Nachrichten aus einer anderen Welt

Auszug aus Richard McGuire »Hier«

Der amerikanische Illustrator Richard McGuire hebt in seinem Comic die Logik der sequentiellen Erzählung auf, um gleichermaßen alle Zeiten umfassend und zeitlos (Welt-)Geschichte vorbeiziehen zu lassen.

Die Neunte Kunst wird im englischsprachigen Raum immer wieder als sequential art beschrieben. Keine andere Bezeichnung macht deutlich, dass der Comic eine Erzählform ist, deren Faszination sich aus der hintereinander sortierten Anordnung von Bildern speist. Scott McCloud hat dies einst als eine der wesentlichen Eigenschaften in der Grammatik der Comics beschrieben; wenngleich er dem Medium noch zahlreiche andere Charakteristiken zuordnet.

Die Sequenz wäre zweifellos das zentrale Merkmal des Comics, wenn es nicht den US-Illustratoren und Grafikkünstler Richard McGuire gäbe. 1989 veröffentlichte er in dem von Art Spiegelman gegründeten Comicmagazin RAW sechs Seiten, auf denen er sich zwar der Sequenz bediente, zugleich aber eine vollkommen neue Logik der Veranschaulichung von erzählter Zeit erfand. Here hieß seine Kurzgeschichte in einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in der er in 36 Panels von den Geschehnissen an einem spezifischen Ort innerhalb von ein paar Jahrmillionen erzählte (siehe Bildergalerie). Allein die Diskrepanz von Zeit- und Zeichenraum brachte es mit sich, dass zwischen den Einzelbildern enorme Zeitsprünge stattfanden. Damit aber nicht genug hatte McGuire innerhalb der Bilder Zeitlöcher gestanzt, die einen Blick in die Vergangenheit oder die Zukunft zuließen. So einfach das klingt, so komplex und faszinierend war es schon damals.

Seine Kurzgeschichte hat McGuire nach 25 Jahren zu einem epischen Farbcomic mit 300 Seiten erweitert. Dabei umfasst, wenn man es mit den gewöhnlichen Mitteln umschreiben möchte, jede Seite einen Panel (in der famosen Erzählung Vom Glanz der alten Tage des kanadischen Comicgenies Seth heißen diese Comics »Nickel-Back«). Die Seite als solche bildet den historischen Anker des Einzelbildes, von dem ausgehend sich dann die besagten Löcher in der Zeit auftun und den Leserbetrachter in dem ewigen Kontinuum des Daseins vor- und zurückwerfen – zwischen dem Jahr 3.000.500.000 vor unserer Zeitrechnung und dem Jahr 2313.

Clemens-SetzComicgenie Chris Ware, der mit Jimmy Corrigan und Building Stories die comicale Grammatik auf phänomenale Weise weiterentwickelt hat, lobte schon McGuires Kurzgeschichte in höchsten Tönen. Kein anderes Werk komme im Umgang mit Raum und Zeit der Struktur der menschlichen Erinnerung näher als Here, schrieb er schon damals im Szenemagazin Comic Art. Kürzlich schob er im Guardian nach, dass ein Comic wie dieser »nur alle zehn Jahre, wenn überhaupt«, erscheine. Der österreichische Schriftsteller Clemens Setz, selbst ein absoluter Ausnahmeautor seiner Generation, sprach angesichts des nun ausgebauten Werks auf seiner Facebook-Seite davon, dass McGuires Werk »Erfindung und der gleichzeitige Höhepunkt eines eigenen Erzählens« sei.

Was macht dieses Erzählen aus? Betrachten wir zunächst die Einzelseiten. Zu sehen ist immer der gleiche Ausschnitt eines Raumes, der durch die unterschiedlichen zeitlichen Zuordnungen einen individuellen Moment darstellt. Meist ereignet sich dieser im Wohnzimmer eines Hauses – zumindest wenn wir uns in Zeiten bewegen, zu denen das Haus bereits stand. Andernfalls sehen wir die Urzeitlandschaft, den von Indianern bewohnten Urwald oder aber die öde Leere der Zukunft, in der über Hologramme die Vergangenheit sichtbar wird.

In der sequentiellen Abfolge seiner Panelseiten löst sich der amerikanische Illustrator vom chronologischen Erzählstrom und springt auf seiner sich mehr als drei Milliarden Jahre erstreckenden Zeitleiste hin und her. Er greift damit die Art und Weise auf, wie sich der Mensch erinnert. Denn dies erfolgt nicht linear-chronologisch, sondern willkürlich.

Dennoch ist die kontinuierliche oder wenn man so will sequentielle Beschaffenheit der Vergangenheit die Grundlage für den grafischen Clou, der Richard McGuires Hier zu einer Sensation und einem Solitär der Neunten Art macht. Er fügt durch Ausschnitte und Panel-im-Panel-Strukturen weitere Zeitebenen in seine Einzelbilder ein, die die Chronologie auflösen und die memorierte Gleichzeitigkeit der Ereignisse in einer Art spirituellen Session visuell sichtbar machen.

Der Amerikaner hat die Zeitenläufe übereinander gestapelt, in Einzelteile zerschnitten und dann wieder gemischt zusammengesetzt. Wie Geister erscheinen in der erzählten Zeit memorierte Augenblicke aus anderen Epochen – mal groß, mal klein, mal im Zentrum, mal am Bildrand. Sie stehen da wie Nachrichten nicht nur aus einer anderen Zeit, sondern auch aus einer anderen Welt. Nichts hat einen festen Platz, aber alles seine Daseinsberechtigung im Moment.

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Richard McGuire (http://www.entrecomics.com/?p=9431)

Richard McGuire ging bei der Komposition seiner erzählenden Seiten keineswegs willkürlich vor. Er verankert beispielsweise immer wiederkehrende Themen und Motive auf den Einzelseiten. Sie zeigen, wie in diesem Raum getanzt und beleidigt, wie Geburtstage oder Halloween gefeiert, wie mit Kindern gespielt und Schönheit in Bildnissen festgehalten wurde. So erschließen sich dem Leserbetrachter sinnhaft-intuitiv weitere Ebenen des Storytellings, lassen ihn eine Idee davon bekommen, wie sich Beziehungsmuster, Verhaltensweisen und Eigenheiten (In Familien? Oder an Orten?) wiederholen. In diesen Passagen ist Hier nicht nur eine geniale historische Erzählung, sondern geradezu eine psychoanalytische Studie.

Immer wieder scheinen die grafischen Elemente auf der Einzelseite sogar in einem sich gegenseitig kommentierenden Bezug zu stehen, etwa wenn es 1986 an der Tür klingelt und der Hund bellt, in einem Ausschnitt von 1954 die Bewohnerin des Zimmers aber müde erklärt, dass der Hund immer bellt, wenn der Postbote kommt. Es gibt aber auch deutlich komplexere, sich über mehrere Seiten hinziehende und subtilere Beispiele. Gegen Ende der Erzählung berichtet ein Mann im Jahr 1990, dann später 1995 und dann noch einmal 2007 von einem immer wiederkehrenden Albtraum, in dem ein Kind ertrinkt. Nicht nur scheint er ihn jahrelang zu träumen, er wird auch Ausgangspunkt einer möglichen Bildinterpretation. Denn dazwischen sieht man in einem der Zeitfenster, wie sich ein Paar in den Armen hält. Ist das ein Moment zärtlicher Nähe oder einer des sich gegenseitig Haltgebens? Sind das etwa die Eltern, die ihr Kind verloren haben? Und in welcher Beziehung stehen sie zu dem Träumenden? Und welche Bedeutung haben die Szenen drum herum, die vom Verschwinden, vom Tod und von der Erinnerung erzählen?

Fragen wie diese stellen sich in diesem Comic auf fast jeder Seite, was diesen Band zu einer Fundgrube des Subtilen, der Imagination und Assoziation macht. Hier führt uns weg vom Hier und Jetzt hin zu den Ufern des eigenen Daseins. Der Comic legt seine Handlung mit leisen Tönen in die Hände des Leserbetrachters.

Mit fortschreitender Erzählung kommt ein Bedürfnis auf, dass es bis zuletzt zu unterdrücken gilt, will man nicht den Comic als Gegenstand zerstören. Man wäre doch zu sehr daran interessiert, ob die über die 300-seitige Publikation verstreuten Schnipsel aus den einzelnen Jahren zusammengesetzt wieder ein komplettes Ganzes ergeben würden. Da man dies aber unmöglich ohne das tatsächliche Zerpflücken und Wiederzusammensetzen der einzelnen Elemente erfahren würde, bleibt dies vorerst ein Geheimnis. Stilistisch eigenwillig und technisch innovativ geht dieses phänomenale Beispiel der Neunten Kunst vielleicht einmal irgendwann als non-sequential sequential art in die Nachschlagewerke ein.

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Here.inddRichard McGuire: Hier

Aus dem Englischen von Stephan Kleiner

Dumont Verlag 2014

300 Seiten. 24,99 Euro

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