Dialoge zwischen Realität und Imagination

Titelbild Joann Sfar

In Ihren Comics tauchen immer wieder sprechende und denkende Tiere auf. Die Katze des Rabbiners oder Sokrates der Halbhund sind nur die von den Titeln bekanntesten Animal-Charaktere. Man denkt automatisch an Art Spiegelman. Haben Ihre Tiere eine ähnlich metaphorische Funktion?

Grundsätzlich könnte das auch an Donald Duck oder die Muppet Show erinnern. Es geht aber um etwas Substanzielleres. Tiere – auch sprechende Tiere – waren schon immer Teil der Bildkultur. Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich sprechende Tiere nur einsetze, weil ich Comics mache. Aber inzwischen schreibe ich auch Romane und auch dort setze ich sprechende Tiere ein.

Auch in Ihrem ersten Kinofilm »Gainsbourg« gibt es eine sprechende Katze…

Ja, das ist richtig. Mich amüsieren diese kleinen beseelten Wesen. Ich zeichne sie auch ständig, fast jeden Tag. Und ich mag es, wenn alles spricht, diese Idee der Totems und der Dämonen, die Einfluss nehmen.

Ich habe den Rabbi über die fünf Bände hinweg beobachtet und mir ist aufgefallen, dass er eine ambivalente Einstellung zur Religion hat. Einerseits macht er sich über den Aberglauben der marokkanischen Juden lustig, andererseits stört ihn die strenge Religiosität der Pariser Juden. Im Alltag gibt er eher pragmatische als religiöse Hinweise. Ist dieser Rabbi vielleicht gar nicht religiös, sondern eher humanistisch eingestellt?

Ich glaube, der Rabbiner ist in erster Linie ein Realist. Er repräsentiert die Rabbiner, die ich in meinem Leben getroffen habe. Im Judentum ist es so, dass der Status des Rabbiners nicht an einen kirchlichen Status gebunden ist. Während in Frankreich der Rabbinerstatus seit Napoleon an eine Gemeindefunktion gebunden ist, ist in Algerien derjenige Rabbi, der das Gebet hält. Mein Rabbiner ist kein theologisches Genie. Es gibt welche, die sich sehr viel besser auskennen als er, und es gibt wiederum andere, die wissen viel weniger. Er hat seine Gewohnheiten, und wenn er diese wie bei seinem Besuch in Paris ändern muss, dann gefällt ihm das nicht. Außerdem ist er kein Mensch, der sich zu viele Fragen stellt. Die Katze des Rabbiners hat logischerweise die Funktion, ihn genau damit zu nerven. Die provokanten Fragen der Katze fordern den Rabbiner heraus.

Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass die Vermittlung der religiösen Lehre bei den Christen und den Muslimen ähnlich ist. Es kamen viele Christen und Muslime hinterher zu mir und sagten, dass bei ihnen die Arbeit mit den kleinen Kindern, die provokante und kritische Fragen stellen, genau das Gleiche sei. Das hat mir gefallen.

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Joann Sfar | avant-Verlag

»Klezmer« ist vor allem auch eine Hommage an die Musik der osteuropäischen Juden. Würden Sie dies vergleichen etwa mit Robert Crumbs Elogen über den Jazz oder die Blue Grass Musik?

Zunächst muss ich gestehen, dass Crumb schon immer einen großen Einfluss auf meine Arbeit hatte – nicht allein aufgrund seiner Arbeiten über den Jazz, sondern wegen der Dokumentation seines Alltags. In den Magazinen hatten seine Geschichten nie ein Ende. Es gab immer vier, fünf Seiten von »Fritz the Cat« oder »Mr. Snoid«, dann hat er etwas anderes gemacht und kam später wieder darauf zurück.

Ich habe versucht, mir manches von ihm abzuschauen oder aber anders zu machen. Crumb hat sehr sorgfältig und abgeschlossen gezeichnet. Ich habe in »Klezmer« skizzenartige, schnelle Zeichnungen eingebaut, um die jazzigen, rhapsodischen und improvisierten Elemente der Klezmermusik aufzugreifen. Von Anfang an wusste ich, dass es nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe, aber es wäre noch schlechter geworden, wenn ich sehr sorgfältig und langsam gezeichnet hätte. Die Erfahrung mit »Klezmer« hat mir gezeigt, dass ich diese Art von Comic nach dem fünften Band nicht mehr machen werde. Aber es war spannend und notwendig, das auszuprobieren. Und Crumbs Arbeiten haben mich dabei ohne Zweifel beeinflusst.

Würden Sie der These zustimmen, dass Crumb Musik-Geschichten gezeichnet hat, während Sie von der Musik selbst zeichnen?

Zumindest habe ich es versucht. Als ich die Aquarellfarben in »Klezmer« gemacht habe, wusste ich, dass ich nicht mehr als zehn Minuten pro Seite habe. Wenn es länger gedauert hat, dann war die Seite hinüber. Denn wenn man mit Aquarellfarben arbeitet, muss das Blatt fast nass sein. Ich war schon von der Technik her gezwungen, schnell und im Schwung zu zeichnen. Das Aquarellieren musste mir im Grunde so instinktiv von der Hand gehen, wie der Klezmer aus dem Musiker kommt.

Die Kolorierung ist also eine Sache des Instinkts?

Ich weiß es bis heute nicht. Das Zeichnen mache ich so aus dem Gefühl heraus und es funktioniert, aber die Kolorierung… Es gibt Tage, da gelingt es mir ganz gut und dann gibt es wiederum Tage, da geht gar nichts. Es klingt so einfach, aber das Kolorieren ist wirklich eine schwierige Angelegenheit. Manchmal mache ich mir Musik an, das hilft zuweilen.

Spüren Sie die Tage, an denen es nicht klappt?

Ja… obwohl, nein, eigentlich nicht. Ich merke es immer erst, wenn es schon zu spät ist. Ich verstehe langsam, wie andere vorgehen. Wenn ich mir zum Beispiel die Aquarelle von Gipi ansehe oder die Farbarbeiten von Quentin Blake, dann verstehe ich, was sie machen und warum sie es machen, aber ich habe es noch nicht geschafft, mir eine Methode anzueignen. Und klar, ich kenne ein paar Grundregeln: Je mehr Wasser man verwendet, desto besser wird das Aquarell. Oder dass man erst die warmen Farben aufträgt und dann die kalten. Aber dann hört mein Wissen auch schon auf.

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