Comic

Früher war mehr Lametta

Der kanadische Comiczeichner Gregory Gallant alias Seth war viele Jahre lang ein Geheimtipp in der Szene. Nach und nach wird sein Werk auch in Deutschland verlegt. Von seinen Werken geht eine Magie aus, der man nur erliegen kann.

In Nordamerika ist Gregory Gallant seit Mitte der 1980er Jahre ein angesehener und regelmäßig publizierter Comiczeichner. Er zeichnete vier Jahre lang die Kultserie Mister X, bevor er Anfang der Neunziger mit Palookaville seine eigene Erfolgsserie schuf. Die englischsprachigen Bände wurden hierzulande viele Jahre begeistert von Hand zu Hand weitergereicht, damals gab es noch keine Übersetzungen. Vergleiche mit dem Love & Rockets-Universum der Hernandez-Brothers machten die Runde. Während jedoch die Geschichten von Jaime, Gilbert und Mario Hernandez aus der fiktionalen mexikanischen Stadt Palomar mit der Gründung des Reprodukt-Verlags eine Heimat fanden, blieb der Palookaville-Kosmos von Seth trotz Ignatz-Award zunächst weiterhin ein Geheimtipp.

Das änderte sich ab 2004, als mit Clyde Fans und Eigentlich ist das Leben schön erstmals Teile der Serie in deutscher Übersetzung erschienen. Beide Bände verneigen sich vor der kleinen Gruppe der Comicsammler und sind, jeder für sich, ein Juwel. Die Zeit war jedoch noch nicht reif für den großen Durchbruch in Deutschland, Comics waren noch Bückware. Jahre später folgte der Comic Wimbledon Green, in dem Seth einen sehnsuchtsvollen Blick auf das Geschäft eines Ventilatorenherstellers wirft. Comics begannen an Ansehen zu gewinnen, ein guter Moment, um Seths grandiose Hommage an den fiktiven Karikaturisten Jack Kalloway, genannt Kalo, noch einmal aufzulegen.

Seth: Eigentlich ist das Leben schön 1

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Seth

In Eigentlich ist das Leben schön zeichnet Seth aus vermeintlich autobiografischer Perspektive die Suche nach den Spuren und Wurzeln eben jenes Kalo nach. Eine Kalo-Zeichnung im New Yorker hatte die Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers, der ein leidenschaftlicher Sammler von Cartoons und Zeitungsstrips ist, erregt. Doch so engagiert er auch sucht, er findet kaum weitere Arbeiten des unbekannten Künstlers. Ist Kalo nur ein Pseudonym? War der Urheber ein zeichnendes One-Hit-Wonder? Oder hat ein Unfall eine große Karriere verhindert? Das sind Fragen, die den Erzähler bei seiner Suche umtreiben, bei der er sich nicht nur durch alte Bücher- und Zeitschriftenstapel in Archiven und Antiquariaten wühlt, sondern auch den biografischen Spuren Kalos nachreist.

Seine Ausflüge zu dessen Wurzeln sind auch Reisen zurück in seine Kindheit, denn wie es der Zufall will, kommt Kalo aus Strathroy, einem Ort in der Nähe der Heimatstadt des Erzählers. Dort, wo dessen Kindheit wohnt, sind auch seine Erinnerungen an die Kindheitshelden der Zeitungscomicstrips Nancy, Andy Capp und Little Nipper zuhause. »Das ist Vergangenheit – und existiert nur noch in mir«, kommentiert der Erzähler wehmütig. Diese warme Melancholie zieht sich durch die gesamte Geschichte.

Seth: Eigentlich ist das Leben schön. Aus dem Englischen von Uli Pröfrock und Kai Wilksen. Edition 52 2010. 176 Seiten. 20,- Euro. Hier bestellen

Der erzählende Comic-Seth erinnert an Chris Wares traurig-schwermütigen Helden Jimmy Corrigan, er teilt mit ihm die Angst vor Bindung, vor Veränderung, vor der Zukunft und vor Problemen. Wenngleich nur vermeintlich autobiografisch hat man den Eindruck, dass dieses Selbstbild nah an der Wirklichkeit ist. Ein früher Peanut-Strip habe sein Leben geprägt, gesteht der Ich-Erzähler. Linus sagt darin zu Charlie Brown: »Ich mag Problemen nicht ins Auge sehen. Ich denke, Probleme löst man am besten, indem man sie vermeidet. Das ist mein fester Standpunkt. … Kein Problem ist so groß oder so kompliziert, um nicht davonzulaufen.« Dieser Kommentar von Linus passt perfekt zu dem Erzähler, von dem sein bester Freund und Ratgeber Chet behauptet, er wäre verkorkst wie alle anderen, aber »gut verkorkst«.

Eigentlich ist das Leben schön kommt so still und leise daher wie die Klänge des Saxofonisten, der aus der dämmrigen Ecke eines Jazzlokals heraus die Begleitmusik für einen angenehmen Abend spielt. Wer sich keine Zeit nimmt für dieses Meisterwerk, der wird hinterher nicht wissen, was ihm entgangen ist. All jene jedoch, die sich auf diesen Comic einlassen, werden aufgehen in dieser Geschichte, sich in den hohen und tiefen Tönen verlieren und den zahlreichen Solopassagen voller Genuss hingeben, wissend, dass dieser Moment unwiederbringlich ist.

Nach der Lektüre der Kalo-Geschichte waren sich viele einig, dass dies das künstlerische Meisterwerk des Kanadiers sei. Vor wenigen Monaten ist nun eine »Geschichte aus dem Skizzenbuch des Zeichners „Seth“« erschienen, mit der es dem Kanadier gelungen ist, sein vorhergehendes Werk aus dem Palookaville-Kosmos zu übertreffen. Vom Glanz der alten Tage heißt seine Erzählung aus der »Blütezeit des kanadischen Cartoons«, für die er erneut den vermeintlich autobiografischen Ansatz wählt. Tatsächlich aber erzählt er einmal mehr eine vollkommen frei erfundene Geschichte.

Sie handelt von der Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonists, einer Bruderschaft der kanadischen Comiczeichner, die während des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebt hat. Diese Blütezeit lässt Seth wieder aufleben, indem er seine Leser durch das GNBCC-Verbindungshaus führt. In der Manier eines Museumsführers präsentiert er uns das Haus und erzählt die (Comic-)Geschichten hinter dessen Objekten: vom kunstvoll gestalteten Flachrelief über dem Eingang – »ein „Who is Who“ der kanadischen Cartoon-Figuren« – über die Eingangshalle mit den von drei Gründungsmitgliedern gestalteten Wandgemälden sowie die Fotowand in der Haupthalle bis hin zum vereinseigenen Wappen und den Trophäen der Bruderschaft.

Seths Einfallsreichtum und Fantasie ist geradezu erschlagend. Er hat sich nicht nur die einzelnen Geschichten für seinen fiktiven Museumsrundgang ausgedacht, sondern zu jedem Mitglied der Bruderschaft, das hier Erwähnung findet, noch einen eigenen Zeichenstil gefunden und »imitiert«. Darüber hinaus finden die typischen Sorgen, die die Zeit und die Umgebung Comicszene mit sich bringen, ihren Niederschlag. Frauen seien »natürlich leider« immer unterrepräsentiert gewesen, die Partys früher besser als später und die innere Entwicklung habe zunehmend mafiotische Züge angenommen. Und wer angesichts all des Glanzes meint, Comiczeichner seien bessere Menschen, der habe sich getäuscht: Als Künstler hätten sich natürlich alle nicht nur ihre Talente, sondern auch ihre Allüren bewahrt.

Seth: Vom Glanz der alten Tage 13

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Seth

Diese prachtvolle Erzählung lesend kommt einem Loriots frappierende Erkenntnis in den Sinn, dass früher mehr Lametta war; zumindest lässt Seth diesen Eindruck entstehen. Der Kanadier zieht in diesem Comic alle Register. Er überrascht nahezu auf jeder Seite, sei es auf der Text- oder der Bildebene oder eben auf beiden. Seth beweist sich als wahrer Meister seines Fachs – nicht umsonst erhielt er für die grafische Gestaltung der Peanuts-Gesamtausgabe einen Eisner-Award. Hier nun sorgen sein grafisches Gespür und seine enorme erzählerische Souveränität dafür, dass die zeichnerische Vielfalt nicht in Willkür kippt. Bei diesem Comic stimmt vom ersten Strich bis zum letzten Satz einfach alles.

Seth: Vom Glanz der alten Tage. Aus dem Englischen von Frank Plein und Thomas Schützinger. Edition 52 2014. 136 Seiten. 25,- Euro. Hier bestellen

Eine Szene verdeutlicht die spielerische Virtuosität des Zeichners. Bei der virtuellen Besichtigung des Archivs der Bruderschaft beklagt der Erzähler Folgendes: »Wenn ich doch nur ein Fach öffnen und sie selber staunen lassen könnte“. Dieses Fach hält der Leser in seinen Händen, Seth selbst hat es gezeichnet. Sobald man es aufschlägt und liest, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Nachtrag: Am Ende dieser dem kanadischen Comiczeichner Joe Matt gewidmeten Geschichte gesteht der Erzähler, dass die Great Northern Brotherhood of Canadian Cartoonists erstunken und erlogen ist und es in Kanada nie eine besondere Blütezeit der Neunten Kunst gegeben hat. Offen gesagt war es auch viel zu schön, um wahr zu sein. Schade ist es dennoch.

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