Der Meister der Postmoderne

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In seinem zweiten – ja was eigentlich, ein Roman ist es nicht – …Buch geht MZD, wie er von seinen Anhängern liebevoll genannt wird, noch einen Schritt weiter. Das Buch wird hier zur Scheibe, zum stets vorwärts rollenden Rad eines amerikanischen Automobils, zur Dauerplatte auf dem Turntable, zur niemals endenden Zeitleiste eine analogen Zeigeruhr. Only Revolutions lautet der Titel dieses zweistimmigen Gesangs, der jede nachvollziehbare Erzählstruktur verlässt und den Leser in ein Abenteuer versetzt, das man euphemistisch als eine außerordentliche Leseerfahrung bezeichnen könnte.

Dieser Roman ist wohltemperierte Literatur, der neunten Kunst nicht ganz unverwandt. Denn jede Seite, jeder Absatz, ja sogar jede Zeile ist ausbalanciert und komponiert. Jede Doppelseite ist nochmals durch einen eine unsichtbare horizontale Spiegellinie geteilt, so das mit der Buchmitte vier Halbseiten entstehen, auf denen die jeweils aus 90 Wörtern bestehenden Cantos der beiden ewig 16-jährigen Hauptpersonen Sam und Hailey im Uhrzeigersinn ausgerichtet sind.

Sam und Hailey haben nahezu unabhängige Erzählrollen. Beider Stimmen gibt es auf jeder Seite in einer positiven und einer negativen Stimmung, so wechselt man permanent zwischen ihnen. Die Erzählung verläuft im Kreis, das Buch wird zur Drehscheibe, die vier mal 90 Wörter verdichten sich zu einem 360°-Gesang (einen Audio-Eindruck bekommt man auf der genialen Seite zum Buch www.onlyrevolutions.com) auf der Doppelseite, derer es 180 gibt, also 360 Einzelseiten. Selbst Nicht-Mathematiker bekommen nun eine Ahnung, welch kreisrundes Spiel der Unendlichkeit hier gespielt wird.

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Der Verlag empfiehlt zur Entwirrung der Knoten, die beim Lesen im Kopf entstehen, den Wechsel zwischen Sam und Hailey nach acht Seiten. Eine Art Timeline, die einige Jahrestagesinformationen in Wikipedia-Manier bereithält, gibt dem Leser ferner den Anschein einer Art Grundorientierung. Die Hoffnung auf eine solche sollte man als Leser dieses postpoststrukturalistischen Textkonvoluts aber besser in die Wüste schicken – durch die Hailey und Sam auf ihrer Tour durch Zeit und Raum irgendwie auch kommen. Beide fahren ebenso rasant miteinander als auch frontal gegeneinander – intellektuell, sexuell, gen(d)erell – in dieser Road Novel, die keine Novel ist, da sie weder Start noch Ziel hat. Sam und Hailey fahren immer geradeaus und zugleich im Kreis, 360 Grad oder 360 Tage lang, um am Ende – nicht klüger, nicht älter und nicht belesener – wieder am Anfang zu sein.

Richard Yates’ Revolutionary Road und Marc Z. Danielewskis Only Revolutions sind zwei völlig unterschiedliche Romane, aber es würde nicht wundern, wenn der eine beim anderen Titel und Motto abgeschaut und in einen Würfelbecher geworfen hat. Herausgekommen ist ein Text, in dem sich alles dreht und der alles drehen lässt, der revolutionär ist und dennoch in seiner Ziellosigkeit für keine Revolution taugt, der irre verführt und in die Irre (ver-)führt.

Only-RevolutionsMark Z. Danielewski: Only Revolutions

Aus dem Englischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza

Tropen-Verlag 2012

360 Seiten. 24,95 Euro

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