Vom Porträt bis zur Versuchsanordnung

Anton Corbijn: Life | Caitlin Cronenberg © See-Saw Films

Im Programm der 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin, die heute beginnen, verbergen sich spannende Dokumentationen mit Anbindung an Literatur und Kunst. Eine Übersicht der Dokumentarfilme zu Kunst und Literatur auf der 65. Berlinale – von außergewöhnlichen Kochbüchern und Künstlerporträts.

Der Schriftsteller Amos Oz ist einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Israels. Mit 75 Jahren ist er nicht nur ein Chronist seiner Heimat, seine Literatur wirkt in der politischen Positionierung oftmals auch als Korrektiv zur Realität in Israel. Anfang März erscheint sein neuer Roman Judas, ein Liebesroman vor dem historischen Hintergrund der Gründung Israels. Mit Censored Voices läuft auf der Berlinale ein Dokumentarfilm, in dem Amos Oz einen Teil der späteren Historie Israels kritisch aufgreift. Als das Land 1967 im Sechstagekrieg die übermächtig erscheinende Koalition der arabischen Armeen besiegt und sein Territorium auf die dreifache Größe ausgedehnt hatte, befand sich Israel im Siegestaumel. Am Rand der allgemeinen Euphorie sprach Amos Oz mit jungen, von der Front zurückkehrenden Kibbuzniks offen über die Zerstörung, die Gräuel des Krieges und über ihre Ängste. Die Soldaten waren dabei wesentlich kritischer, als es der Schriftsteller erwartet hatte. Zur geplanten Veröffentlichung der Interviews kam es nicht, weil der Großteil der Tonbänder von der israelischen Armee zensiert wurde und es bis heute noch ist. In Censored Voices werden den noch existierenden Fragmenten der Originalaufnahmen Stimmen aus Nachrichtenarchiven und Bilder des Konfliktes gegenübergestellt, die das Gesagte in seiner Zeit verorten. Die ehemaligen Soldaten sind heute Männer über 70, die ihre damaligen Zweifel über die Opfer, die in diesem Krieg für den Sieg erbracht wurden, bewegt auf sich wirken lassen. Der Film feierte seine Weltpremiere beim Sundance Filmfestival und wird bei der Berlinale erstmals in Europa gezeigt.

Ohne Zweifel außergewöhnlich ist der Abend Festins Imaginaires im Rahmen der Reihe Kulinarisches Kino. Der Film erzählt von fünf unter besonderen Umständen entstandenen Rezeptsammlungen. Da ist die Sammlung von Edith Peer, die im Konzentrationslager Ravensbrück entstanden ist, oder die von der französischen Widerstandskämpferin Christiane Hingouet aus dem KZ Leipzig. Das Stoffbuch von Vera Bekzadian ist im Gulag Potma entstanden und das von einer Gruppe französischer Männer im Konzentrationslager Flöha. Sergeant Warren Stewart zeichnete während seiner Zeit als Kriegsgefangener in Kawasaki auf 175 Seiten das Essen, nach dem er sich sehnte. Festins Imaginaires ruft nicht nur diese Rezeptbücher in Erinnerung, sondern zeigt auch, welche Risiken junge und alte Menschen, ganz egal ob Männer oder Frauen, eingegangen sind, um eine Literatur zu erschaffen, die trivial erscheint, doch einen unglaublichen Akt des Widerstands offenbart.

In der Dokumentation Sprache:Sex geht es weniger um Literatur, als um die Wirkung, die Sprache entfalten kann. Aber wenn es um die vermeintlich schönste Sache der Welt geht, bleibt es schwer, darüber jenseits von Schlüpfrigkeiten und ohne Verklemmung zu sprechen. Sechzehn Personen im Alter von 13 bis 74 Jahren versuchen hier, das Gegenteil zu beweisen. Sie sprechen über Unsicherheiten und Begierden, Vorlieben und Abneigungen, Liebes- und Lebensentwürfe. Statt soziologischer Akkuratesse wagt dieser Film den beherzten Versuch, der Kraft des offenen Worts zu vertrauen und dem Wunder der Begegnung freien Lauf zu lassen.

Im vierstündigen Dokumentarfilm Les Choses et les Mots de Mudimbe spricht der kongolesische Literaturwissenschaftler Valentin-Yves Mudimbe in seinem Haus in den USA über das Leben im Exil. Dabei bezieht er Position zu den kulturellen, sozialen und politischen (R)Evolutionen der Zeitgeschichte.

Bei der Berlinale Special Gala ist mit Life die Hommage des niederländischen Fotografen und Regisseurs Anton Corbijn (zuletzt A Most wanted Man) an den Fotografen Dennis Stock zu sehen. Dabei interessiert er sich weniger für Stocks Leben, als vielmehr für die Idealisierung und Ikonisierung seiner Aufnahmen. Ausgangspunkt ist dabei die Begegnung des ehrgeizigen Hollywood-Fotografen (Robert Pattinson) mit dem 1955 noch unbekannten Jungschauspieler James Dean (Dane DeHaan). Stock meint das Ausnahmetalent schon zu sehen und begleitet den scheuen Star für eine Fotoserie auf die heimatliche Ranch in Indiana. Zurück in New York macht er jene weltberühmte Aufnahme, die die Legende James Deans bis heute lebendig hält. Stocks Aufnahme James Dean haunted Times Square wurde eine der meist reproduzierten Fotografien des 20. Jahrhunderts.

Die dokumentarische Verfilmung von Adriana Altaras Familiengeschichte, die in dem Erfolgsroman Titos Brille zu einem Bestseller avanciert ist, läuft in der LOLA-Reihe der Berlinale. Darin erzählt die Tochter jüdischer Partisanen, die für Tito kämpften und die im Nachkriegsdeutschland ein neues Leben begannen, von ihrer »strapaziösen Familie«. Altaras ist heute Regisseurin, Schauspielerin, Autorin und Mutter zweier Kinder. Ihre Familiengeschichte ist prototypisch für einen Großteil der Generation der Nachkriegskinder, die die Wunden aus der Vergangenheit ihrer Eltern bis heute spüren und ständig auf der Suche nach den eigenen Wurzeln sind. Die Regisseurin Regina Schilling begleitet Adriana auf einer Reise von Berlin bis nach Zagreb, Split und Rab zu den Spuren ihrer Familie.

Veronique Aubouy verneigt sich mit ihrem Dokumentarfilm Je suis Annemarie Schwarzenbach vor der viele Jahre in Vergessenheit geratenen und vor wenigen Jahren wiederentdeckten Schweizer Schriftstellerin und (Reise-)Journalistin, die schon mit 34 Jahren starb. Vor allem der Band Liebeserklärungen einer Reisenden sowie die Ausstellung Eine Frau zu sehen rund um ihren 100. Geburtstag im Museum Strauhof in Zürich sowie im Literaturhaus Berlin haben zu ihrer Wiederentdeckung beigetragen. Das von der Berliner Fotografin Marianne Breslauer aufgenommene Porträtfoto Schwarzenbachs ist eine Bildikone der emanzipierten Fotografie – vielleicht auch, weil diese in ihr »das schönste Wesen, dem ich je begegnet bin« gesehen hat. Schwarzenbach war eine schillernde Figur der Bohème der Zwanzigerjahre, »lesbisch, drogensüchtig, Globetrotterin, von betörender Androgynität und, zum Leidwesen ihrer dominanten Nazi-verehrenden Mutter, Antifaschistin«. Véronique Aubouy geht über den bislang einzigen Dokumentarfilm Une suisse rebelle von Carole Bonstein hinaus und lässt 16 junge Schauspieler in wechselnden Rollen als Schwarzenbach und deren Freunde und Geliebte agieren. »Sie sind zunehmend fasziniert von der Sogwirkung dieser Figur. Das Oszillieren zwischen den Geschlechtern wird zu einem gemeinsamen Projekt. Was als Casting, in dem die jungen Schauspieler aufgefordert werden, ihre Biografien an die der Schriftstellerin anzudocken, beginnt, endet als Beziehungsreigen, in dem die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung verschwimmen«, heißt es in der Ankündigung.

Last but not least soll hier auf Dominik Grafs Hommage an Michael Althen hingewiesen werden. In Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen lässt Graf Kollegen, Freunde, Regisseure, seine Frau und auch Michael Althen selbst zu Wort kommen. »…und die Filmgeschichte beginnt plötzlich zu sprechen«. Dabei kommt Grafs Porträt seines Freundes weitgehend ohne Filmausschnitte aus. »Er schreibe Kritiken, weil er irre vergesslich sei, so könne er rekonstruieren, warum nach einem Film welche Gefühle zurückgeblieben seien, sagt Althen einmal. Diese Arbeit und dieses Vergnügen der Rekonstruktion betrieb er meist bis in die tiefe Nacht. Vielleicht habe bei Althen das Unbewusste mitgeschrieben, sagt einer seiner Kollegen.«

Alle Einzelheiten zu den Filmen sowie die Termine der Vorführungen unter www.berlinale.de