Zwischen »Das Schloss« und »Fifty Shades of Grey«

Andreas Dresen: Als wir träumten | Peter Hartwig © Rommel Film

Surreal geht es auch in Sueñan los androides, der freien Adaption von Philip K. Dicks Science-Fiction-Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? zu, die im Forum der Berlinale läuft. Dem Spanier Ion de Sosa ist mit dem Film eine »versteckte Abhandlung über Verschiedenheit als auch ein nahezu dokumentarisches Essay über den irrealen Status quo in Spanien« gelungen, heißt es in der Ankündigung. Die Handlung spielt im Jahr 2052, ohne dass es mit Spanien sonderlich vorangegangen wäre. Menschen sind kaum zu sehen und viele Wohnungen stehen leer. Es ist der abgelegene Ort, von denen die Androiden träumen. Aber sie müssen eliminiert werden, weil sie den Menschen immer ähnlicher werden.

Der Film Elixir greift eine Episode der europäischen Kunstgeschichte auf, in der nicht nur einige der aufregendsten Surrealisten eine Rolle spielen, sondern in dem die Geschichte des Surrealismus kurzum vom Paris der 1920er Jahre in ein recht gegenwärtiges Berlin verlegt wurde. Im Zentrum des Films steht der Fotograf André Breton, der mit verschiedenen Künstlern in einer alten Fabrik in Berlin lebt. Doch die Künstlerkommune, ein Glashaus, droht unter die Räder der Gentrifizierung zu geraten. Der Fotograf sucht, belastet vom Tod seines engsten Freundes und Schriftstellers Jacques Vache, nach sich selbst. Auf einem seiner Streifzüge durch die Stadt liest er die Lexia auf, ein gefallener Engel aus Bosnien. Zugleich taucht der seit geraumer Zeit verschwundene Tristan Tzara wieder in der Kommune auf, um der auseinanderfallenden Gruppe ein neues Ziel zu geben: einen Aufsehen erregenden Anschlag auf eine Modenschau von Malcolm McLaren im Rahmen der Art Week. Elixir ist eine filmische Fantasie rund um die Deutungshoheit der Kunst, erweitert mit Fragen um erotische Revierrechte, Kunst und Kommerz, Underground und Hype.

Außerdem laufen im Rahmen der Berlinale-Vorstellungen die Nominierungen für den Deutschen Kinopreis LOLA. Darunter ist unter anderem die hier bereits gelobte biografische Verfilmung der Dreiecksgeschichte von Friedrich Schiller mit den Geliebten Schwestern Caroline und Charlotte von Wolzogen. Auch die Verfilmung von Adriana Altaras Erfolgsroman Titos Brille läuft in der LOLA-Reihe. Darin erzählt die Tochter jüdischer Partisanen, die für Tito kämpften und die im Nachkriegsdeutschland ein neues Leben begannen, von ihrer »strapaziösen Familie«. Altaras ist heute Regisseurin, Schauspielerin, Autorin und Mutter zweier Kinder. Ihre vermeintlich ungewöhnliche Familiengeschichte ist prototypisch für einen Großteil der Generation der Nachkriegskinder, die die Wunden aus der Vergangenheit ihrer Eltern bis heute spüren und ständig auf der Suche nach den eigenen Wurzeln sind. Die Regisseurin Regina Schilling begleitet Adriana auf einer Reise von Berlin bis nach Zagreb, Split und Rab zu den Spuren ihrer Familie.

Im Rahmen der Berlinale Classics läuft die Weltpremiere der restaurierten und digitalisierten Fassung von Richard Brooks In Cold Blood, der Verfilmung von Truman Capotes Kriminalklassiker. Capote hatte für seinen Roman nicht nur die Geschichte eines kaltblütigen Mordes nachgezeichnet, sondern sich in ein enges Verhältnis mit den beiden Mördern Perry Smith und Dick Hickock begeben. Sein Tatsachenbericht wurde ein Welterfolg und gilt bis heute als wegweisend für das Genre des New Journalism.

Im Rahmen der Retrospektive Glorious Technicolor wird Victor Flemings legendäre Verfilmung von Frank L. Baums legendärer Geschichte der kleinen Dorothy, die ein Wirbelsturm aus dem ländlichen Kansas in das Zauberreich Oz, »irgendwo jenseits des Regenbogens«, trägt. The Wiziard of Oz gilt als Meilenstein in der Geschichte des Farbfilms verzaubert dieser Mix aus Musical, Cartoon und Fantasy seit einem dreiviertel Jahrhundert Kinobesucher in der ganzen Welt. Mit dem Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe markierte der Film eine Zeitenwende im Kino. »Sobald die Tür geöffnet ist, überflutet Farbe die Leinwand (…), das Gelb des Ziegelsteinwegs, das Rot des Mohnfelds, das Grün der Smaragdstadt und der Haut der Hexe. So beeindruckend waren diese Farbeffekte, dass ich, nachdem ich den Film als Kind gesehen hatte, von grünhäutigen Hexen träumte«, wird der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie in der Ankündigung zitiert. Der Film wird in der Originalfassung von 1939 gezeigt, nicht in der 3-D-Fassung, die Warner Brothers zum 75. Geburtstag des Films herausgebracht hat.

Literatur gibt es aber auch in Kurzform, quasi die filmische Kurzgeschichte. Etwa mit Oscar Wildes Kunstmärchen The Nightingale and the Rose, in dem Gemälde der Künstlerin Del Kathryn Barton zum Leben erwachen und das Märchen in eine Bilderwelt von surrealer Schönheit übertragen wird. Man sieht einen Vogel mit zarten Brüsten, schwellende Pflanzenblüten mit traurigen Augen. Hat die Liebe noch einen Platz in einer Welt, in der Standesdenken und kalte Selbstsucht vorherrschen? Der für seinen Sarkasmus bekannte Oscar Wilde hält eine boshafte Pointe bereit. Ein Animationsfilm über die Einsamkeit wahrer Liebe.

Alle Einzelheiten zu den Filmen sowie die Termine der Vorführungen unter www.berlinale.de

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