der polnische Boxer

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby

Hanser-Verlag 2014

218 Seiten. 17,90 Euro

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