Dialoge zwischen Realität und Imagination

Titelbild Joann Sfar

Der Franzose Joann Sfar ist einer der erfolgreichsten Comicautoren Europas. Sein Kinofilm »Gainsbourg« gewann drei Césars, die Trophäe des französischen Filmpreises. Im Januar 2014 konnte ich mich mit ihm in Dresden über sein umfangreiches Werk, dessen Verankerung in der jüdischen (Kultur)Geschichte und die Balance zwischen Realität und Imagination, Abgeklärtheit und Magie unterhalten.

Herr Sfar, in »Chagall in Russland« lassen Sie den Maler Marc Chagall zu seinen jüdischen Freunden sagen: »Das ist ein Buch, um Juden zu retten. Taucht in die Seiten ein und ihr seid in Sicherheit.« Sind Ihre Comics auch solch magische Bücher, mit denen Sie in gewisser Weise die aschkenasischen und sephardischen Juden retten?

In der vergangenen Woche habe ich das Ende von »Klezmer« geschrieben und die Personen im Comic diskutieren über diese Frage. Sie sagen in etwa: Wir haben unsere Musik immer mit dem Gedanken im Herzen gemacht, dass sie dazu beitragen könnte, dass die Menschen die Juden lieben. Aber es funktioniert nicht, also entscheiden sie, dass sie ab sofort jede Note nur noch für die Ohren spielen. Es war tatsächlich Chagall, der gesagt hat, dass er die Menschen zeichnen würde, um sie auf seinen Bildern zu schützen. Ohne Zweifel habe ich bei meiner Arbeit den Gedanken, die Geschichte bzw. Legende – egal ob Folklore oder Klischee – des europäischen Judentums zu ehren. Dieser Aspekt bei meiner Arbeit ist mir sehr wichtig, denn ich komme aus einer jüdischen Familie, die es immer als Fehler und Schuld betrachtet hat, in Europa geblieben und nicht nach Israel geflohen zu sein. Aber ich glaube, dass es einen Sinn macht, jüdisch zu sein und dies in Europa zu sein. Es geht dabei nicht um Religion oder Nationalismus, sondern um Kultur.

Sie hatten bei der Eröffnung der Ausstellung Ihrer Bilder in Dresden bereits darüber gesprochen.

Ja, wir hatten über die Diskussionen innerhalb der jüdischen Gemeinden in Russland und der Ukraine nach dem Pogrom von Chisinau gesprochen. Damals hatten sie alle verstanden, dass die europäischen Nationen sie loswerden wollten. Sie debattierten also darüber, ob sie nach Amerika oder Israel auswandern oder aber einen Zusammenschluss der europäischen Juden gründen sollten, die in Europa bleiben und dort die jüdische Stimme stärken – wie es schließlich mit dem Bund geschah. Ich wäre definitiv bei den Bundisten gewesen und ermordet worden. Dennoch glaube ich, dass der Bund richtig gelegen hat.

Das Tragische an der Geschichte ist folgendes: Seit vielen Jahren engagiere ich mich für Kinder in französischen Schulen. Viele der Schüler haben Eltern aus arabischen oder islamischen Ländern. Wenn man diese Kinder fragt, warum sie die Juden so sehr hassen, dann sagen sie, dass sie den Eindruck haben, die Juden würden als Einwanderer besser behandelt als sie selbst. Man muss diesen Kindern also erklären, dass die europäischen Juden keine Einwanderer sind, sondern dass sie seit 2000 Jahren hier leben. Man könnte auch sagen, dass die ersten Juden fünf-, sechshundert Jahre vor den Vorfahren von Jean-Marie Le Pen nach Frankreich gekommen sind. Die europäischen Juden haben – wie ich finde – einen besonderen Status und meines Erachtens kann man sich des Mittels der Folklore bedienen, auch wenn es diese Folklore kaum noch gibt.

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Joann Sfar | avant-Verlag

Wenn ich Comics mache, kommen alle diese Paradoxe zusammen, zu denen man noch hinzuzählen könnte, dass ich nicht religiös bin, meine Frau aus einer katholischen Familie kommt und wir unsere Kinder nicht religiös erzogen haben. Vor Ihnen sitzt ein ungläubiger Typ, der gewissermaßen keinerlei Kenntnis über Gemeindeleben hat – ich habe im Grunde kaum jüdische Freunde und Bekannte –, in dessen Comics aber fast alle Stimmen jüdisch sind. Diese Stimmen haben mich in meiner Kindheit umgeben, sie waren geradezu überall, und das sind die Stimmen, mit denen ich Europa verbinde.

Zu Ihren bekanntesten Comics in Deutschland zählen die beiden Serien »Die Katze des Rabbiners« und »Klezmer«. In der ersten erzählen Sie die Geschichte der jüdischen Minderheit in Algerien, in der zweiten von den Juden in der Ukraine. Die beiden jüdischen Kulturen beschreiben Sie als sehr unterschiedlich. Sie kommen aus einer Familie, die in beiden Kulturen ihre Wurzeln hat. Wie haben Sie innerhalb der Familie diese beiden Kulturen ausbalancieren können?

Das sind natürlich zwei sehr verschiedene Seiten meiner Familie. Die Familie meiner Mutter, ukrainische Juden, wurde während des Krieges vertrieben. Mein Großvater, ein Arzt, war seit dem Ende der 1930er Jahre in Frankreich im Widerstand aktiv. Er war weder gläubig noch in irgendeinem Sinn religiös und als Intellektueller provozierte er gern. Dieser Teil der Familie hatte immer witzige, aber auch provokante, antireligiöse Züge. Die Familie meines Vaters hingegen, Juden aus dem Maghreb, war immer sehr traditionell und stärker an die Religion gebunden. Ich glaube, dass sie, wie mutmaßlich viele der sephardischen Juden, ein großes Schuldgefühl empfunden haben, weil sie den Nazismus nicht erleiden mussten. Dieses Schuldgefühl, weder Opfer noch Widerständler gewesen zu sein, hat sie dünnhäutiger und gewaltbereiter bei der geringsten Provokation gemacht. Die osteuropäischen Juden haben dieses Schuldgefühl überhaupt nicht. Mein Großvater hatte immer die Einstellung, Provokationen und Problemen aus dem Weg zu gehen.

Zugleich hatte er Dinge erlebt, die ihn sein Leben lang geprägt haben. Er war als Arzt der von André Malraux angeführten Brigade Alsace-Lorraine mit dabei und musste sich um die Verletzten kümmern, die seine Einheit auf ihrem Vormarsch in Deutschland hinterlassen hatte. Er hat immer gesagt, dass man dabei verrückt wird, wenn man wochenlang immer nur die Verletzungen behandelt, die deine eigene Einheit verursacht hat. Da glaubt man an nichts mehr. Daher kommt auch seine Distanz zu Religion. Die Familie meiner Mutter repräsentiert für mich das Intellektuelle und Absurde, die meines Vaters den Machismus und einen bestimmten Grad an Gewalt, zugleich aber auch etwas sehr Beruhigendes, denn diese Familie hat keine Fragen gestellt. Sie war ihren arabischen Nachbarn sehr ähnlich. Vielleicht ist das der Grund, warum »Die Katze des Rabbiners« in Frankreich erfolgreicher war als »Klezmer« beispielsweise, weil die Menschen gesehen haben, wie ähnlich sich die sephardischen Juden und die Araber sind.

Sie behandeln diese Differenz zwischen intellektueller Provokation einerseits und beruhigendem Traditionalismus andererseits an den Figuren Chava und Zlabya.

Ja, im Grund ist es dieselbe Schauspielerin in zwei verschiedenen Rollen. Wenn ich Realist bin, dann repräsentiert Zlabya am besten die typische Frau in dieser Zeit. Das sind unmoderne Frauen, die sich nicht emanzipieren wollen und die Welt nur durch das Fenster ihres eigenen Zuhauses betrachten. Mit Zlabya wollte ich diese altmodischen Frauen zeigen, die selbst nach ihrer Hochzeit noch Kind bleiben. Und zugleich hat mich das deprimiert, weshalb ich in »Klezmer« mit Chava das Gegenmodell einer Provokateurin erfunden habe. Im letzten Teil wird es dann eine Debatte zwischen dem kleinen Jakob und ihr geben, weil Jakob heiraten und Kinder bekommen möchte. Sie wird ihm dann sagen, dass es für sie nur zwei Regeln gebe: 1. Lügen ist nicht schlimm. Und 2. Sich verlieben ist lächerlich. Jakob wird ihr dann antworten, dass es für ihn nur eine Regel gebe, nämlich dass ihre beiden Regeln falsch sind.

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