Vom Glück und Unglück der Digitalisierung

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Genau wie Schwägerl die Verbindung zwischen realer, physischer Welt und technologischen, digitalen Erfindungen beschreibt und wie der Mensch darin als Schnittstelle fungiert, macht sein Buch intellektuell so reizvoll. Wohin diese Entwicklungen die Menschheit führen können, beschreibt Schwägerl in vier Szenarien. Zwei davon sind dystopischer Natur, sie schildern, in welche Ketten sich die Menschen selber legen, wenn sie blind auf die Vorteile von Algorithmen und »Sozialen Netzwerken« in ihrem Leben setzen. Die kostenlosen Dienste von Google oder Facebook zahlen wir teuer mit unseren Daten von Privatheit, Begierden, Wünschen und Träumen. Die Tendenzen zur Monopolisierung im Internet verhindert Alternativen.

Zwei der Visionen, die Schwägerl schildert, sind utopischen Charakters. Wenn wir Menschen es schaffen, die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien klug einzusetzen, dann können wir zu einer ganzheitlicheren Betrachtung unseres Lebens auf diesem, unseren Planeten kommen, zu einem besseren Verständnis der Zusammenhänge von Mensch, Natur und Technik. Damit auch zu einem selbstbestimmten Umgang mit Technologien und zu einem verantwortlicheren Umgang mit den begrenzten Ressourcen, die unsere Welt uns bietet. Wenn nicht, landen wir in »Googlonia«, Schwägerls Einstiegsszenario, wo Menschen willfährige Sklaven der digitalen Überwachung sind. Die Fortführung dessen, wenn sich die Erzählung von Der Circle durchsetzt.

Die analoge Revolution von Christian SchwaegerlDa Google – wenn auch nur indirekt – erwähnt wurde, sollten wir uns zuletzt einem weiteren Buch widmen, welches das Tal beschreibt, in dem dieses Unternehmen beheimatet ist und aus dem die Veränderungen der Zukunft stammen: Silicon Valley. Nach diesem versprechenden Tal hat Christoph Keese, Executive Vice President von Axel Springer, sein Buch benannt, von dem hier die Rede ist. Keese hatte im Auftrag seines Konzerns eine Dienstreise in das Digital-Hub der westlichen Welt unternommen, seine Eindrücke beschreibt er in einer Art Reisetage-, Beobachtungs- und Erkenntnisbuch. Man mag zu Axel Springer politisch stehen, wie man will, man mag am Umbau des Konzerns zweifeln, dass der Axel Springer Konzern aber wohl das Unternehmen in Deutschland ist, das sich am intensivsten mit der Digitalisierung beschäftigt, ist unbestritten. Das liegt auch an so klugen Köpfen wie Christoph Keese. Mit offenen Augen und Ohren erfährt er Silicon Valley, lässt sich auf die Menschen ein, auf deren Denken und Motivationen. Keese trifft auf die unterschiedlichsten Typen, auf Akademiker wie Gerhard Casper, dem ehemaligen Präsidenten der Stanford University und zukünftigen Leiter der American Academy in Berlin, auf Unternehmer wie Peter Thiel, dem ehemaligen CEO von PayPal, oder auf Alex Karp, dem Gründer der Sicherheits- und Big-Data-Firma Palantir, und und und. Alle strahlen ein ungeheures Bedürfnis nach Veränderungen, nach Kreativität, nach Unternehmertum, nach the next big thing. Um dieses next big thing zu erreichen, kann es sein, dass dazwischen neun Flops liegen. Egal, ohne Risiko kein Gewinn, ohne Scheitern kein Lernen oder in den Worten des Gründers von IBM, Thomas J. Watson: »The fastest way to succeed is to double your failure rate.«

Konzerne wie Google, Apple, Amazon, Facebook und Co leben von Menschen mit solchen Mentalitäten, Menschen, die wissen, wie die Welt zu sein hat. Menschen, die einfach tun, was sonst keiner wagt. Menschen, die sich selbst und ihre Arbeit umstandslos in Frage stellen können und wieder neu anfangen. Innovation ist ein Zauberwort, »disruptive Innovation« das viel wichtigere. Den Unternehmern, Technikern und Ingenieuren im Silicon Valley geht es nicht darum, das eine durch das andere zu ersetzen, die Vinyl-Platte durch die CD, sondern das komplette System umzustürzen: Statt Tonträger Streaming. Natürlich produziert das etliche Verlierer, aber eben auch ein paar Gewinner. Und wir User gehören dazu und treiben die Disruption voran. Warum 20 Euro für eine CD ausgeben, wenn wir die Musik irgendwo im Netz auch kostenlos finden? Zu den Gewinnern gehören wir zumindest gefühlt ein bisschen. Wir, das heißt die User. Am stärksten aber profitieren die Konzerne und einzelne Superstars. Alle anderen verlieren in der Endabrechnung.

Silicon Valley von Christoph KeeseEine solche Haltung ist in Deutschland nur begrenzt vorhanden, vermutlich auch nur begrenzt vermittelbar. Keese ist auch deswegen in die USA gegangen, um zu lernen, was in Deutschland geschehen muss, um den Anschluss an die digitale Zukunft nicht zu verpassen. Denn während der wirtschaftliche Frühling 2015 in Deutschland von zwei fossilen Dinosauriern wie Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn geprägt wird, wird im Silicon Valley darüber nachgedacht, wie etwa das Bankensystem ersetzt werden könnte, wie Keese an einer Stelle seines Buches verrät. Wie schnell die Gegenwart ist, zeigt der Artikel »App statt Bank« aus der Wochenzeitung DIE ZEIT im Mai 2015. Die Banken stehen längst in Konkurrenz zu PayPal, Google Wallet, Apple Pay, Kreditech oder anderen Fintechs und nicht immer scheinen die Banker die Zeichen der Zeit zu erkennen. Ein weiterer Vorteil der amerikanischen Mentalität: Tempo geht vor Perfektion. Kunden sind ideale Weiterentwickler der Produkte. Sie erkennen, was nicht funktioniert, was fehlt, wo Verbesserungen nötig sind. Können wir uns Produkte »Made in Germany« vorstellen, die nicht bis ins Perfektionistische getrieben sind?

Christoph Keese verklärt die Realitäten des Silicon Valley nicht. Im Gegenteil, er verweist auf die sozialen Verwerfungen, die die Digitalisierung vorantreibt. So ist ein Kapitel auch mit »Exklusiver Boom: Die Wertschöpfung im reichsten Tal der Welt erreicht nur die Gebildeten« überschrieben, in dem er Silicon Valley als das Tal der sozialen Gegensätze darstellt. Grundsätzlich gilt für das mächtigste Tal der Welt, was Brynjolfsson und McAfee sehr allgemein ausgedrückt haben: »Technischer Fortschritt, vor allem bei digitalen Technologien, löst eine beispiellose Umverteilung von Vermögen und Einkommen aus.« Vor allem von unten nach oben, von vielen zu wenigen. Inwieweit der Kapitalismus als Wirtschaftsform überleben kann, ist eine Frage, die keiner der Autoren stellt. Ein ganz düsterer Blick in die Zukunft könnte jedoch sein, dass weder der Kapitalismus Menschen braucht noch die zu zukünftigen Roboter, wenn sie erst einmal gelernt haben, die Arbeit der Akademiker und gut Ausgebildeten zu übernehmen.

Aber bis es soweit ist, genießen wir das neue iPhone, die supercoolen Apps, den Ausflug mit einem fahrerlosen Auto und all die anderen smarten Erfindungen, die uns das Leben leichter machen; und vor allem den makellos blauen Himmel, der uns mit Mae verbindet. Es wird schon gut gehen. Es ist doch bisher immer noch alles gut gegangen, oder?

The-Second-Machine-Age_2D_300dpi_rgb_5488Erik Brynjolfsson, Andrew McAfee: The Second Machine Age

Aus dem Englischen von Petra Pyka

Plassen Verlag 2014

368 Seiten. 24,99 Euro

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Die analoge Revolution von Christian SchwaegerlChristian Schwägerl: Die Analoge Revolution. Wenn Technik lebendig wird und die Natur mit dem Internet verschmilzt

Riemann Verlag 2014

320 Seiten. 22,99 Euro

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Silicon Valley von Christoph KeeseChristoph Keese: Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt

Knaus Verlag 2014

320 Seiten. 19,99 Euro

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