Comics im Preisregen

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In den USA wurden im Herbst die wichtigsten US-amerikanischen Comicpreise vergeben. Aus hiesiger Sicht erfreulich war nicht nur, dass viele der ausgezeichneten und nominierten Bände auch in deutscher Übersetzung vorliegen, sondern dass in allen drei Wettbewerben auch deutschsprachige Kunstschaffende vertreten waren.

Ulli Lust und Reinhard Kleist sind in den USA die deutschsprachigen Comickünstler der Stunde. Die von Reinhard Kleist gezeichneten Lebenserinnerungen des jüdischen KZ-Insassen Hertzko Haft Der Boxer (Carlsen) war 2014 im Rennen um einen der neun Ignatz-Awards, die jedes Jahr in neun Kategorien an die besten Independent-Comics vergeben werden. Auch wenn sich Kleists Comic nicht gegen This One Summer des kanadischen Zeichnerduos Mariko und Jillian Tamaki durchsetzen konnte (der im Mai bei Reprodukt erscheint), äußerte sich der Berliner Zeichner recht zufrieden. Es sei »natürlich etwas ganz Besonderes, dort einigen Erfolg feiern zu können«, kommentiert er die Ignatz-Nominierung seines Comics. 2010 war Kleist mit seiner Comicbiografie Cash – I see a darkness (Carlsen) des Country-Sängers Johnny Cash jeweils für einen Eisner- und einen Harvey-Award nominiert. Er war damals der erste deutsche Zeichner, der überhaupt einen der renommierten US-Preise gewinnen konnte. Im Februar ist Kleists neuer Comic Der Traum von Olympia (Carlsen) erschienen, in dem er die Geschichte der somalischen Sprinterin Samia Yusuf Omar erzählt, die auf der Flucht nach Europa ertrank.

Die erste deutschsprachige Zeichnerin, die einen der begehrten US-Preise gewinnen konnte, ist Ulli Lust, die 2013 mit ihrem autobiografischen Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens einen Ignatz-Award und darüber hinaus noch den LA Times Book Award gewann. Bei den 2014er Eisner-Awards war ihr avantgardistisches Werk gleich doppelt im Wettbewerb. Es gehörte zu den fünf nominierten Alben in den Kategorien Bester ausländischer US-Comic und Bester realitätsbasierter Comic. Die begehrten Preise trugen aber das Autorenduo Jacques Tardi und Jean-Pierre Verney für die Gesamtausgabe von Elender Krieg (Edition Moderne) und das Autorenkollektiv Vivek Tiwari, Andrew Robinson und Kyle Baker mit seiner Geschichte Der fünfte Beatle: Die Brian Epstein Story (Panini) davon. Der fünfte Beatle gewann außerdem noch zwei Harveys in den Kategorien Bestes Album und Beste biographische/journalistische Arbeit.

Bei den Harvey-Awards gehörte Lusts Album ebenfalls zu den fünf nominierten Besten ausländischen US-Comics, ausgezeichnet wurde aber der Japaner Hajime Isayama für Attack on Titan (Carlsen). Ulli Lust zeigte sich trotz der Ehre etwas enttäuscht. »Man kommt als österreichische Comiczeichnerin eher selten in die Nähe so einer Auszeichnung.« Ein Erfolg hätte auch den Andruck einer zweiten Auflage beschleunigt, so aber drohe trotz des guten Abschneidens bei den wichtigsten US-Comicpreisen das Ende ihres amerikanischen Abenteuers, so Ulli Lust.

Lust_Kleist_TitelDie deutsche Comicszene ist mit Blick auf die US-Comicpreise auf der Höhe der Zeit. Zahlreiche der prämierten Titel liegen in deutscher Übersetzung vor oder sind in Planung. Der große Abräumer in diesem Jahr war die Fantasy-SciFi-Action-Serie Saga von Brian K. Vaughan und Fiona Staples (Cross Cult), die drei Eisner- und vier Harvey-Awards gewinnen konnte. Die Geschichte um das außergewöhnliche Elternpaar Alana und Marko, die versuchen, dem immerwährenden galaktischen Krieg der Spezies aus dem Weg zu gehen, wurde sowohl bei den Eisners als auch bei den Harveys als Beste Serie ausgezeichnet, bei beiden Wettbewerben wurden Fiona Staples zur Besten Zeichnerin und Brian K. Vaugham zum Besten Szenaristen gekürt. Staples gewann außerdem noch den Harvey für das beste Cover.

Der elfte Band von Hawkeye, der den Abschluss des gerade erschienenen Megaband 1 (Panini) bildet, gewann je einen Eisner und einen Harvey als Beste Einzelerscheinung. Zeichner David Aja gewann außerdem den Eisner für das Beste Cover. Hawkeye-Autor Matt Fraction räumte mit seiner neuen Serie Sex Criminals ebenfalls bei beiden Comicpreisen ab und gewann zweimal die Trophäe für die Beste Neue Serie.

Bei den diesjährigen Eisner-Awards wurde Jaime Hernandez als Bester Künstler ausgezeichnet, seine Love and Rockets-Folge Untitled (Reprodukt plant eine Neuauflage der Echtzeit-Erzählung) gewann den Preis als Beste Grafische Kurzgeschichte. Darwyn Cookes neuester Richard-Parker-Comic Slayground wurde für das Beste Lettering und als Beste Adaption ausgezeichnet. Zwei der insgesamt vier packenden Parker-Adaptionen von Cooke liegen bereits in deutscher Übersetzung vor (Eichborn). Die von Scott Snyder und Sean Murphy verantwortete Serie The Wake (für Dezember bei Panini angekündigt) erhielt den Eisner-Award als Beste Abgeschlossene Serie, Sean Murphy wurde als Bester Kolorist ausgezeichnet. Außerdem wurde Rutu Modans im Stil der Ligne-Claire umgesetzte Erzählung Das Erbe (Carlsen-Verlag) als Bestes Album, Jeffrey Browns Star Wars: Vaders kleine Prinzessin (Panini) als Bester Kindercomic und Matthew Inmans illustrer Ratgeber-Comic The Outmeal (Wiley-VCH) als Bester Onlinecomic ausgezeichnet.

Bei den Harveys wurden Hellboy-Zeichner Dave Stuart (Cross Cult) als Bester Kolorist, Terry Moore mit seiner neuen Serie Rachel Rising (Schreiber & Leser) als Bester Letterer, der dritte Band von Mousegard (Cross Cult) als Bestes (bereits publiziertes) Album und Brian North Serie Adventure Time (Panini) als Bester Jugendcomic ausgezeichnet.

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