Vom Glück und Unglück der Digitalisierung

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Befinden wir uns am Anfang der analogen Revolution oder schon im fortgeschrittenen Zeitalter der Maschinen? Während Dave Eggers mit seiner müden Google-Dystopie viele Fragen offen ließ, versuchen andere Autoren die Verheißungen der digitalen Lebenskultur zu ergründen.

»Wahnsinn, dachte Mae. Ich bin im Himmel.« Mit diesen beiden simplen Sätzen beginnt Dave Eggers seinen Roman Der Circle, eine Dystopie der nahen, vielleicht bereits eingetretenen digitalen Zukunft. Während aus literaturwissenschaftlicher Perspektive auf die mangelnde Qualität des Romans hingewiesen wurde, waren die Feuilletonisten des Digitalen voll entflammt. Zu Recht, denn Der Circle ist ein Zeitgeist-Roman, ein wichtiger Baustein für eine zu schreibende Mentalitätsgeschichte der Digitalen. Er schildert, auf welchem sympathischen, kommunikativen, partizipativen, transparenten Weg digitale Welten uns die Freiheit, die Anonymität, schlichtweg das Private nehmen. Wie so viele Ideologien ist auch beim Digitalismus das gut Gemeinte die Vorstufe zum real Schlechten bis hin zum total Bösen. Ja, Digitalisierung könnte so schön sein, so blau und makellos wie der Himmel über Mae Holland, der Heldin in Eggers Roman: »Die Vollendung stand unmittelbar bevor, und sie würde Frieden bringen, und sie würde Einigkeit bringen, und all das Chaos der Menschheit, all die Ungewissheiten, die die Welt vor dem Circle beherrscht hatten, wären nur noch Erinnerung.«

The-Second-Machine-Age_2D_300dpi_rgb_5488Die revolutionäre Wucht, die die Digitalisierung auszeichnet, speist sich aus den vielen kleinen und großen Revolutionen in den verschiedensten Lebensbereichen. Digitalisierung mag einmal via Handy und Email in schnellen und beschleunigten Formen des Austauschs als Kommunikationsrevolution begonnen haben, in der Zwischenzeit hat sie alle Bereiche des menschlichen Lebens erreicht. Vergleichen lässt sich die Digitalisierung noch am ehesten mit der Industriellen Revolution, mit dem ersten Maschinenzeitalter. Nun stehen wir im »Zweiten Maschinenzeitalter«, so die These von Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrer zukunftsmusikalischen Studie The Second Machine Age – Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird schreiben. Beide forschen und lehren an der MIT Sloan School of Management. Sie forschen über IT-Produktivität und Informationswissenschaften sowie über die Auswirkungen von IT auf Unternehmen und die Wirtschaft insgesamt. Ihre Botschaft ist klar: »Wir stehen an einem Wendepunkt – am Anfang einer Veränderung, die ebenso tief greifend ist wie die industrielle Revolution. Die neuen Technologien sind nicht nur exponentiell, digital und kombinatorisch, sondern haben ihren Nutzen erst ansatzweise entfaltet.« Mit anderen Worten: Was sich noch wie und wie schnell entwickeln wird, lässt sich nur ansatzweise erahnen, aber bestimmt nicht vorhersagen. Laut Brynjolfsson und McAfee befinden wir uns in einer Zeit, in der alles, was früher war, kein verlässlicher Indikator mehr dafür ist, was als Nächstes passiert. Dies vor allem auch deshalb, weil die Beschleunigung exponentiell ist.

Die Autoren von The Second Machine Age nehmen die Geschichte um den Erfinder des Schachbretts zur Hilfe, um exponentielles Wachstum zu verdeutlichen. Als das Schachbrett im 6. Jahrhundert im heutigen Indien erfunden wurde, bedankte sich der Kaiser des Gupta-Reiches und forderte den Erfinder auf, sich selbst eine Belohnung zu wählen. Dieser meinte, er wünsche sich lediglich etwas Reis für seine Familie. Pro Feld des Schachbrettes solle sich die Anzahl der Reiskörner verdoppeln. Der Kaiser hielt dies für einen bescheidenen Wunsch, den er gerne erfüllen wollte. Mathematiker werden wissen, dass diese Bescheidenheit nach 63 Verdoppelungen eine gewaltige Menge an Reiskörner bedeutet, nämlich genau 264-1 Reiskörner. Oder in Worten, mehr als 18 Trillionen Stück. Mit diesem Beispiel erklären Brynjolfsson und McAfee die enorme technologische Bedeutung des Moore’schen Gesetzes. Gordon Moore, der Mitbegründer von Intel, schrieb 1965, dass pro Jahr sich die Rechenleistung verdoppeln werde. Und dies mindestens über zehn Jahre lang. Moore irrte sich, denn sein Gesetz behielt nicht nur zehn Jahre lang Gültigkeit, sondern vier Jahrzehnte. In der Zwischenzeit verdoppelt sich die Rechenleistung etwa alle 18 Monate. Was bedeutet das technologisch: »Der exponentielle Fortschritt ermöglicht es der Technik, ihren Vormarsch fortzusetzen und auf der zweiten Hälfte des Schachbretts Science-Fiction Wirklichkeit werden zu lassen.« Wir leben im Zeitalter von Science Fiction. Was gestern noch als irreale Spinnerei in einem schlechten Film zu sehen war, kann morgen schon Wirklichkeit sein. Dabei scheint auch das Moravec’sche Paradox zu lösen zu sein. Hans Moravec postulierte 1980, dass Dinge, für die es einen hoch entwickelten Verstand bedarf – etwa das Schachspiel –, relativ wenig Rechenleistung benötigen, während einfache sensomotorische Fähigkeiten wie das Treppensteigen ganz enormer Computer-Ressourcen bedürfen.

Menschenzeit von Christian SchwaegerlAn welchen Dingen Wirtschaft, Militär und Digitalkonzerne konkret arbeiten, schildert der Wissenschaftsjournalist und Publizist Christian Schwägerl in seinem Buch Die Analoge Revolution – Wenn Technik lebendig wird und die Natur mit dem Internet verschmilzt. Der einzige Kritikpunkt an diesem Buch ist sein irreführender Titel, denn es geht ihm gerade nicht um die Umdrehung der Verhältnisse weg vom Digitalen zurück zum Analogen, sondern vielmehr um den neuen Charakter der Digitalisierung und ein neu entstehendes Verhältnis von Mensch, Natur, Maschine: »Dieses Buch beschreibt einen Verschmelzungsprozess. Mensch, Natur, Technologie – drei Sphären, die in der westlichen Denktradition fein säuberlich voneinander ferngehalten wurden – verbinden sich im 21. Jahrhundert zu neuen Phänomenen, die bereits heute nicht nur das menschliche Leben, sondern alles Leben auf der Erde verändern.«

Schwägerl schildert die Anstrengungen wie die Fortschritte, die Ingenieure, Informations- und Kommunikationswissenschaftler machen, um Roboter laufen, Treppen steigen, springen und fliegen lassen. Er belässt es aber nicht dabei, die Veränderungen der Welt auf das Format von Smartphones, iPads oder PCs zu beschränken. Bereits in seinem vorangegangenen Buch Menschenzeit – Zerstören oder gestalten? Die entscheidende Epoche unseres Planeten beschrieb er, wie sehr die Menschheit sich den Planeten untertan macht. Die Veränderungen auf der Welt seien jetzt bereits so groß, dass man im Sinne eines Erdzeitalters vom Anthropozän – vom »Zeitalter des Menschen« – sprechen könne. Doch dies ist nur ein Teil einer viel größeren Entwicklung, so Schwägerl. Technik, und sei sie noch so digital, braucht echte Ressourcen, echte Rohstoffe, richtigen Strom, die zum Teil unter prekären Bedingungen der Natur abgerungen werden müssen.